Full text: Allgemeine Schulzeitung - 31.1854 (31)

Allgemeine Schul- Zeitung. 
 
Dienſtag, 16. Mai 
= 
EGG == 
Warnkönig, 
über den Anſpruch des Epis8copats der oberrhei- 
niſ<en Kir<henprovinz, den weltlichen Unterricht in 
den Schulen zu überwachen. 
Zu den dem Staatswohl entgegenlaufenden Zugeſtändniſſen, 
welche der (Episcopat der oberrheiniſchen Kirchenprovinz von den 
Staatsregierungen verlangt , gehört als eine der wichtigſten auch 
die Forderung nicht bloß der unbeſchränkten Leitung des religi0- 
ſen , fondern auch der Ueberwachung des weltlichen Unterrichts 
in den Schulen, obgleich kaum zu erwarten war, daß der Epis- 
copat auch Über die Zuſtände des öffentlichen Unterrichts in den 
zu der oberrheiniſchen Kir<henprovinz gehörenden Ländern Be- 
ſc<hwerde erheben würde , da bisher in allen der Kirc<he ein gro- 
ßer Einfluß auf die Schule geſtattet wurde. Daß dieſe Forde- 
rung der Biſchöfe dem Staatswohl zuwider läuft, weiſt beſon- 
ders Warnkönig, ein gelehrter Juriſt und Univerſitäts-Pro- 
feſſor in eben dem Freiburg, von wo der Erzbiſchof den Streit 
erhebt, in ſeiner Shrift über den Conflick des (Episcopats 
der oberrheiniſMen Kirchenprovinz mit den Landesregierungen 
auf die unparteiiſ<ſte Weiſe klar und gründlic na<. Faſſen 
wir zunächſt die ſociale und rechtliche Bedeutung des Unterrichts- 
weſens in den heutigen Staaten in's Auge, ſo erkennen wir 
augenblilich , wie derſelben die Anſprüche des Clerus zuwider- 
laufen , obgleiM man als richtig zugeben muß, daß die Schule 
Jahrhunderte lang und ſelbſt noh lange na< der Reformation 
Sache der Kirche war. Allein Zeiten und Umſtände haben ſich 
geändert, und ſo änderte fſi< auch ſeit dem Anfange des 18, 
Jahrhunderts allmälih das Verhältniß der Schule zur Kirche, 
insbeſondere in den katholiſchen Ländern Deutſchlands, welche 
hinfichtlie) der allgemeinen Bildung ſehr hinter der Zeit zurück- 
geblieben waren. Verſchiedene Leiter der deutſ<hen Staaten 
förderten weſentli< dur< großartige Reformen des Shulweſens 
die Volksfkultur , wie vorzugsweiſe die Kaiſerin Maria The- 
reſia. „Es iſt auß -- wie Warnkönig richtig bemerkt -- 
eine unbeſtreitbare Wahrheit, daß eine tüchtige Bildung 
aller Volksclaſſen die erſte Garantie der Staats- 
ordnung und eines gFlüFlichen ſocialen Zuſtandes ſei. 
Erleuchtete Landesherren preiſen fich glüli<h , über ein gebil- 
detes Volk zu herrſchen. Je wirkſamer der Einfluß des S<ul- 
meiſters iſt, um fo weniger bedarf es des materiellen Zwan- 
ges des Zuchtmeiſters und der ſtrafenden Juſtiz.- Der Staat 
ift daher nicht bloß factiſ<; , ſondern re<htlic< intereſſirnt, daß 
das Unterrichtsweſen im Lande in jeder Beziehung befriedigend 
fei. Es gut zu ordnen, zu befeſtigen, deſſen Fortſchritte zu 
fördern, iſt eine der wichtigſten Aufgaben der Staatsgewalt, 
eine erſte und zwar juriſtiſche Regentenpfliht. Nicht mit Un- 
re<t vindieiren die deuiſchen Staatsrechtslehrer die S Hulho- 
heit als ein eignes, der Staatsgewalt zuſtehendes Hoh eits- 
re<ht, Die Schule iſt Staatsanſtalt geworden, und der 
Schulzwang rechtfertigt fich aus dem rechtlichen Intereſſe des 
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Staates: daß die gejammte Jugend die gemeinſame menſ<lich- 
