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als die Nachtſcene in Lac Menzel, der die Gelegenheit ſeiner ſehr anerkennenden Anzeige
des Holzmanniſchen Werkes benußzt, um die Welt zu belehren,
daß Lachmann nur philologiſ< verfahren ſei und nicht das ge-
ringſte poetiſche Gefühl gehabt habe, was er ſelbſt, Menzel, vor
ſo viel Jahren auch ſchon gewuſt und geſagt habe, ſogar dieſer
Gönner muß Hrn. H. bemerken , daß man das im Altdeutſhen
nicht fo nehmen dürfe; und bisher hat es vermutlich nicht einen
einzigen Kenner des Gedichtes gegeben , der ſich nicht an der
geſunden epiſ Obgleich Hr. H. von „den wunderlichen Zahlenverhältniſſen,
die die geheime Grundlage der Lac waren" , nichts erwähnen will, mag hier im Vorbeigehen eine
Bemerkung darüber geſtattet ſein. Es iſt ſonderbar, daß man
über die entde>te Tatſache , daß die Strophenzal jedes der Lach-
manniſchen Lieder, ſowie der Forſezungen durch 7 teilbar iſt,
viel Aufhebens machen konnte. Lachmann's Zalengrille wird
man nicht verteidigen wollen , aber ihre Preisgebung ſ ganzen Lehre wahrlich ſehr wenig. Es kam auf Tilgung oder
Verſ führen. Daß aber Lahmann mit jeder einzelen Strophe das
Rechte getroffen, wer hat darauf je ſchwören wollen? Es gibt
mance, über die die Anwendung von La fjäßen ſ führen dürfte.
In Einzelheiten der ſtreitigen Frage einzugehen , wäre hier
der Ort nicht, auch nicht auf Hrn. H's. Unterſuchungen über
Entſtehung und Geſhi<ßte des Gedichtes, welche nichts Gerin-
geres im Scilde führen, als in der Geſchi Literatur das unterſte zu oberſt zu kehren und ihre gröſte Lei-
ſtung, alſo ihre eigentliche Blüte, aus dem 13. in's 10. Jahr-
hundert zurü& zu ſchieben. Es iſt Alles luſtig zu lejen, und
wer in müßigen Stunden gern Luftſchlöſſer baut , wird feine

Rechnung finden. Aber die pädagogiſche Seite einer literariſchen
Erſcheinung, die mit ſo großer Zuverſicht auftritt und ſich bis
jeßt nur mit Jubel begrüßt ſieht, iſt hier in's Auge zu ſaßen.
Als das Nibelungelied dur die Leute gebracht und mit der Begeiſterung jener Zeit aufge=
nommen ward, lag der Gedanke nahe, durch feine Verwendung
der Schulbildung einen wünſhenswerten nationalen Beſtandteil
beizufügen. Daraus iſt wenig oder nichts geworden, vielmehr
verlor die Nation ihr Epos im ſelben Maße wieder aus den
Augen , als der Geiſt des Befreiungsfrieges hinſ wenige waren mik der Sprache vertraut und dadurch fähig ge-
worden, noh einen andern Genuß, als den des patriotijchen
Hochgefühls aus dem Gedichte zu ſchöpfen; aber man muſte fich
auch geſtehen , daß deſſen Beſchaffenheit ſelbſt und an fich einen
recht pvetiſchen Genuß nicht auffommen ließ, Seit 1841 Lach-
mann's RusSgabe mit den bezifferten Liedern und eurſiv gedruc&-
ton Athetoſen erſchienen war, fiel zwar dieß weg: wer nun des
Herausgebers Rat folate und zunäc<ſt nur das von ihm als echt
bezeichnete las, bekam lautere Trünfe zwar mancherlei Weines,
aver nur edles. Aber auch dieſe Arbeit betiegte freilich die
Gleichgiltigkeit des großen Haufens nicht? ſie brachte es binnen
9 Jahren zur zweiten Auflage. Hatte dom ein Gervinus dur
eine hö Unempfänglichkeit für altdeutſche Kunſtform zeigt, die noch in
der Auflage des vorigen Jahres wiederholt und alfo beſtätigt
wird , alles Mögliche getan, um die Mühe des Kennenlernens
zu verleiden. Dennoch mochten ſolche, die ſich mit Liebe in
