Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

3145 
Zur Sulgeſchichte. 
* Aus der Oſt-S<weiz. Vor einiger Zeit wurden auf 
ein Geſuc< der engliſchen Geſandtſ<haft in der Schweiz die ver- 
ſchiedenen Cantonalregierungen um Mittheilungen über die Lei- 
ſtungen für das Unterrichtswejen durch den Bundesrath in Bern 
angegangen. Aus der ſtatiſtiſchen Ueberſicht, die der Regie- 
rungsrath des Cantons Thurgau zu dieſem Zwe> dem Bun- 
desrath eingegeben hat, entnehmen wir, daß der Canton Thur- 
gau, abgeſehen von einer Summe von 1,650,000 Franken, 
die für die Erſtattung der Schullocale ſeit 1830 verausgabt 
worden iſt, jährlich 359,588 Fr. für den öffentlichen Unter» 
ri<t verwendet, für ein Ländchen von wenig mehr als 90,000 
Seelen unſtreitig eine ſehr bedeutende Summe. Davon kommen 
dem Volksſchulwejen 290,536 Fr. zu Gute, die theils durch 
den Staat, theils durc; die Gemeinden, theils durF die Schaul- 
gelder (1 bis 3 Fr. jährlich für das Kind) aufgebracht wer- 
den, ſo daß ſich alſo bei annähernd 18,000 Sculfindern ohne 
die directen Zahlungen der Aeltern für Lehrmittel auf je einen 
Schüler der Primar- oder Volksſh<ule eine jährlihe Ausgabe 
von 16,17 Fr. ergibt, 
Die Sculpflichtigkeit beginnt mit dem 6. Lebensjahr. Bis 
das 114. Jahr zurücgelegt iſt, beſuchen die Primarſ<hüler die 
Schule täglich, vom 11, bis zum 13, find fie uur im Winz» 
ter zum Beſuch der Alltagsſc<hule verpflichtet, im Sommer ſind 
fie während diejer 2 Jahre der Ergänzungs- oder Repetirſ<hule 
zugetheilt, vom 13. bis zum zurückgelegten 15, Lebensjahr be- 
ſuchen ſie aucF im Winter nur dieſe, in der wöchentlich an 
einem Werktage im Sommer 4, im Winter 3 Stunden Unter- 
richt ertheilt wird, während. die wöchentliche Stundenzahl bei 
den Alltagsſ<hülern auf 27 ſfeſigeſeßt iſt. Ferien möchten dem 
Lehrer unter allen Umſtänden mindeſtens 8 Wochen verbleiben, 
docx wird in der Regel nur 40 Wocen in der Alltags- und 
34 in der Ergänzungsſchule Unterricht ertheilt, Für die unent- 
ſ<huldigten Verſäumniſſe der Kinder werden die Aeltern mit 
einer Geldſtrafe belegt, die im Wiederholungsfall bis auf 20 
Fr. oder 10tägiges Gefängniß verſchärft werden kann, 
Die oberſte Leitung und Aufficht über das Erziehungsweſen 
führt der Erziehungsrath, der aus 5 Mitgliedern Deſteht, 
die von 3 zu 3 Jahren mit ſteter Wiederwählbarkeit durc< den 
Großen Rath, dem gefeßgebenden Körper im Lande, ernannt 
werden und Taggelder für ihre Bemühungen erhalten. Zur 
Zeit fißen in demſelben = freilich eine etwas ſeltſame Zuſam- 
menjegung = der Staasanwalt als Präſident und ein Ober- 
richter, ein Praſident des Bezirksgerichts, ein Friedensrichter 
und ein Verwaltungsbeamter als Mitglieder, 
Zum Zwe& der aligemeinen Beaufſichtigung der Primax- 
ſchulen werden vom Erziehungsrath auf eine Amtsdauer von 
8 Jahren einzele Inſpectoren gewählt. Außerdem hat jede 
Primarſchule noF ihre beſondere locale Auffihtscommiſſion, die 
Sculvorſteherſchaft, aus 5 bis 9 Mitgliedern , die von allen 
ſtimmberechtigten Einwohnern des Sculkreiſes gewählt werden, 
Der Pfarrer iſt von Amts wegen Mitglied aller Schulvorſteher- 
ſchaften ſeines Kir<ſpiels, die Lehrer können jedo< nicht Mit- 
glieder jein, 
Schulgemeinde, d. h. ſämmtlichen ſtimmfähigen Cinwohnern zu, 
fie mögen Kinder in der Schule haben oder niht, Proviſo- 
riſche Beſezungen geſchehen dur< den Erziehungsrath, Wegen 
Unſittlichkeit, Unfähigkeit, Unfleiß und Nichtbefolgung der Sc<ul- 
geſeze oder der Verordnungen des Erziehungsrathes können 
Wahl und Abberufung des Lehrers ſteht der * 
316 
die Lehrer auch vom Erziehungsrath abberufen werden. Das 
Abberufungsreht der Gemeinde iſt offenbar ein krankhafter 
Auswuchs der Demokratie, und in der That find es auch faſt- 
immer die gewiſſenhafteſten Lehrer geweſen, die davon betrof- 
fen wurden. 
