Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

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nicht durch die Menge des Lernſioffs überbürdet und ſeine Kraft 
nicht überſpannt werde, in keiner Claſſe die 13 Unterrichtsfäher 
gleichzeitig an ihn herantreten. ſondern nac< einander ge- 
trieben werden mit möglichſter Beſchränkung der Zahl nao. (Es 
wird Überhaupt unſere „Erſte Bürgerſchule“ nicht darin ihre 
alleinige Aufgabe finden, ihren Schülern bloß die angeführten 
Unterrichtsgegenſtände mitzutheilen, mit einem Wort, ſie wird 
nicht bloß unterrichten, ſondern zugleich erziehen. Das bereits 
erwähnte Programm des Generalſuperintendenten Dr. Braune 
ſprit es deutlih und beſtimmt aus, daß, wie überhaupt jeder 
Unterricht, 50 auch der an unſerer Anſtalt immer zugleich erziehend 
wirken ſoll, daß, wie das Gedächtniß geübt und der Verſtand ge- 
ſchärft, ſo' auch das Gemüth veredelt und der Wille gekräſtigt wer- 
den müſſe. Von den einzelen Disciplinen ſollen vor Allem die 
Momente hervorgehoben und benuzt werden, welche geeignet find, 
den Geiſt zu we>en und zu bilden, damit die Schüler dahin ge- 
bracht werden, daß ſie ſelbſtithätig und ſelbſtändig den Stoff ſich 
aneignen und ſo Freude an der Selbſtthätigkeit gewinnen. Dem- 
gemäß müſſen die Kenntniſſe ſo mitgetheilt werden, daß eine freie 
und fichere Verwendung derſelben bezwe>t und möglichſt erreicht 
werde. Die gedächtnißmäßige Aneignung des Lernſtoffs und das 
Wiſſen wird nur inſofern Werth haben, als ſie zugleich zu einer 
ſtufenweiſe fortſchreitenden Uebung der geiſtigen Kraft benußt 
werden. (ES ſoll nicht auf eine ins Weite ſtrebende Vermehrung 
einzeler Kenntniſſe ankommen, die wie ein todtes Kapital unbe- 
nußt in den Köpfen der Schüler liegen, ſondern auf einen feſten 
Beſiß, der jeden Augenbli> zu freier ſelbſtthätiger Verwendung 
bereit iſt; es ſoll nicht blos ein ühtiges Wiſſen, es ſoll vor Allem 
ein tüchtiges Können erzielt werden. Damit die Selbſtthätigkeit 
gewe>t werde, ſoll alles geiſttödende mechaniſche Screibwejen, 
das nicht unbedingt nöthig iſt, im Unterricht wegfallen, die Shü- 
ler ſollen ihre ungetheilte Aufmerkſamkeit dem lebendigen Worte 
des Lehrers ſchenken und ſeinem Vortrage mit Spannung folgen. 
Damit jedoch die Gründlichkeit und der Zuſammenhang im Un- 
terrimt dadurch keinen Schaden erleide, ſo ſollen wo möglich für 
alle Disciplinen Leitfäden in den Händen der Schüler ſein. Zu- 
zlei<h wird ein tüchtiger Lebrapparat, aus Landkarten, Bildern, 
Kupfern, Vorlegeblättern, Körpern, Inſtrumenten 2c. beſtehend, 
dafür ſorgen, daß neben jener Kräftigung des Geijtes und der 
Gründlichkeit bei der Mittheilung des Stoffes, möglichſte Klar- 
heit und Anſchaulichkeit, ſowie leichte Faßlichfeit beim Unter- 
richt obwalte. 
Auch der Pflege des Körpers, ſoweit ſie die geiſtige und geiſt- 
liche Pflege unterſtüßt, wird ſich die Anſtalt nicht ganz entziehen 
und dem Verlangen, das ſich in allerneuſter Zeit aller Orten 
geregt hat, an den Schulen wieder den Turnunterricht einzufüh- 
ren, ſoweit darin Wahrheit enthalten iſt und gerechte Bedenken 
dem nicht entgegenſtehen, genügende Rechnung tragen. Es joll 
der Turnunterricht dafür ſorgen, daß der Körper an Energie, Ge- 
wandtheit und Ausdauer, die Geſundheit an Feſtigkeit gewinne. 
Für dieſen Zweck ſollen auch Turnfahrten, ſowie geeignete Cx- 
curfionen und gemeinſchaftlihe Spaziergänge angeſtellt werden. 