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das Gedicht hineingelebt hatten , der Hoffnung nicht entjagen,
es mit der Zeit einen beſcheidenen Plaß in unſerm Gymnaſial-
unterricht gewinnen zu ſehen. Sie dachten, es möchte no mal mit ſeiner gefunden Kraft der trägen, matten Jugend gut
bekommen , die uns aus der no< herrſchenden ſittiichen Zerjezung
empor wähſt; ſo wenig es ihr auf den erſten Anbiß wol mun
den würde. Dieſe Gedanken alſo ſind einſtweilen aufzugeben,
wenn die Holßmanniſche Anſicht beim größeren Publicum ents-
ſchieden in die Mode kommt. Und füddeutſcher Widerwille ge-
gen die Berliner Geſcheitheit, Ueverlieferungen der Burſchenzeit,
die harmlos für das ganze Gedicht ſ nehme Schweigen der Lachmanniſhen Schule werden fie darin
unterſtüßen ; der vielſagenden Protection der Allgemeinen Zei-
tung nicht zu gedenken! Denn die S Bereih nur Claſſiſches ziehen , und auf Claſſicität hat der un-
gereinigte Text, auch der der Laßbergiſchen Handſchrift , feinen
Anſpruch. Wenigſtens iſt er einem geiſtlos Übermalten alten
Bilde zu vergleichen , oder einem mit zopfigen Tabernakeln und
Grabmälern über und über angefüllten gothiſc des wird Niemand wählen, um Anfängeraugen damit zu ver-
edeln. Oder will man es wagen, jenen Text mit allem anhaf-
tenden Wuſt, allen guten und ſc Scule zu bringen, weil ja „aus Gründen des Verſtandes"
nichts dagegen einzuwenden iſt; man wird ſicher den Verfuch
wieder aufgeben müßen. Ein geſunder Knabe wird vor der 13.
Strophe aller Nibelunge bis an den Hals ſatt ſein, und beim
vierten Liede, das nac< Lachmann*s Tilgungen ſo herrlich iſt,
wird ihn die Langeweile ſo plagen, daß ex auch an den echten
Teilen zwiſc Nation als Ganzes und mit ihr die Jugend, in der ſie ſich
wiedergebiert, gehört eben zu den Adepten jenes poetiſchen Gez
fühls, das Hr. H. vom Richterſtuhle wirft, und wird ſich nie
auf die Dauer vom Unſc mit Gründen des Verſtandes beifommen kann, Die pädagogiſche
Seite an Hrn. Holzmann's Auftreten, wenn dasfelbe Erfolg
haben ſollte, wäre ſomit, im Sinne der Freunde unſeres Ge-
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dichtes , eine recht traurige.
2) Wörterbuch zu der Nibelunge Kot von August Lübbeu.
denburg, Stalling, 1854. IV und 159 GS. 3. geh.
5 Zhlr.
Dieſe Arbeit kommt einem ſehr fühlbarxen Bedürfnis entge-
gen. Lachmann kündigte 1836 auf dem Titel ſeiner Anmer-
fungen ein Wörterbuch von Wilhelm Wa&ernagel an und aber-
mals in feiner Ausgabe voin 1841 , aber die Erwartung iſt ge-
teuf der Beziehung nur ein Notbebelf; das von Benecke dat man
endlich zur erſten Hälfte; das alte Glofſax von Arnd iſt völlig
unbrauchbar. Und gerade das Nibelungelied berurfte vorzugs»
weiſe eine bLefondere lexicaliſche Bearbeitung. Cs hat und ver-
dient von unſerer gefammten alten Dichtung die meiſten Leſer,
viele lernen außer ihm fein oder kaum ein weiteres Erzeugnis
derfelben kennen; für dieſe iſt ein allgemeines mhd. Wörterbuch
ein ärgerlicher Ueberfluß. Für Sculen aber wäre an die Cin-
führung des teuern Werkes von Benecke oder nur des Ziemanni-
ſchen kaum zu denken; für ſie wird eine fruchtbare Behandlung
unſeres Heldengedichtes, d. h. eine mit der nötigen Selbſttä-
tigkeit der Schüler, durch die vorliegende Arbeit im Grunde erſt
möglich, Sie iſt mit Umſicht , Sorgfalt und Kenntnis ausge-

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