Full text: Allgemeine Schulzeitung - 31.1854 (31)

Allgemeine Schul-Zeitung. 
 
Donnerſtag, 20. Juni 
  
Ea REESE KEIL IS IIIS dk] 
Rheinpreußen, im Juni. 
Verbeſſerung des Religionsunterrichts in der Schule. 
Die Anforderungen, wel<e Seitens der Pfarrer oder der 
Gemeinden oder beider an die Glementarſchule in Bezug auf 
das bei dem Religionsunterrichte zu benußende Unterrichtsmate- 
rial und deſſen Behandlung gema<ht werden, ſind fehr fehr ver- 
ſchiedenartig, ja, theilweiſe widerſprehßend. So befinden ſich in 
manchen Schulen drei und mehr verſchiedene Arten von Kate- 
<hismen , während andere gar keinen gebrauchen dürfen. Einige 
Sculen haben den Juhalt der KatechiSmen bloß dem Gedächt- 
niß der Kinder zu übergeben behufs Benußung desfelben für 
den vom Pfarrer zu ertheilenden Religionsunterricht, andere 
dürfen denſelben zur Erwe>ung und Bildung des religiöſen 
Sinnes und der auf dieſem Grunde erwachſenden Sittlichkeit 
benußen. An no< anderen Orten iſt die Auswahl und Be- 
handlung des religivdſen Unterrichtsmaterials den Lehrern ganz 
überlaſſen. So wünſchenswerth auch perſönlicher Verhältniſſe 
wegen innerhalb der geſeßlihen Schranken eine gewiſſe Freiheit 
iſt, ſo bleibt doh unbeſtritten, daß alle dieſe und viele andere 
UVebelſtände häufig ein ungewiſſes Hin- und Herfahren zur Folge 
haben , furz, großen Schaden bringen. 
In dieſen Worten äußerte fih ein evangeliſcher Lehrerverein- 
dur< ſeinen Vorſtand vor der vorleßten Provinzialſynode und 
bat zugleih, ſie wolle eine Verſtändigung über das Verhältniß 
des Religionsunterrihts der Schule zu dem der Kirche, oder 
genauer: des Lehrers zu dem des Pfarrers herbeizuführen ſuchen ; 
ſie möge eine Commiſſion aus Vertretern der Kirche und Shule 
bilden, welche das religiöſe Unterrichtsmaterial bezeichnen, das 
unerläßliche Minimum in demſelben beſtimmen folle, welches der 
evangeliſ<en Jugend in's Leben mitgegeben werden möge , zu- 
gleich ausfpreche, was dävon der Schule und was dem Katechu- 
menenunterriht des Pfarrers zufalle, auc< ſ<ließlih auf die 
Bezeichnung vorhandener Uebelſtände zurükomme. = 8 iſt 
keine Frage, daß auf dem vorgeſchlagenen Wege eine den jeßi- 
gen Verhältniſſen na< mögliche, dem religiöſen Leben der Schulen 
und Gemeinden gewiß erxſprießliche Uebereinſtimmung herbeizu- 
führen und auc<ß der evangeliſ<en Elementarſchule zu einer 
freieren und fröhlicheren Thätigkeit zu verhelfen iſt. 
Die Synode begrüßte dieſe Eingabe um ſo freudiger, da 
fie von einem Lehrerverein ausgegangen iſt, der es offen vor- 
dem ſc<on ausgeſprohen hat, daß er auf dem Glaubensgrunde 
ſtebe, den das Wort Gottes und die Bekenntniſſe der evangel. 
Kirche angeben , und daß er in dieſem Glauben treu zur evan- 
geliſ<en Kirchen halten wolle. 
Der Synode konnte es freilich nicht verborgen geblieben jein, 
daß in manchen Gegenden eine erfreuliche Uebereinſtimmung 
und ein Zuſammenwirken im Religionsunterricht zwiſc<en Lehrern 
und Geiſtlihen und Überhaupt eine zwe&mäßige Behandlung 
desſelben bereits ſtatthabe; ebenſo wenig konnte ſie ſich aber 
au<m verſchweigen, daß die angeregten Uebelſtände vorhanden 
ſeien und das Verlangen nah Abhilfe um ſo gerechtfertigter ex- 
