Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

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den geſeßlihen Lehrerwohnungen gebaut. Jeßt find von den 
203 Sculgemeinden nur noh zwei ohne beſondere Schulhäuſer. 
Jede Schulgemeinde hat ein Shulgut, deſſen Zinſen zur 
Beſoldung des Lehrers, der Erhaltung des Scullocals 2. die- 
nen. Dod) iſt der gegenwärtige Beſtand dieſer Schulgüter ſehr 
ungleich und differirt von 2121 bis 62,822 Fr. Der Staat 
leiſtet an die Beſoldung jeder Volksſchullehrerſteie jährlich 
100 Fr , uud da, wo die Zinſen des Sc<hulgutes, der ordent- 
liche Beitrag, die Sculgelder 2c. nicht ausreigen, kann noh 
ein außerordentlicßer Staatsbeitrag bis zu 150 Fr. verabfolgt 
werden. Den ordentlichen Staatsbeitrag an die Beſoldungen 
hat der Staat ein für allemal in der Weiſe geleiſtet, daß er 
jeder Schulgemeinde das der Zinsſumme 100 Fr. entſprechende 
Kapital, nämlich 2500 Fr. aus dem Vermögen der 1848 auf- 
gehobenen Klöſter einhändigte. Die Quellen, aus denen das 
Schulgut fortwährend geſpeiſt wird, ſind: 4) Vermächtniſſe und 
Vergebungen. 2) Die geſeßliche Verehelichungsgebühr, die der 
Bräutigam an das Sculgut ſeiner Heimath abzugeben hat. 
3) Einfaufsbetrag neu aufgenommener Bürger. 4) Zuſchüſſe, 
welche der Staat ausdrüFlich für das Sc<ulgut beſtimmt, Für 
das Jahr 1860 waren es 60,346 Fr. 5) Außerordentliche 
Beiträge der Bürger. Das Sculgut darf zur Beſtreitung der 
laufenden Bedürfniſſe nur in ſeinen Zinſen angegriffeu werden. 
Wo die regelmäßigen Einnahmen nicht. ausreißen, da müſſen 
Sculfteuern erhoben werden, die wie die Drtsgemeindeſteuern 
auf das Vermögen verlegt werden, Frfld. Dr. H. B. 
* Poſen, Aus der Proyinz Poſen erhalten Ste heute 
die Nachricht, daß das königliche Provtnzial-Schulcollegium in 
Rawicz eine Art Hülfsſeminar eingerichtet habe. Am 1. Deto-" 
ber nämlich beginnt in Rawicz ein einjähriger Lehreurſus für 
jolc<e evangeliſche Schulamts-Aſpiranten, welche die Mittel nicht 
beſigen, um dur< Theilnahme an dem mehrjährigen Seminar 
curjus in Bromberg ſic für ihren Beruf auszubilden, oder 
denen, obgleich ſie bei der Aufnahmeprüfung die für den Ein- 
tritt in das daſige Seminar erforderliche Reife dargethan haben, 
wegen der zu großen Zahl von Bewerbern um die erledigten 
Stellen die Aufnahme verſagt werden mußte. Der Curſus 
wird mit einer Schlußprüfung verbunden ſein, welche denen, 
die ſie beſtehen, die Qualification zur Anſtellung als Lehrer 
gibt. Und daß diejenigen, wel<e dem Unterrichte mit Fleiß 
und Eifer folgen, dieſes Examen werden beſtehen können, dafür 
bürgt, außer der Zuſicherung der Behörde, die bewährte Tüch- 
tigkeit derjenigen Lehrer, in deren Händen der Unterricht liegen 
wird, Die Zöglinge werden freien Unteericht, freie Wohnung, 
Heizung und Beleuchtung, ſowie zur Beſchaffung von Lernmits- 
teln ein monatliches Tajchengeld von 1 Thir, erhalten. Nur 
für ihre Beköſtigung und Kleidung haben ſie ſelbſt zu jorgen, 
Jedenfalls iſt durch dieſe Einrichtung einem guten Theil der 
Nothſtände abgeholfen , von denen i< neulic< ſprach, und in 
derſelben ein neues Zeugniß von dem Eifer gegeben, mit welchem 
die ſogenannten internen Rätbe unſerer Provinzialbehörden für 
die ihnen untergeordneten Schulen ſorgen. Freilich iſt es frags 
jim, wie wir uns die neue Inſtitution zu denken haben, ob als 
den ſicheren Anfang des lang erſehnten Seminares, oder als 
das Anzeichen, daß deſſen Errimtung in weitere Ferne gerüdt 
und darum dieſes Auskunftsmittel gewählt ſei. 