Ueberhaupt ſollen die Lehrer nicht bloß in der Schule und in den 
Lectionen mit ihren Schülern zuſammenkommen, ſondern dentjel- 
ben auch außer den Shulſtunden näher treten, mit ihnen verfeh- 
ren, ſie beobachten und an ſich heranziehen. Auf dieſe Weiſe allein 
kann neben der geiſtigen Pflege zugleich eine geiſtlihe geübt 
werden, denn das verhehlt ſich unſere Anſtalt keinen Augenblis, - 
daß auch das größte Maaß von Wiſſen und alle Geiſteshildung 
ohne ſittlihe Geſinnung unnüß iſt, und es deßhalb vor Allem 
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darauf ankomme, daß wie im Unterricht, ſo au< in der Disciplin 
der Geiſt ſittlicher Reinheit und Zucht geweckt, belebt, geſtärkt 
und gekräftigt werde, 
Auf ſolcher Grundlage iſt unſere „Erſte Bürgerj<ule“ ges- 
gründet worden, nach jolhen Grundſäßen wird ſie geleitet, 
No< hat fie erſt eine kurze Stre>e zurückgelegt, no<h iſt ſie 
nicht bis zu einem Jahresabſchluß gelangt, und es iſt deßhalb 
jept kein RüFbli> geſtattet auf das, was ſie erreicht, auf die 
Erfahrungen, die fie gemacht, auf die Sc<wierigkeiten, mit 
denen ſie zu kämpfen gehabt, auf die Früchte, die ſie geärndtet, 
Aber bleibt ſie der ſchönen Aufgabe, die ſie ſich geſtellt, und 
dem hohen Ziele, das ihr vorgeſte>t iſt, getreu =- und es bürgt 
uns dafür das einſichtige und tüchtige Lehrercollegium, das an 
der Anſtalt wirkt, ſowie die Fürſorge gewiſſenhafter und kundiger 
Behörden, die ihr vorgeſeßt ſind, -- ſo wird ſie frei ſein von dem 
Vorwurf, den man namentlich in den lezten Jahrzehnten den 
Schulen häufig gemacht hat, daß ſie durch eine zu große Maſſe 
des Lernſtoffs die Kraft der Jugend mehr anſtrengten und über- 
ſpannten, als bildeten, und ſo eine ſeichte Vielwiſſerei und ein un- 
berufenes Aburtheilen erreichten, das, ſtatt in die Tiefe zu gehen, 
ſim mit der Oberflächlichkeit begnüge und eine Fluc<t und Scheu 
habe vor Allem, was ernſtere Geiſtesarbeit fordere. Man wird ſie 
nicht anklagen dürfen, daß ſie ihre Zöglinge mit todtem Wiſſen 
anfüßle, das nur aufblähe, aber nicht beſſere ; vielmehr wird 
unfere Anſtalt in weiſer Beſchränkung und feſter Gewöhnung .an 
Stelle eines zerſtreuenden und verwirrenden Vielerlei im Unter- 
richt, an Stelle einer geiſttödtenden Maſſe materieller Kenntniſſe, 
eine Bildung ertheilen, bei der ſowohl der Geiſt dur< Wiſſen be- 
rei<pert, als auch die Kraft zum Können erhöht und ſo das ganze 
Sein und Thun veredelt wird, mit einem Wort, ſie wird 
hinwirken auf ein gründliches Wiſſen und Können, das in 
rehter Weiſe auf das Leben vorbereitet, ohne ihm vorzu- 
greifen, das aber auch zugleich: die Seele über alles Unreine und 
Niedrige erhebt, die Geſinnung läutert, das Herz bejHheiden und 
demüthig mabt, Der Herr aber laſſe unſere Anſtalt blühen und 
gedeihen, er ſei und bleibe der Grund und Edſtein auch dieſer 
Saule, er verleihe es ihr, daß ſie ſein möge eine Werkſtätte feines 
Geiſtes, eine Zierde für unſere Stadt, ein reicher Segen für 
unſer Land. | | 
* Lauſanne, den 31. December 1860. Aus diejer ma- 
jeſtätiſ<; hom und doh anmuthig und lieblich gelegenen Retſi- 
denz des Waadtlandes, das =- wie der trefflihe Vinet richtig 
bemerkt = „ſeit ſehr langer Zeit faſt ganz Europa mit Cre- 
ziehern und Erzieherinnen verſorgt", wünſchen Sie, geehrt x 
Herr Redacteur, pädagogiſhe Berichte. Es iſt das aber keines- 
weges ſo leicht, aus dem einfa<en Grunde, weil auf pädago- 
giſchem Gebiete hier zu Lande wenig oder nichts Neues ge- 
ſHieht. Seit der politiſchen Umwälzung und der durch fie 
bewirkten Umgeſtaltung oder beſſer =- Reviſion des Volkss- 
ſc<hulweſens hat man wenig für dieſe ſo ho<wichtige Grund- 
lage aller Civiliſation gethan: die vielfache, durch ſtufenweis 
erlangte Religionsfreiheit herbeigeführte, kirhlime Zerſplitterung 
des Volkes -- ſo Fegengreich ſie auch in religidſer Beziehung 
geweſen ſein mag und no< iſt =- hat do<, meiner bisherigen 
Erfahrung nach, keinen beſonders guten Cinfluß auf die Ent- 
wi&elung der Volksſchulen geübt. Das ſeit jener- Zeit immer 
friſchere Aufblühen von Sonntagsſc<ulen iſt indeß gewiß 
etwas recht Erfreuliches. Ein Seminar (hier: Ecole normale 
genannt), das fich einer ausgezeichneten Leitung erfreut, bildet
	        

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