Full text: Allgemeine Schulzeitung - 31.1854 (31)

Allgemeine Schul-Zeitung. 
 
Samſtag, 27. Mai 
Die Verbindung von Geographie und Naturgeſchichte 
im Volksſchulunterricht. 
(Vgt. Allg. S<. Z. Nr. 20, 41, 45). 
IY. 
Der Wald. 
3) Der Urwald in Braſilien. 
Die unermeßlihe Waldgegend, welche in der heißen Zone 
von Südamerika die miteinander verbundenen Stromgebiete des 
Orinoko und des Amazonenfluſſes füllt, iſt im ſtrengſten Sinne 
des Wortes Urwald, Wald, der noh in urſprünglicher und 
undurc<dringlich er Wildheit daſteht, in dem nie der Shall 
einer Holzaxt ertönte, nie eine menſ<hlihe Hand Samen zur 
Anlegung jungen Nachwuchſes ausſtreute. Ueber den Trümmern 
der morſ< gewordenen und umgeſtürzten Rieſenſtämme erheben 
ſich in üppigem Wucſe neue Pflanzengeſhlehter. Eine feuchte 
Wärme begünſtigt die ſc<welgeriſc<he Vegetation. Kaum reicht 
der Boden hin, alle Pflanzen und Pflänzchen zu tragenz ex iſt 
beladen mit Gewächſfen; ſie finden niht Raum genug, ſich zu 
entwieln; fie drängen fic in und über einander, die einen 
wachſen auf den andern. Ueber das Üppig aufſchießende Unter- 
holz erheben die mächtigſten Bäume ihre Wipfel zu erſtaunens- 
würdiger Höhe, Jhr dichtes Laub ruft ein Halbdunkel hervor, 
wovon unſere europäiſhen Buchen = und Eichenhaine keinen Be- 
griff geben; es bildet ein wahres Blättergewölbe , ein undur<h- 
dringlihes Shußdac<h gegen die glühenden Sonnenſtralen, wie 
den ſtärkſten Regen. Aber während ein dunkler, faſt finſterer 
Schein den unteren Boden det, ſpielt das ſchönſte Licht auf 
der jtets verſchiedenartig ſ<immernden Oberfläche der Baum- 
kronen. 
In der gemäßigten Zone, beſonders in Europa und dem 
nördlichen Aſien, kann man die Wälder nach den Baumgattun- 
gen benennen, die als geſellige Pflanzen zuſammenwachſen und 
die einzelnen Wälder bilden. In den nördlichen Eichen-, Tan- 
nen- und Birken-Wäldern, in den öſtlihen Lindenwaldungen 
herrſ<t gewöhnlih nur eine Species der Käßchen- , Zapfen- 
und Lindenblümle; bisweilen iſt eine Art der Nadelhölzer mit 
Laubholz gemengt. CGine ſolche Einförmigkeit in der Zuſammen- 
ſtellung iſt den Tropen-Waldungen fremd. Die Übergroße Man- 
nichfaltigkeit der blütenreihen Waldflora verbietet die Frage: 
woraus die Urwälder beſtehen? Eine Unzal von Familien 
drängt ſim hier zuſammen; ſelbſt in kleinen Räumen geſellt ſich 
faum Gleiches zu Gleihem. Neben dem ſtachlichten Fernam- 
bufkbaum, der das Braſilienholz *) liefert, erhebt fich der 
Acajou, aus deſſen Stamm und Aeſten die feinſten Möbel 
(Mahagoni) gefertigt werden. Der Tulpenbaum vermiſcht 
ſeine Zweige mit dem Zu Ferahorn, der ZuFerahorn mit der 
Lebenseiche, und Über ihnen ragt der unbewegliche Kegel der 
 