z Rus der Provinz Poſen, Die Rectorclaſſen, über 
welche Sie etwas mehr zu hören wünſchen, ſind meines Wiſ- 
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ſens eine unſerer Provinz eigenthümlihe Einrim<tung , welche 
mit den Rectoraten anderer Orte nichts als den Namen gemein 
haben. Dieſe Sculen find in denjenigen Orten der Provinz, 
in welßhen no< keine höhere Lehranſtalten ſich befanden, und 
welche der Siß von Gerichtscollegien waren , im Jahre 1842 
dur; die königl. Regierung errichtet worden. So viel mir 
bekannt, hatte der damalige Präſident des Tribunals in Poten, 
Hr. v. Frankenberg- Ludwigsdorff, den Anſtoß gegeben, indem 
er durc; dieſe Schulen den Juſtizbeamten den Aufenthalt in 
den kleinen Städten ſeines Departements erleichtern, reſp. er- 
möglichen ſollte. Das Ziel dieſer einclaſfigen Schulen war 
die Vorbereitung der Knaben für die Quarta eines Gymnaſiums 
oder einer Realſchule, Aufnahmebedingung eine genügende Ele- 
mentarbildung; das monatlihe Schulgeld betrug 410 Sgr. und 
wurde auc<h für Bürgerſöhne oder auswärtige Schüler nicht 
höher geſtellt. Der Unterricht wurde einem Lehrer übertragen, 
welcher den Titel Rector und einen Gehalt von 400 Thlr. 
jährlich erhielt. Für damalige Verhältniſſe, bei den damaligen 
ſehr niedrigen Lebensmittelpreiſen in den Provinzialſtädten, 
ferner bei der ſih aus der Natur der Shule ergebenden Ge- 
legenheit zu vorbereitendem oder weiterführendem Unterrichte 
müſſen wi den Gehalt ho< nennen, womit freilich nicht ge 
ſagt iſt, daß derſelbe heute aucz no< hoh ſei, aber ausreichend 
iſt er im Allgemeinen auc< jezt noM, Die Sculen hatten 
keinen confeſfionellen Charakter und ſtanden unter einem beton - 
deren Schulvorſtande, deſſen Mitglieder der Bürgermeiſter der 
Stadt, die Geiſtlihen beider Confeſſionen und als Vorſitzender 
der Gerichtsdirector waren. 
Die Ausarbeitung eines ordentlihen Lehrplanes wurde den 
erſten Rectoren übertragen und erſt, na<dem mehrjährige Er- 
fahrungen geſammelt waren, publicirte die königl. Regierung 
einen von dem königl. Provinzial-Schulcollegium ausgearbeiteten 
Lehrplan als Regulativ März 1844. Dieſem Regulativ geht 
ein Vorwort voran, wel<es uns ſagt, daß die Schulen mit 
den Elementarſ<hulen in keiner Verbindung ſtehen , zur Auf- 
nahmebedingung das zurügelegte 8. Jahr macht und die zum 
Eintritt in die Sexta nöhigen Kenntniſſe verlangt, Die Claſſe 
ſoll in 2 Abtheilungen, welche der Sexta und Quinta der Gym- 
naſien entſprechen , in einjährigen Curſfen unterrichtet werden. 
Eine wirklihe Sonderung dieſer Abtheilungen, welche ſich ſonſt 
durc< verſchiedne. Penſa trennen laſſen, in vielen Gegenſtänden 
ganz gemeinſamen Unterricht vertragen, wird bloß für die latei- 
niſmen Schulen befohlen , während deren die jedesmal freie 
Abtheilung ſchreiben oder zeichnen fell. Die 32 wöchentlichen 
Stunden ſind 6 lateiniſche für die erſte, 4 für die zweite Ab- 
theilung, je 4 Stunden für Deutſ<, Polniſch, Rechnen, je 2 
für Religion, Formenlehre, Naturlehre, Geſchichte, Geographie. 
Die ausführenden Beſtimmungen gehen in das Specielle der 
Methode. Der Grunvſagß, den wir no< heute bei vielen vor- 
bereitenden Schulen finden, fie müßten das Penſum der Claſſe, 
für wel<e fie vorbereiten, antecipiren, iſt mit Recht verworfen. 
Die Lecküre des Cornel wird ausdrülich unterſagt. Sehr | 
beſtimmt wird hervorgehoben, daß die Erlernung der deutſc<en 
neben der polniſchen Sprache, oder umgekehrt, die Arbeitslaſt 
der Kinder ungewöhnlich vermehre ; es wird deßhalb „den Rec- 
toren dringend empfohlen, den Unterricht in den Wiſſenſchaften 
auf das Weſentliche zu beſchränken und durc< Hervorhebung 
der zur Grundlage in den einzelen. Disciplinen unentbehrlichen
	        

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