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Bekenntniß lehren , ſondern muß, was er noc< nicht als. eigene
volle Veberzeugung ausſprechen kann , wenigſtens als den Glau-
ben der Kirche vortragen. Wer aber für immer in ſeiner reli-
giöſen Ueberzeugung mit den kirhlihen Bekenntnißſchriften im
Widerſpruche iſt, dem kann freilich kein anderer Rath gegeben
werden , als der, wel techismus gibt, daß er nämliß vom Lehrſtuhle abtrete und nicht
länger Behörden und Eltern täuſche. == Solange die proteſtan-
tiſche Kirche ſteht, muß auch das Feſthalten an den Lehren der-
ſelben das Kriterium der Mitgliedſchaft ſein, ſo lange dürfen
alfo auch die Lehren des Katehismus nicht als veraltete Mei-
nungen bei Seite geſhobhen werden.
Mit größerem Scheine des Rechtes behaupten die Feinde
des Katehismus, es mangele in demſelben die ſyſtema-
tiſ ven Geſeßen der Logik neben einander geſtellt, als die einzelen
Theile eines Hauptſtü>s , namentlich aber ſei es unpſy und unpädagogiſ ausgehen zu laſſen. Es iſt nicht zu läugnen, dieſe Behauptun-
gen haben etwas für fich und find daher von namhaften Päda-
gogen oft wiederholt worden. Schon ein Bli auf die Ele-
mente, aus denen der Katehismus entſtanden iſt, ſcheint es zu
beſtätigen , daß er nichts weniger fei, als ein ſyſtematiſch ge-
ordneter Leitfaden für den Religiosunterri Symbolum und das Gebet des Herrn wurden den Katehume-
nen der erſten heim gehalten, zum Unterrichte alſo gar nicht benußt.
Was die innere Anordnung betrifft, ſagen die Feinde des
Katechismus weiter, ſo iſt dieſelbe ebenfalls ſehr mangelhaft.
Im zweiten Hauptſtüke iſt noh die meiſte Ordnung, denn da -
iſt nach der Trinität getheilt; aber wie will man im Dekalog
eine ſyſtematiſhe Ordnung finden? Und wo bleibt die Logik,
wenn die Lehre vom Gebete, die do der nirt wird ?
Wie kommt es aber, fragen wir da, daß troß all dieſer
Cinwürfe die tüchtigſten Kateheten , wie Stier, Harniſch, AFex-
mann , Kalcher, Thilo, Palmer, Wachler u. A. ſich entſchieden
für das Feſthalten an der lutheriſchen Ordnung ausſprechen ?
Der Katechismus muß alſo doh nicht ſo planlos ſein , als es
nah obigen Beſchuldigungen ſcheinen könnte.
Wenn man Anſtoß genommen hat an dem Umſtande, daß
Ruther die Sittenlehren den Glaubenslehren hat vorausgehen
laſſen, jo muß zugegeben werden, daß die Wiſſenſchaft anders
verfährt und verfahren muß. Aber ſoll denn der Religions-
unterricht in unſeren Volksſhulen ein wiſſenſchaftlihes Syſtem
geben? Für die Wiſſenſ Dogmatik von der Moral von Wichtigkeit ſein, für unſere Schulen
iſt fie es ni Glaubens iſt, ſo folgt daraus, daß Glaubens - und Sittenleh-
ren unzertrennlich verbunden ſind. Wahler ſpricht ſich in ſeiner
Katechetik darüber alſo aus? „Das Geſetz dient nur dazu,
zur Erkenntniß des göttlihen Willens und des Widerſpruchs
unſeres eigenen Willens mit dem göttlichen zu führen, ſowie
zur Sehnſucht na nie kann das Geſeß dieſe Kraft geben. Es tritt zu dem Kran-
fen hin und fagt ihm, daß ex krank iſt und wie ſc und worin ſeine Krankheit ihren Grund hat, und erwe&>t, wird
ſeine Wirkſamkett nicht gehindert, den Entſ Arzt zu wenden, iſt aber nicht ſelbſt der Arzt, welcher die er-
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rettende und ſtärkende Arznei darreiht. Däs Evangelium iſt
die Kraft Gottes, die da ſtärkt , den Weg Gottes zu wandeln.
