Full text: Allgemeine Schulzeitung - 31.1854 (31)

Allgemeine Schul-Zeitung. 
 
Dienſtag, 14. März 
 
Die Volksſchule im Kampf wider den Müßiggang. 
Du haſt zwei Hände und Einen Mund; 
Lern" es ermeſſen! 
Zwei ſind da zur Arbeit und 
Einer zum Cſſen, 
Rücert. 
Ohnlängſt ſtellte ein öffentliches Blatt den Saß auf: „Der 
Müßiggang iſt die gewöhnliche Folge ſc<lehter Erziehung." Iſt 
dieß wahr, inwiefern , und was kann die Volksſchulerziehung 
gegen den Müßiggang thun ? 
Es iſt eine Ungerechtigkeit , die Schule für Gebrechen dex 
Zeit verantwortlich zu machen , die ibrer Natur nach einen tie- 
feren Grund haben müſſen, als die Schule, wo doch nur kurze 
Zeit im Verhältniß zur Lebensdauex und nur Gutes in Wort 
und That gelehrt wird. Die Schule darf in Wahrheit ſagen : 
„die Zeit iſt aus dem Gelenke , aber nicht durc) meine Schuld.“ 
Und nun ſoll die Sculerziehung mit ihren wenigen und ſ<wa- 
<en Waffen gegen die mächtigen Gewalten einer vertehrten 
häuslichen Erziehung von Kindesbeinen an , ſ<lec<hter Beiſpiele 
des frivolen Zeitgeiſtes und gegen Widerſinnigkeit aller Art an- 
kämpfen , ankämpfen gegen die Uebel der Tages8ordnung, an 
dexen Heilung nicht zu verzweifeln der feſteſte Glaube an die 
Menſchheit , der ausdauerndſte Muth, die unbeugſamſte Zucht 
kaum noh Hoffnung geben; gegen veraltete Uebel, die nachge- 
rade auch dem Kaltblütigſten Entſeßen einjagen , deren Früchte 
bereits zu ſchwellen anfangen und dem unbewaffneten Auge des 
Kurzſichtigſten nicht entgehen. Dex Sumpf der Eigenſucht und 
der Shwindelgeiſt, wovon dem unerfahrenen , unverſtändigen, 
leider of? auch bögartigen Mitſchreier der Kopf eingenommen 
wurde, haben ſie hervorwachſen , angenehme Vorſpiegelungen von 
Herrſchaft, Steuerloſigkeit, Müßiggang und allen Schmeicheleien 
der Selbſtſucht , wie ſie jeder Einzele fich dachte, wünſchte, 
ausmalte, reifen und ſ<wellen laſſen. Jeder verſpra< Thaten 
der Gemeinnüßigkeit und der Aufopferung, und dog -- Sit 
venia verbo! --- ſtanf Alles von Selbſtſucht und feinem Ge- 
folge, unten und oben, der Führer , der Verführer, der Anführer 
und der Angeführte. *) Und nun die Saat in Aehren geſchoſſen, 
ſteht man händeringend und verzweifelnd. Man verläſſt 4hgarenweije 
das Land, wie Mäuſe, die aus einem Hauſe vor feinem Ein- 
ſturz ausziehen. Man weiß nicht, was es werden joll. Man 
ſtaunt und ſtaunt, wie es mögli< war, dur< Umſturz alter, 
ehrwürdiger, dur4 Srift, Zeit und Gebrauch geheiligter Ein- 
richtungen ſich ſelbſt, unantaſtbares Eigenthum der Armuth und 
Aſyle des Alters und der Hilfsbedürftigkeit des gewiſſen Zu- 
fluſſes zu berauben, eine Menge Menſ<en um Arbeit und 
Credit, eine Menge um Lebensunterhalt, Luſt und Liebe zur 
 