Das Minimum des Einkommens eines Volksſchullehrers 
beſteht in einer fixen Beſoldung von 320 Fr., den Sculgel- 
dern und einer antändigen Wohnung nebſt einer halben Juchart 
Pflanzland ; aber ſchon im Jahre 1853 gab es nur no< 26 
Schulen, die jährlich weniger als 400 Fr. ertrugen; jeßt dürfte 
man 500 Fr. als das Minimum eines fixen Lehrergehalts an- 
nehmen können, ja, es gibt eine ganze Reihe von Schvlen mit 
700, 800 und jelbſt 900 Fr., da ſich ſeit einiger Zeit der 
Schulgemeinden das ehrenwerthe Streben bemächtigt hat, in 
diefer Beziehung nicht hinter einander zurückſtehen zu wollen. 
Sobald die Zahl der Shüler, welche im Winter zum Beſuch 
der Alltagsſc<hule verpflichtet find, 4 Jahre hindurc< 100 über- 
ſteigt, tritt eine Theilung im Sinne des Claſſenſyſtems ( Dver- 
und Unterſhule) ein, 
Die Zahl der Primarſc<hulen belauft fih jeßt auf 2083, 
während ſie noc< im Jahre 1854 266 betrug. In dieſer Ab- 
nahme iſt aber kein RüFſc<ritt zu ſu<ßen, im Gegentheil, die 
Verminderung der Schulen iſt dem Erziehungsrathe als Ver- 
dienſt anzure<hnen. Der Canton Thurgau iſt bekanntlich ein 
paritätiſ(hes Land (3 Proteſtanten und 8 Katholifen) , aber 
die Angehörigen beider Confeſſionen wohnen jo durc< einander, 
daß es weder ganz proteſtantiſ<e, noMm ganz katholiſche Ort- 
ſchaften gibt. Die Shulen waren jedo< bis vor wenigen Jah- 
ren confeſſionell geſchieden, und ſo kam es denn, Daß die katho- 
liſ<en Schulen größtentheils ſogenannte Zwergſ<ulen mit 
weniger als 20 Schülern waren. Der Erziehungsrath ließ ſich 
daher von dem Großen Rath durc< ein Geſeß dazu autoriſiren, 
benac<barte kleine Schulen zuſammenzuziehen oder mit einer 
größeren zu verſchmelzen, und hat dieß auc< mit großer Enerx- 
gie zum Heiſe des Ganzen dur<geführt, troß der hartnä>igen 
Oppoſition , die einige Gemeinden machten. Jeßt iſt Jedex- 
mann mit dieſer Maßregel einverſtanden. 
Für Heranbildung der Lehrer forgt der Staat dur< fein 
Seminar, das fich in dem ehemaligen Kloſter Kreuzlingen 
befindet und einen jährlichen Staatsbeitrag von 13,700 Fran- 
fen erhält. Die Mehrkoſten werden durch die Koſtgelder der 
Zöglinge gede>t. Das Wählbarkeitszeugniß ertheilt der Ex- 
ziehungsrath nur auf Grund des Beſtehens einer Prüfung. 
Für Oberſ<hulen ſind nur ſol<he Lehrer wählbar, die Nr, 1 
erhalten und ſ<on ein Jahr lang unterrichtet haben. Zum 
Zwe der Fortbildung der Volksſ<ullehrer werden von Zeit 
zu Zeit am Seminar befondere Curſe veranſtaltet, Die Theil- 
nehmer erhalten eine angemeſſene Entſchädigung, Ferner be- 
ſtehen Bezirksconferenzen, von welcher ſich jede wieder. in Spe- 
cialconferenzen von 6 bis 15 Mitgliedern theilt. Jede der 
letzteren verſammelt fim mindeſtens a<tmal im Jahre, . Die 
Bezirksconferenz verſammelt ſich jedes Jahr zweimal und zwar 
vor dem Anfang des Sommercurjus und vor dem Anfang des 
Wintercurſus. Die Berathungen dauern einen ganzen. Tag, 
jedes anweſende Mitglied erhält eine Entſchädigung aus der 
Kaſſe des Erziehungsrathes. | 
Die Herſtellung des Schulhaufes iſt Sache der Scul- 
gemeinde. Vor 1830 haben nur 43 Schulhäuſer theilweiſe 
mit Lehrerwohnungen beſtanden, von 1830 bis 40 wurden 45, 
von 1841 bis 1850 70 und von 1850 bis 60 43 alle mit
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.