Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

Allgemeine 
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Jahrgang. 
 
Das Schullehrerſeminar in Altenburg. 
In einem früheren Berichte über das Schulweſen unſeres 
Landes wurde auß die Reorganiſation des Scullehrerſeminars 
beſpro<en und der neuen Regulative dieſer Anſtalt in eingehen 
der Weiſe Erwähnung gethan. Damals befand ſich die Anſtalt 
jelbſt noM in den Räumen des Gymnaſiums, und es konnte 
nur auf die nahe bevorſtehende Einweihung des neuen Semi- 
nargebäudes hingewieſen werden. Dieſe Einweihung iſt nun 
bereits feit längerer Zeit erfolgt, und es liegt mir deßhalb ob, 
das Verſäumte nachzuholen und auf die Feier jenes Tages ge- 
nauer einzugehen. Jn den Mittagsſtunden des 17. April ver- 
ſammelten fim in dem zur Feier des Tages feſtlich geſ<müdcten 
Orgelſaaie die Zöglinge und Lehrer der Anſtalt, und hier fand 
denn in Gegenwart des Herzogs und der hohen Behörden des 
Miniſteriums und Conſiſtoriums, ſowie eines anderweitigen 
kleinen Zuhörerkreiſes die Einweihung ſtatt, Ersffnet wurde 
dieſelbe durM den rhythmiſ<en Geſang des Liedes „Lobe den 
Herren, den mächtigen König der Ehren“. Daran reihte ſich 
die Rede des Herrn Generalſuperintendenten Dr, Braune, die 
namentli< durc< ihren geſchi<htlihen Rücbli auf die früheren 
Zuſtände des Volksſ<ulweſens unſerer Stadt und auf die erſten 
Anfänge eines Sullehrerſeminars, ſowie durc den eingehen- 
den und, da das Material hierzu zum Theil in den Akten ver- 
graben lag, ſc<wierigen Nachweis, wie auc< hier Geringes die 
Wiege des Großen geweſen iſt, das höchſte Intereſſe bietet, 
und die iM mir deßhalb auc< nicht brucſtüFweiſe, ſondern in 
ihrem ganzen Umfang und Zuſammenhange wiederzugeben er- 
laube. Sie lautete, wie folgt: 
„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir iſt, Sei- 
nen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und - ver- 
giß ni<t, was Er dir Gutes gethan hat!“ So müſſen wir 
heute an dieſer Stelle jubeln. 
ſtattliche Gebäude 7 weder die Kunſt und der Geſchmack, der es 
hergeſtellt, no< die Größe der Geldmittel, die darin verwendet, 
noH die Gunſt der Lage, in der es ſich freundlich erhebt. Das 
find Aeußerlichkeiten, die mit dazu treten, die wichtigen Kleinig- 
keiten, die ſchwer entbehrt werden 3 ſie bewirken, daß man nur 
Nichts vermißt; fie find der ſchön gegliederte Leib einer Seele; 
fie find aber au<4 fo augenfällig, daß ihrer nicht vergeſſen wer- 
den fann; fie bedürfen nur genannt zu werden. Sie geben 
aber nicht der Seele den Schwung des Dankes gegen Gott 
und den lebhafteſten Rhythmus in dem Lobe Seines Heiligen 
Namens. 
Grund davon iſt nicht das 
Mit dieſem Seminargebäude tritt in die Seele der Ge- 
danke an Alles, was uur für die Volksſchule und die Bildung 
ihrer Lehrer geſ<ehen itt. Daher kommt es , daß der Strom 
der Empfindung des Dankes anſ<willt und die Waage des Lobes 
unſers Gottes höher und mächtiger fich hebt, Verſagen kann 
ic) mir es nicht, ih mag es auch nicht erſparen, in vergangene 
Zeiten zurückzugehen, damit recht klar werde, wofür wir, und 
wie ſehr wir Urjam haben, Gott dem Herrn zu danken und 
Ihn zu preiſen. So kurz wie möglih werde i< die Thats» 
fachen gruppiren ; ich muß freilih bis 1787 zurüFgehen und 
die Zeitbewegungen Überhaupt bezeichnen, da do< deren Wellen 
in der freundlihen und wohlgeſchüßten Bai unſerer Altenburgis- 
ſ<en Heimath immer verſpürt wurden. J< gehe von der ſehr 
rimtigen und wichtigen Bemerkung aus, die der Profeſſor der 
Philofophie , Staatsrath Couſin , nac< ſeiner bekannten, den 
Volksjhulen geltenden Reiſe dur< Deutſchland ausgeſprochen 
hat : Um zu beſtimmen, was eia gutes Seminar ſei, muß man 
wiſſen, was eine einfa<e Elementarſchule ſein ſol. Die Volks= 
ſhuien einer Nation joſlen dur<drungeu ſein vom religiöſen 
Sinne des Volks und im Seminar das Chriſtenthum den | erſten 
Plaß einnehmen. - 
Alfo voran das Bild einer Volksſ<hule am Ende des vori- 
gen Jahrhunderts, Das Sculzimmer iſt eng, niedrig, elend ; 
das Schulhaus das ſchlechteſte im Dorfe. Aber das Schlimmſte, 
die Squlſtube iſt Wohnſtube und Werkſtätte und wenigſtens 
für einen Theil des Federpviehs Stall, Der Schulmeiſter, ein 
Profeſſioniſt, nac< manderlei Streif- und Querzügen , ohne 
irgend eine Vorbereitung zum Amte, blos um eine feſte Wohn» 
ſtätte und eine ſichere Einnahme zu haben, angenommen und 
angeſtellt, Die Kinder find ziemli< alle da. Nun teitt der 
Sculmeiſter, einen Haſelnußſto> zwiſchen den gefaltenen Hän- 
den, das Käppchen unter dem Arm vor ſeinen Tiſch und die 
Morgenandacht beginnt. Zehn bis zwölf Kinder plärren, eins 
nam dem andern, fajt ganz unverſtändlich alte Gebetsformu- 
lare her, und dann folgt der leiernde Geſang von 2 Strophen, 
wobei ein paar Knaben, welche nicht derb genug. mitſangen, je 
eine Ohrfeige erhielten. Nun beginnen die Lectionen. Die 
Lehrbücher poltern über Bänke und Tiſche vor; jeder liest ſein 
Penſum, diesmal aus dem Propheten Daniel , leiernd oder 
ſtotternd oder radbrehend , jeder etwas über 2 Minuten, dann 
flettert er auf feinen Plaß zurüf. So vergingen dreiviertel 
Stunden. Die Syſlabirſchüler folgen; ſie haben den Katechis- 
mus; dießmal ans dem Amt der Sclüjfſel; jeder nicht ganz 
zwei Minuten 3; es dauerte eine halbe Stunde. Nun kommen 
die Buchſtabirſhüler. welche paarweiſe vor- oder rü>wärts ihre
	        

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