*) Seien wir nicht ungere<ht! Im Jahr 1848 haben viele, ſehr vicle 
Männer ohne Selbſtſucht --- ſoweit ſich dieſer ein Sterblicher ent- 
ſchlagen kann --- einen grundehrlihen und uneigennüßigen Eifer 
für das Wohl des Vaterlandes gehabt. K. W. 
1854 
N 31. 
Arbeit zu bringen! Man war ſo thöricht, zu nehmen, wo Et- 
was lag; man verzehrte die ausgelegte Samenfrucht, die in 
ewiger Wechſelwirkung dem ganzen Körper der Menſc<hengemeinde 
Kraft und Gedeihen geſpendet hätte, und dachte nicht daran, 
daß verſtopfte Quellen auc; Bäche, Flüſſe und Ströme ver- 
ſiehen machen. Auf dieſem Punkte ſind wir angekommen. Die 
Ausfichten auf's ſ<höne Sclaraffenleben liegen in nebelgrauer 
Ferne, aber die Su<t danaM iſt ſeſtgewac<ſen, und der 
Müßiggang , dieſer unzertrennliche Gefährte von Genuſſſucht 
und ſchlechter Wirtſchaft, macht ſi breit und vergiftet mit an- 
ſte>endem Athem das jetzt lebende Geſchlecht. *) 
Unter den Uebeln der Zeit iſt der Müßiggang das ſ<limmſte, 
einestheils ſeinex Herkunft, anderntheils ſeines Anhanges und 
ſeiner Folgen wegen. Leider müſſen wir es zugeſtehen: er iſt 
die Folge ſchlechter Erziehung, aber nicht der Volksſ<hulerziehung, 
ſondern der häuslichen Erziehung, des ſchlechten Bei- 
ſpiels, des Mangels an Ehrliebe und dur<greifen- 
der polizeilicher Zucht. Dieſe haben den Müßiggang in 
jeder Geſtalt und Form und jedem Alter groß gezogen. Aber, 
entgegnet man mir, die vielen Handwerksburſche, die vielen 
Familienväter, die ohne Arbeit darben , gehören dieſe zu den 
Müßiggängern ? Nicht alle, aber viele. Denn wer Arbeit will, 
der findet ſie. Freilih niht immer nac< Luſt und Gefallen, 
nach eigener Shäßung und Ueberſhäzung ſeiner Kräfte und Ge- 
ſhiälichfeiten. Handwerk hatte freilich früher goldenen Boden, 
jeht mag er ſilbern fein, ſo iſt es doH immer noh edeles Me- 
tall, worauf es fußt. Man muß freilih ſchwimmen und waten, 
und es gibt Stande, die dieſes immer mußten und die noch 
um ſo viel ſchwerer es thaten, als man ihnen alles Mögliche 
in die Schuhe ſchob. Aber Jeder will jezt ein Haus machen, 
und der alte, zufriedene Spießbürgergeiſt, über den man ſich 
jeßt Inſtig macht, der aber Hauſer baute und Zufriedenheit und 
Wohlſtand gründete, verſchwindet immer mehr und mehr in 
Armut und Arbeitsloſigkeit. BDazu der Luxus, der ſich ſo 
gern mit dem Scheine begnügt und gutes Geld Shattenbildern 
nachwirft. Wol iſt der Luxus nothwendig und ſelbſt eine Nah- 
rungsquelle für Viele, aber auch eine Quelle des Untergangs 
für die, welche ihn nicht zu beſtreiten vermögen. Ein Beiſpiel 
noh nicht der ſ<limmſten Art! In Ortſchaften an der Eiſen- 
bahn, wo früher Jedermann den Weg zu den Nachbarorten zu 
Fuß zurüclegte, glaubt jezt oft der ärmſte Mann des niederen 
Preiſes und der Bequemlichkeit wegen den Dampfwagen benußen 
zu müſſen. Aber „kaufe , was du nicht brauchſt , ſo wirſt du 
bald verkaufen müſſen, was du brauchſt.“ Doch, ich komme auf 
meinen Satz zurü , indem i<€ behaupte: Der Müßiggang 
iſt die Folge ſc<lehter elterliher Zu<t. Es iſt zwar 
 
*) Erfc<hre>lich wahr ſchildert ein Bauersmann im Mainzer Kalender 
den Zuſtand unſerer Zeit in folgenden Worten: 
„Die Finger lang, die Geſeße zu kurz, 
Das Gewiſſe wie € Strumpf ſo weit, 
Die Sc<ul' e Laſt, die Kir<' zu groß, 
Zuchthaus zu klein, ſo find't man's heut,
	        

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