Allgemeine
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Schul-Zeitung.
„rein EEE EBE
Prets por Jahrgang Rthlr. 8. oder
fl. 5. 24 fr. =“ Z nſerate wer-
den mit 12]; Sgr. die geſpaltene
Retitzeile oder deren Raum be-
rechnet,
A Darmſtadt, 29. Juni.



Sind die Fortſchritte der Civiliſation als Urſache der
Zunahme des Irreſeins anzuſehen ?
Große Irrenärzte haben behauptet, „die Fortſchritte der
Civiliſation begünſtigen vie Entſtehung des JIrreſeins.“ Solche
Behauptung muß bei allen denjenigen, welche die geiſtige und
moraliſche Kultur der Menſ ſtellt ſind, vorzüglich alſo bei Lehrern und Geiſtlihen, Erſtau-
nen und Schrecken erregen. Erſtaunen, denn es ſcheint wun-
derbar , daß höhere geiſtige Bildung die Häufigkeit geiſtiger
Schwäche begünſtigen ſolle; Schrecken, denn die Richtigkeit jener
Anfiht müßte die eiviliſirte Menſchheit veranlaſſen, in ihren
wiſſenſ und zu dem Zuſtande unfultivirter Völker zurückzukehren, um
ni Dieſe und andere Reflexionen führen natürlih zu der Frage
na< der Berechtigung jener Behauptung. Ihr dient nament:
li die angebliche Thatſache zur Stüße, daß unter den Wilden
und nomadiſchen Völkerſtämmen Aſiens, Afrika*s und Ameri-
ka's Geiſteskranfe nic auf Alexander von Humboldt, Ex will auf ſeinen Rei-
jen unter den Eingeborenen Amerika*s vom Jrreſein Nichts ge-
bört haben. Gegen die von allen Jrrenärzten wiederholten
Angaben iſt der Jtaliener Lombroſo mit geſchichtlichen That-
jac Inder, Aegyptier, Phönicier, Juden 2c, Bezeichnungen für Jrr-
ſinnszuſtände hat, als auch bei den Arabern , Negern, Kal-
muden u. j. f. Irrſein vorkommt. Lombroſo's Studien,
die faſt alle bekannten Völker der Welt umfaſſen, machen es
ganz unzweiſeihaft, daß zu allen Zeiten und bei allen Völ-
kern Das Jrreſein eine mehr oder weniger bekannte und verbreitete
Krankheit war. Alle Achtung vor dem Andenken des großen
von Humboldt-- dagjelbe wird nicht dur entheiligt, daß ihm als reiſenden Naturforſcher JIrrſinnsfälle
unter den Wilden nicht bekannt wurden, wenn ſie auch exiſtirten,
Man kann lange in einer großen ceiviliſirten Stadt, den Haupt«-
heerden der Geiſtesfrankheiten leben, ohne von Irrſinnsfällen zu
hören oder jolc Naturforſcher bei den Wanderungen durch die Urwälder Ameri-
fka's auf keine Jrre ſiieß. Wunderlich iſt es nur, daß große
Irrenärzte auf ſol jehen konnten, zu behaupten, die Civiliſation der Menſcheit
begünſtige das Entſtehen und die Verbreitung des Irrſinns in
der Welt. Hätte der große Humboldt gewußt, welcher Miß-
brau< mit ſeiner Aeußerung getrieben würde, er hätte es ficher-
lim unterlaſſen, folMe in die Welt zu ſcen.
(Es iſt nun aber do eine feſtſtehende Thatſache, daß die
eiviliſirte Welt an Jrren bedeutend reicher iſt, als die nicht
eiviliſirte und das Land. Aber die Civiliſation als ſolhe, ein
Zuſtand, der zur Verallgemeinerung philoſophiſcher und natur-
wiſſenſchaftlicher Jdeen und Forſchungen dringt, in dem die
Realifirung moraliſcher und humaner Principien als Geſes gilt,
kurz, geiſtige moraliſ ſein, fie hat vielmehr gerade eine entgegengeſeßte Wirkung.
Die Civiliſation benöthigt des Zuſammenſeins der Men-
ſ Alle ; es ſc menleben verſ es ruft Gefühle, Leidenſ hervor, die inder Iſolirung niht aufkommen könn»
ten, Diefe dur< das Zuſammenleben hervorge-
rufenen Leidenſchaften und Beſtrebungen ſind es,
welche zum Irreſein führen, indem ſie die Gemüths-
ruhe vernichten, das Gehirn ſ und Jrrefein find- alfo das Product der Bevölkerung, die
zunehmende Population iſt die Urſache, daß, während die Civi=
liſation ſteigt, Künſte und Wiſſenſchaften den menſchlichen Geiſt
mehr in Anſpruc< nehmen, gleichzeitig das JIrreſein durc< aufs-
tau zunimmt,
Was kann der Lehrer thun, um der verderbeichen Wirkung
Dieſer unvermeidlichen und unabänderlicen Verhältniſſe -einen
Damm entgegenzuſchieben ? Welche Lehren wird er dem S ler auf ſeinen Lebensweg mitgeben ?
Wir wollen verſuchen, ein Scherflein zur Beantwortung
dieſer ho „In Nr. 52 des vorigen Jahrganges dieſer Blätter wurde
angedeutet, daß in der Geſchichte der Entſtehung vieler Geiſtes-
franfheiten Kummer, häuslti erhebliche Rolle ſpielen, und daß die richtige Erziehung auf
möglichſt vieljeitige Bildung des Geiſtes und vor allem auf
Entwickelung der moraliſchen Kraft hinwirken müſſe, damit der
Menſ< Widerwärtigkeiten und Täuſchungen zu ertragen befä-
higt werde. Die Lebensweiſe des aus der Scule
und dem AelternhauſfJe herausgetretenen Men-
ſchen muß ebenfalls eine Realiſirung jener Grunde-
ſjaße der Jugenderziehung, muß im Sinne dieſer
eine fortgeſeßte Selbſterziehung fein. Ihr Lofungs-

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