So ſind denn Pflichtenlehren und Glaubenslehren ſo unzertrenn-
li< verbunden, daß ihre Trennung ohne Beeinträchtigung des
innerſten Weſens des Chriſtenthums nicht möglich iſt, was wol
beherzigt werden möge jowol von denen, die mit der Sitten-
lehre ſi< ſo viel zu ſchaffen machen, daß die Schüler ſelbſt
von den wichtigſten Glaubenslehren keine gründliche Kenntniß
erlangen und nichts von einem lebendigmachenden Glauben ver-
nehmen, immer nur ein todtes: „ſo ſollſt du handeln, thue
es!“ fein kräftigendes: „i< bin der Weg und das Brot vom
Himmel und ich bin euch nahe bis an der Welt Ende“; als
von denen, die über Darſtellung der Glaubenslehren ver-
geſſen vorzuhalten die Geſtaltung des Glaubensl ebens Jex-
ſus will Beides ſein , der, der den Weg zeigt und der, der
ſtärkt, ihn zu wandeln.“
Mit dieſen Anſichten ſtimmt überein die Art und Weiſe,
wie neuere berühmte Theologen die Ethik behandeln. Luther
ſelbſt verfährt ja ebenjo, indem er in der Erklärung der Arti-
kel am Schluſſe auf das ſittliche Moment hinweiſt. =“- Wenn
aber Glaubens - und Sittenlehren ſim gegenſeitig ſo innig
dur nicht beſteht , warum wollten wir dann mit Luther rechten, daß
er gerade die Sittenlehren vorausgeſtellt hat? Und er hat es
nicht ohne guten Grund gethan. Er ſagt ſelbſt darüber: „Das
erjte Stü ſagt einem Chriſten, was er thun und laſſen ſoll,
das zweite Stüs belehrt ihn, wenn er nun ſieht, daß ex nichts
thun und laſſen kann aus eigenen Kräften , wo ers nehmen
und fuüchen und finden ſoll, damit er daſſelbe thue, das dritte,
wie er ſuchen und finden ſoll.“ Stier in ſeiner Erklärung des
lutheriſchen Katechismus ſpri in der Gott alle ſündigen Menſc und Gemeinſchaft führt, nämlich zuerſt das Geſeß, das uns
Gottes Recht und unſer Unrecht lehrt, wie wir alle noh im
Gewiſſen fühlen, ſodann dex Glaube an Gott, den Vater,
Sohn und Geiſt, wie er ſich geoffenbaret und erzeiget hat uns
zur gnädigen Hilfe und Erlöſung na< dem Bekenntniß der
hriftlihen Kirche von Anfang, und endlich die Gnadenmittel,
in ſolhem Glauben zur Erfüllung des Geſees zu wachſen und
zu bleiben , das Gebet und die Sakramente.“ Die Voranſtel-
lung des Dekalogs betrachtet Stier aus dem Pauliniſchen Ge-
ſihtspunkte , daß durc) das Geſe Erkenntniß der Sünde kommez
dieſe aber bedingt die Nothwendigkeit des Glaubens, der im
Gebete ſic ausfpriht und in den Sakramenten ſeine Förderung
findet.
Palmer faßt die Sa wenn er ſpri lutheriſj in's Auge faſſen? Das Geſet drückt vor Allem das Ur- und
Grundverhältniß aus, in welchem Gott als Gott zu dem Men-
j allein ſollſt du anbeten und ihm dienen.“ Das iſt das Funda-
ment aller Beziehungen, die zwiſchen dem Cwigen uind uns
Sterblichen möglich ſind, fein Jnhalt iſt niht ein Glaubensſaß
in dem ſpeciell hriſtlihen, kir Saß iſt: I< glaube an Gott den Vater, den alimächtigen
Schöpfer Himmels und der Erden, ſondern es iſt ein Grund-
geſeß ; ehe von etwas Weiterem die Rede ſein kann, muß vor
Allem ausgemacht ſein, daß du, Menſ<, dich beugſt vor einem
Gott, daß dein I< einem göttlihen, abſoluten I< ſich im Ge-

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