Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

Allgemeine 
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Mane et rnm 
Achtunddreißigſter Jahrgang. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
R: 21, Darmſtadt, 25. Mai. 1861. 
Ueber die Schwächen unſerer Mutterſprache. dablen“, lauter Wörter, für welche die Schriftſprache keine 
Von 
VW. Cuyrtman. 
Ruhm ſowohl, wie Tadel, ſind reichlich über unſere deutſche 
Sprache ausgegoſſen worden, Ruhm von Inländern und Aus- 
ländern wegen ihres Reichthums, ihrer Deutlic<keit und Ge- 
müthlichkeit, Tadel faſt nur von Fremden wegen ihres harten 
Klanges und der Schwierigkeit ihrer Erlernung. Wenn ich 
jeßt von ihren Schwächen reden will, ſo denke ich gewiß nicht 
daran, ihren Ruhm zu mindern z denn im Großen und Ganzen 
erkenne ich dieſen ſo lebhaft an, als irgend ein Deutſcher, ſon- 
dern um dem oberflächlichen Rühmen entgegenzutreten, welches 
keine Mängel anerkennen will und dadur<h die Beſeitigung der- 
ſelben hindert. J< möchte nachweiſen, daß Unvollkommenhei- 
fen in der Sprache exiſtiren, zu deren Beſſerung alle Sprach- 
kenner , insbeſondere aber wir Lehrer , beizutragen vermögen, 
mindeſtens zu verhindern, daß ſie nic<t um ſich greifen und ſich 
befeſtigen. Dahin rechne ich: 
a) Die Vernachläſſigung der Mundarten, Die 
ho<deutſ<e Mundart iſt zur Shriftſprac<e erhoben worden, ſie 
hat die übrigen Mundarten verdrängt, fie iſt ein Gemeingut 
aller Deutſm<en. So weit iſt Alles bere<tigt und zu loben. 
Aber die Mundarten werden von Vielen mißachtet und als 
re<tlos behandelt. Man ſchämt ſi< ihrer, man findet Wör- 
ter und Redensarten anrüchig, weil ſie nur im Munde des 
Volkes gebräu<lich ſind, ſelbſt dann, wenn ſie treffender ſind, 
als die entſprechenden hohdeutſ<en, ja ſogar, wenn ſie eine 
offenbare Lüe ausfüllen würden. Selbſt die größten Sprach- 
autoritäten ſind häufig nicht dur<gedrungen, weil ihnen. die fal- 
ſ<e Sham eines vornehm fein wollenden Publikums entgegen- 
ſtand. Nehmen wir Göthe. Er hat gejungen : Des Waſſers 
iſs hüben und drüben voll, Und ſo gut wie Niemand hat 
das Wort „hüben“ fortgebrau<t , obgleich) es fi< nur höchſt 
ungelenk und ziſchend durc< „dieſſeits" erſezen läßt. Der 
Dialekt in Göthe's Heimathgegend hat nicht bloß „hüben“, 
ſondern au€g „haus, haußen, hoben, hunten“, ſtatt: „hie aus, 
hie außen, hie oben, hie unten.“ (Es wäre eine ſc<äßbare 
Bereicherung , wenn man alle dieſe Correlative in Gebrauch 
nähme. In dem nämlichen Gevicht Göthe's kommen die Aus- 
drüFe : „derweil und der „Bühl“ vor. Sie haben ebenfalls 
keine Berücfichtigung gefunden. Göthe hat ſiß au<ß nicht 
genirt „druckſen“ anzuwenden, deßgleihen „babbeln, bammeln, 
Acerwieſe:; 
Aequivalente bietet. Und doch hat er keine Nachahmer gefun- 
den. Schiller ſagt ri<tig: Da rollt der Graf die finſtern 
Brauen, ſtatt des bloß mißbräu<liß entſtandenen „Augen- 
braunen.“ Wer macht es ihm aber naH? Chbenſo verhält es 
fich mit dem Worte Ähren == Hausflur, welches troß Schiller 
und Klopfio> nur in landſchaftlichem Gebrauche geblieben iſt, 
Geibel hat verſucht „Brame“ == Saum wieder zu Ehren zu 
bringen, Freiligrath „Pranke“ == Taße, Beide ſtehen vereins» 
zelt mit ihrer Reſtitution da, vielleicht- darum, weil hier- wirk- 
lim au< das Hoc<deutſ<e ſein Wort beſißt, das nur gerade 
nicht zum Reim paßte, IH gebe noch folgende landſchaftliche 
Wörter für Aufnahme in die Scriftſprahße zur Erwägung : 
äabſ<h (äbicht)- = unfügſam, ſi erkobern == fim erholen; in 
Bälde ; bälder; Bämme == Butterbrod; -baßig == ke>; ver 
dußt = betreten ; Braſt = Kummer; breſthaf! = = beklemmt ; 
draſl =drehrund ; "prall elaſtiſch; Dänge, Andauge, Dohle = 
Drainröhre; boſſeln => = mit 'den Fingern biſdeln ; düfteln, tüf- 
teln = im. Kleinen arbeiten ; Dohne = Tragbalken; Drieſch == 
Dümpel, Tümpel == Bachvertiefung ; beiern =läu- 
ten; dudeln == == ſ<le<t muſiciren ;z duten = blaſen; fa>eln = 
zögern ; Feim = Abſchaum; Ferge = Fährmann; fiken = 
flattern, peitſchen ; Fips == Naſenſtüber ; fitſcheln == unſicher 
ſchneiden; fix = geſchwind ;-fla>en = lungern ; Flauſe = Vor- 
ſpiegelung ; Fläz == Grobian; flennen == häßlich weinen; 
flinkern = blißen ; flunkern == leuchtend, zittern, prahlen ; froh- 
nen = Dienſt thun; fuſcheln == mengend betrügen 3 ga>ſen = 
Kehllaute ausſtoßen ; Gaffel == zweizinkige Gabel; gafen = 
wie die Gans ſchreien ; ganfen, ganflen == ſtehlen ; gäßen == 
ſchreien wie Hühner ; gauzen: = bellen; geheuer = ſicher; 
Gelärr == Verfallnes; gelfern = häßlich gellen; gifen = 
feihen ; uzen = zum Beſten haben; Lebzucht ==- Unterhalt ; 
le< == vor Dürre riſſig; latſm; == ſc<laſf und viele, viele 
aähnlihe. Dieſe Wörter modificiren entweder die“ Bedeutung 
der ſchriftmäßigen - oder füllen geradezu LüFen aus. Ihre 
Aufnahme in den allgemeinen Sprachſ<haß wäre alſo eine 
weſentliche Bereiherung desſelben. Und dazu. bedürfte es eigent» 
lich Nichts, als daß die Lehrer dieſelben ni<t mehr als unhoch- 
deutſ<; und gemein zurücſtießen. Der Gebrauc< würde fich 
von ſelbſt Bahn breßen. Es würden ſih wohl Schriftſteller 
finden , welche kühne Griffe wagten , wenn man aufhörte, es 
ihnen zu verdenken. 
b) Die falſche Behandlung der Fremdwörter. 
Während die vorige Generation fih in Einſc<leppung ganz 
unnöthiger Fremdwörter gefiel, und nom gar Mancher aus der
	        

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