nationale und religiöſe Bildung erhalte, welche ſie zu verſtän- 
digen und guten Staatsbürgern befähige.“ 
Was nun das Verhältniß der Kirche zur Schule betrifft, ſo 
mag allerdings in <riſtlichen Staaten die Kirche allein berech- 
tigte Lehrerin der ReligionSwahrheiten fein, aber fie iſt deßhalb 
no) nicht ausſ<ließliche Leiterin dieſes Unterrichts, no< 
viel weniger gehört ihr die nnmittelbare Ueberwachung des welt- 
lichen Unterri<ts. Es iſt bereits nac< den Regierungserlaſſen 
das Verhältniß des katholiſchen Clerus und insbeſondere des 
Biſchofs zur Volksſchule dahin beſtimmt, daß nur die von der 
biſchöflichen Behörde genehmigten Religionslehrbücher in derſel- 
ben eingeführt werden dürfen , daß der Religionsunterricht von 
Ortsgeiſtlihen ertheilt und beaufſichtigt, und daß bei der Zu- 
meſſung und Eintheilung der Lehrſtunden auf die Wünſche der 
biſchöflichen Behörde Rücſicht genommen werden ſolle. Aber 
troßdem , daß durc< dieſe Beſtimmungen der Religionsunterricht 
ganz in die Hände der Kir<e gelegt iſt, ſo iſt doH der Epis- 
copat der oberrheiniſchen Kirhenprovinz damit no< nicht zufrie- 
den; er beanſprucht ausſ<hließliche Leitung dieſes Unterrichts und 
das Recht, die Zahl der Stunden u. |. w. feſtzuſeßen, ohne 
zu bedenken, daß die Sdulkinder no< vieles Andere zu lernen 
haben. Aber au< mit der ausſchließlihen Leitung des Reli- 
gionsunterricmts will der EpisScopat no< nichi zufrieden ſein; 
er fordert aug no<Fg die unmittelbare Ueberwachung des welt- 
lichen Unterrichts und das Recht, religiös entartete Lehrer aus- 
zuſchließen, die einzuführenden Schulbücher zu genehmigen und 
die Schulen dur< von ihm beſtellte Commiſſäre zu viſitiren, 
ja, durch ſtändige biſ<höflihe Beamte beauffichtigen zu laſſen. 
Das ſind maßloſe Forderungen und Anſprüche des Episcopats. 
„Sie beruhen --- ſagt Warnkönig --- auf einem Verkennen des 
wahren Verhältniſſes der Kir<he zur profanen Schule und find 
juriſtiſc<; durchaus nicht begründet. Eine göttlihe Miſſion des 
Cpiscopats zur Ertheilung des profanen Unterrihts wird dex- 
jelbe nicht anzuſprechen Luſt haben ; und noh weniger wird eine 
ſolhe in irgend einem Staate oder bei irgend einem Volke an- 
erfannt werden: das Gehet hin und lehret alle Völker u. /. w. 
bezog ſich nicht auf dieſen Unterricht.“ Und wie verderbliche Folgen 
für die Menſc<en - und Berufsbildung würde es haben, wenn dem 
katholiſchen Clerus die Beherrſ<ung des weltlihen Unterrichts, 
wie er fie verlangt, geſtattet würde ? Daß übrigens der Staat 
ſogar die Erziehung des Clerus und die Ertheilung des theo- 
logiſ<en Unterrichts zu Überwachen berechtigt fei, geht aus 
folgenden Worten Warnkönig's hervor: „Der Staat iſt nicht 
verpflihtet, bei dieſer wichtigen Angelegenheit paſſiv zu bleiben, 
ſondern berechtigt, fic zu verſichern, der Clerus werde ſo er- 
zogen und gebildet, daß er zu keiner ſtaatsfeindlihen Macht ſich 
geſtalte, und daß die vom Staate hierzu bewilligten Gelder ge- 
ſezmäßig verwendet werden. Au hier iſt er nicht verbundeu, 
ja nicht befugt, fich lediglich auf die Weisheit und den guten 
Willen des Episcopats geradezu zu verlaſſen , weil er ja bei
	        

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