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ſcheine, als es von praktiſchen Erfahrungen ausgehe und im 
warmen Jntereſſe für die religiöſe Bildung der evangeliſchen 
Jugend wurzele. Die Synode nahm die Sache in die Hand. 
Entſchloſſen , die Aufgabe mit Erfolg zu löſen und jeder auf 
dieſem Gebiete möglichen Verbeſſerung von vorn herein den 
Weg zu bahnen, veranlaßte fie alle vei der Sache wejentlich 
intereſſirten und erfahrenen Perſonen und Behörden zur Reußerung 
und zum Beirath. Sie beſchloß, daß Über die bisherige Cin- 
richtung und Behandlung des Religionsunterrichts in den evan- 
geliſc<hen Schulen Bericht gegeben und Anſichten über die Ver- 
beſſerung von den Geiſtlihen der Kreisſynoden, von den Leh- 
rerconferenzen oder Lehrervereinen und von den Directoren der 
Scullehrerſeminare ausgeſprochen werden möchten =- und wählte 
eine Commiſſion, welche das eingegangene Material zu verarbei- 
ten und dann der nächſten Provinzial-Synode Bericht zu ex- 
ſtatten habe, 
Von den nächſten Kreis-Synoden der Provinz, von zahlrei- 
<en Lehrerconferenzen , und vom Director des Seminars zu 
Neuwied waren Berichte und Gutachten eigegangen. Die Com- 
miſſion prüfte das Materal , zog deſſen Inhali überſichtlic< aus 
und äußerte ſi< zur Sache vor der Synode. 
Danach ſtellt ſich unzweideutig heraus, daß auch bei uns 
die Einrichtungen und Veranſtaltungen für religiöſe Unterwei- 
ſung der heranwachſenden Geſchlechter fiſh unter dem ſc<hwanken- 
den Einfluſſe theils unſicher gewordener allgemeiner und localex 
Traditionen , theils einer ganz ſubjectiviſc< gewordenen , fich un- 
tereinander greſl widerſprechenden Literatur und ebenſo ſubjecti- 
viſ<mer , von den Lehrſtühlen der Univerſitäten und den Sc<ul- 
lehrerſeminarien ausgehenden Anweiſung hauptſähli< nach dem 
Belieben Einzeler und oft genug unter innerem Widerſtreben 
der Pfarrer und dex Lehrer, wel<e nur im innigen Zuſam- 
menwirfen auf dieſem Gebiete fruchtbar arbeiten können, 
ſich geſtaltet haben. 
Allerdings erklärten ſich man<e Berichte mit dem Beſtehen- 
den zufrieden, viel mehrere aber unzufrieden; daß die bibliſche 
Geſchichte , der Bibelſpru<ß, das Kirchenlied, der Katec<ismus 
im Jugendunterricht theils vom Lehrer, theils vom Pfarrer ge- 
trieben werden müſſe und getrieben werde, darin ſtimmen alle 
Berichte überein. Das Leſen ganzer bibliſcher Bücher oder doh 
größerer bibliſcher Abſchnitte in den Schulen mit den nothwen- 
digen ſparſamen Erklärungen und in Verbindung damit Anlei- 
tung zur Bibelkunde wird von vielen Seiten urgirt oder als 
mit Unrecht abgekommen vermißt. Daß Lehrer oder Pfarrer 
die Jugend mit den Hauptmomenten der Geſchi<te der Kirche 
oder des <riſtlihen Lebens bekannt machen , heben Einzele 
hervor. . 
Ganz im Allgemeinen iſt demmaß genügende Uebereinſtim- 
mung vorhanden. 
Ueber den Umfang deſſen aber , was aus jenen Stoffen die 
Jugend nac dem allgemeinen Maß ihrer Kräfte und neben den 
anderen auf den wolbegründeten Anforderungen der Eltern, der 
bürgerlihen Geſellſhaft, des Staates beruhenden Unterrichts8ge- 
genſtänden, ſih wahrhaft, bleibend und in fruchtbringender Weiſe
	        

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