*) Ein ausgezeichnetes Färbeholz, 
1854 
N? 63. 
Magnolie ſtarr in das tiefe Blau. Der Stolz des Urwal- 
des aber ſind die Palmen, die der leiſeſte Wind hin und her 
ſhaufelt. Grazie, Einfachheit und Erhabenheit vereinigen ſich 
hier zu einem Wunderwerke der Natur. Oft kaum zwei Fuß 
ſtark, ſtrebt dex mitunter blendendweiße, glatte Stamm, wie 
eine erzgegoßene Säule zu den Wolken hinauf, und droben 
wiegen ſich im langſamen Rhytmus die feingeſchnißten Wedel, 
jeßt ſtolz emporſteigend und dann wieder anmutig ſich ſenkend. 
Das Smaragdgrün dieſes majeſtätiſchen und doch ſo zierlichen 
Gewölbes, vom Licht der Sonne durchſtrömt, die zarten , ge? 
fräufelten Blätter, als ein lichtgewebtes Nes von Azur ſich ab- 
hebend , die goldenen Aepfel der Fruchtbüſhel , dex Vanilleduft 
der Blüten, aus denen plößlih der Bülbül ſeine melodieen- 
reihen Töne wirft? das Alles bringt eine zauberiſche Wir- 
fung hervor. Selbſt dann, wenn endlich die Jahrhunderte den 
Baum ertödtet haben , ranken ſich tauſend unentwirrbare Fäden 
von Paraſiten ( Shmarozerpflanzen) den Stamm hinauf und 
täuſchen ihm ein duft- und farbenreiches Leben an. *) 
Die Paraſiten und Schlingpflanzen ſpielen überhaupt 
eine bedeutende Rolle im Urwald und machen durc< ihre ver- 
jc<hiedenartige Geſtaltung und ihr ſonderbares Wachstum einen 
eigentümlichen Eindru&F, Hier ſind es blattloſe Seile **), welche 
einfam oder Übereinandergedreht , wie Schiffstaue, von den 
Stämmen und Aeſten der Urwaldung nach dem Boden hin aus- 
geſpannt und feſtgewurzelt ſind; dort hängen andere Stränge 
und dünnere Schnüre herab, die den Grund no< nicht erreicht 
haben und zwiſchen dem bewegten Laube hin und her ſchwanken. 
Dichtbelaubte Lianen winden na< allen Richtungen ihr wildes, 
undur<dringlihes Gewirre. In der ſonderbaren Eigentümlich- 
keit ihres Baues umgürten fie die Stämme; ſie verzweigen ſich 
mit ihren Aeſten ; ſie vermengen ihre Blätter und weben die 
Baumkronen zu dichtem Flechtwerk. Aber vergeblich ſucht man 
in den Gipfeln die Enden jener Gewächſe; es ſchwingen ſich dieſe 
in oft bewunderungswürdiger Höhe auf andere Bäume hinüber, 
oder ſie bilden Gehänge und kehren, der Stüßen entbehrend, 
zu ſ<lank, um ſich frei zu tragen, an den Boden zurück, frie- 
hen auf dieſem fort, um ſodann ihren Gang von unten nach 
oben zu wiederholen, um fich auf's neue den Stämmen anzu=- 
fleben und jo den heſtigjiten Stürmen zu troßen. Zuweilen 
ſhnüren fie von Abſaß zu Abſaß den Baum wirklich ein; häufig 
erjfiden fie ihn ganz, ſo daß er alles Laub verliert und ſeine 
abgeſtorbenen Rieſenarme glei< ungeheuren weißen Koxrallen- 
zweigen ſtarr in das friſche Grün des Waldes hineinſtre>t; oft 
auch geben ſie dem alten Stamm ſtatt des geraubten Shmues 
ein neues Laubdac<, weßhalb es bisweilen jſ<eint, als beſiße 
 
*) A, Grün ſchildert in „Schutt“ S. 128 die Palme mit folgenden 
Worten: 
-“ - = = = = == == 8 ſteigt 
einſam ihr Nieſenſchaft; ho<h oben zweigi 
ein Dom von Laub, als ſei geſtellt hinauf 
ein Tempel auf des Obelisken Knauf. 
zk) Bauhifnien oft von 40 F, Länge.
	        

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