Full text: Allgemeine Schulzeitung - 31.1854 (31)

Allgemeine Schul - Zeitung. 
 
Samſtag , 15. April 
Die Verbindung von Geographie und Naturgeſchichte 
in Volksſehulunterrichte. 3 
WH. 
Die Sahara, *) 
Die Karavane ſchreitet in langem Zuge der Wüſte entge- 
gen. An tauſend Kameele wirbeln den Staub mit ihren Füßen 
auf, und wie eine endloſe Schlange windet ſim der Zug über 
die (EChbene hin. 
alle Vegetation hört allmälig auf. Anſtatt des grünen Ra- 
ſenteppichs dehnt ſich der weiße Sand meerähnlich und unabſeh- 
bar vor den Augen des Reiſenden aus. Cin trauriger, ſchre>- 
licher Anbli&! Mögen die Gebirge der Schweiz mit ihren Ab- 
gründen, Gletſhern und himmelhohen Felſenza>en furchtbar 
eyſcheinen ; die Waßerfälle des Niagara und des Rheins betäu- 
ben; mag die Brandung des empörten Meeres erſchüttern und 
ſelbſt den Beherzteſten zittern machen? alle die Exſ<einungen 
führen do< auch etwas Majeſtätiſches und Erhebendes mit ſich. 
Allein dieſes Erhebende und Verſöhnende fehlt ganz und gar, 
wenn man am Eingang dieſer großen Wüſte ſteht. So weit 
das Auge reiht, ſieht es nichts, als eine Chene, mit 
Flugſand bedeckt, den der Wind wie Meereswogen aufwühlt 
und forttreibt. Kein Berg erhebt ſich ; kein Bum entkeimt dem 
brennenden "Sandez kein Vogel unterbricht die Grabesſtille mit 
ſeinem melodiſchen Geſang; kein Bach murmelt in der Nähe; 
keine Menſ<henwohnung ladet gaſtlih ein und unterbricht die 
Ausſficht auf die unendlihe Fläche, über die ſih =- einer rie- 
ſigen Glaskuppel gleich --- ein ewig reiner, wolkenlofer, glühen- 
der Himmel wölbt, von dem kein Regentropfen herabfällt, zu 
dem keine Dünſte emporſteigen. 
Wie ſollten da Pflanzen gedeihen und leben können? Nur 
einzelne harte und rauhe Gewächſe ſind dazu von der Natur or- 
ganiſfirt, „im waßerarmen Wüſtenland" ein kümmerliches Daſein 
zu friſten. BVerſchiedene Diſtelarten, in deren Blattwinkeln 
ſim die wenige Feuchtigkeit ſammeln kann, die Mannaſtaude 
Algel, eine Art duftender Thymian, das She der Araber 
auf lofem und der beſtaubte Thalſtrau< (Thal Mimosa 
gummifera Forsk.) auf feſtem naten Boden -- das ſind die 
meiſt verbreiteten Gewächſe und das einzige knappe Futter der Ka- 
meele und Eſel, das ſie ofk monatelang erhalten muß. Darun- 
ter miſchen ſich hin und wieder niedrige Krüppelgeſträuche, welche 
die verſtaubten und ſaftlojen Blätter welk zu Boden ſenken. 
Dazu no< einige vereinzelte dornige Mimoſen oder Akacien, 
auf den bisweilen ein verirrter Vogel ein Lied des Heimwehs 
ſingt: =- ſonſt nichts , al8 Sand und Sand. 
 
*) Das ganze nördliche Afrika iſt, mit Ausnahme der Küſtenländer, 
von einer Sandwüſte bede>t, welche ſih 600 Meilen in die 
Länge und 200 Meilen in die Breite erſtre&t und einen Flächen- 
raum von 80,000 OQO. M. -- alſo mehr, als ein Drittel yon Europa 
-- umfaßt, Die Araber nennen dieſelbe Sahara bela ma, „Meer 
ohne Waßer.“ 
Immer öder und trauriger wird die Gegendz. 
N 45. 
Selbſt die wilden Thiere fliehen dieſe Einöde. Der „Wü- 
ſtenkönig" Leu hat ſeinen Thron an ihrem Rande aufgeſ<lagen, 
tief hinein wagt er ſih niht. Nur die ſ<hnellfüßigen Gazel- 
len, dieſe ihrer Zierlichkeit, Schlankheit, Anmut und Leichtig- 
keit und dem ſanften Shmacten ihrer ſchönen , großen, klaren 
Augen wegen berühmten Lieblinge der orientaliſ<en Poeſie , die 
auf Flügeln des Windes dahin zu eilen ſcheinen; und die 
Strauße, als die gefiederten Kameele dex Wüſte, welche dem 
Blitze gleich erſcheinen und verſchwinden, dur<jagen das weite 
Revier. Außer ihnen wagt es nur no<4 der Menſ<, den Wür- 
ſtenſ<hre>en Troß zu bieten. Guten Muts zieht die Karavane 
dahin und fördert ihre Schritte nac< dem einförmigen Ton der 
Pfeife. Die Kameele ſind mit Ballen beladen, mit Tüchern 
bede&t; auf ihnen die Mauren mit bunten Turbanen und Män- 
teln, mit Dolch und Säbel, ihren unzertrennlihen Gefährten. 
Den Kameelen zur Seite gehen die Sclaven; im ſc<warzen 
Angeſicht das bleihe Auge. Voran reitet ein brauner , hagerer 
Araber , der Emir el hadseh als gebietender Herr des Zugs. 
Alles , ein buntes Gewimmel , iſt in eine Wolke von Staub 
gehüllt. Die Sonne ſteigt empor und füllt die Luft mit wun- 
derbaren und ſeltſamen Färbungen vom lichteſten Grün bis zum 
dunkelſten Purpur. Dieſe Farbenpra<ßt, dieſer unbeſchreibliche 
Schimmer ſteigert fſih zu einer Fülle von faſt unerträglichem, 
aber großartigem Glanze , wenn der rieſige Brennſpiegel der 
Wüſte die im Steinſalz gebrochenen Stralen zwiefach glühend 
zurüdwirft. Höher hebt ſi< die Königin des Tags, ihre Glut 
ſtralt herab und wieder von der Erde auf. Der Sand brennt, 
die Luft ſteht ſtill , als ob ſie bei der Hißze atemlos geworden 
wäre; die wunden Sohlen ſc<merzen , die Glieder ermatten, 
brennender Durſt peinigt Jeden. Nirgends ein ſ<hattiges Ge- 
ſträuch, nirgends ein rieſelnder Quel. Auf heißem Boden 
ſchreitet die Karavane. Käme im Sturm eine ſ<warze Wolke, 
brähen Bliße ſie zuſammen, es würde Rettung den Shmac- 
tenden bringen; das Gebrüll des Löwen, vor dem doh ſonſt 
das Herz erbebt, wäre ihnen erwünſ<t, würde es doh erſehntes 
Land verheißen. Da ſchreitet plößlic) das Kameel raſcher voran * 
es hat eine ferne Quelle gewittert. Bald iſt dieſe erreicht. 
Friſch ſprudelt ſie ihren Segen aus, durch ihr köſtliches Naß 
ein kleines, freundliches Giland in dem unendlihen Sandocean 
bildend. Schlanke Dattelpalmen, dunkelgrüne Feigen- 
bäume und breitblätterige Oliven wiegen hier ihre ſtolzen 
Kronen im ewigen Blau des Himmels. Zu ihren Füßen brei- 
tet ſim ein weicher, friſcher Raſen, von dunkelrot blühenden 
Cactaceen begren:t, Anmutig, wie ein ſtiller Traum, liegt 
die Dafe in der Wüſten»acht, Freudejau<zend macht die Ka- 
ravane Halt. Atr« 12... " 1ge bricht ein lebender Stral; die 
matten Glieder dur<guc .ectriſches Feuer. Alles drängt und 
eilt, ſi zu laben am :. verwüſtlihen Lebensborn , an dem ex- 
weenden Licht der Erove, Die erſtarrten Züge werden milder, 
die Augen heiter, der Mut iſt geſtählt, die Kräfte wachſen. 
Man lagert ſich, die Zelte werden aufgeſ<lagen, die Thiere 
gefüttert , mit Sorgfalt vom Staube gereinigt. Da ſind alle 
Drangſale vergeſſen; Geſpräche erheitern die Nacht, Märchen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.