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zur Selbſtändigkeit durc< den Unterricht.
Alle Selbſtändigkeit iſt Bethätigung der Individualität in
irgend einem Lebenskreiſe. Die Individualität, welche für die
Erziehung in Betracht kommt, zeigt die allgemeinen Factoren
der Menſ in den Anlagen begründet, Zm Allgemeinen werden dieje An-
lagen , die den individuellen Menſc Uebergewicht eines der Syſteme zurügehen, die in ihrer Ver-
webung menſchlihem Daſein zu Grunde liegen, auf die Herr»
ſchaft des Hirnſyſtems oder vegetativen Syſtems oder des Glie-
der: und Sinnenſyſtems. Das Hirnſyſtem iſt Grundlage eines
ſeelenvollen Charakters mit gemüthlicher Tiefe und mit geiſtiger
Klarheit; das vegetative Syſtem mit ſeinen Gefäßen und ihren
Verrichtungen iſt ſ Daſeins ; von den andern Syſtemen gibt das der Sinne Empfäng>
lic welt, das der Glieder bedingt die kräftige oder ſ Erſcheinung des äußern Wirkens. Aus den Miſchungsverhält-
niſſen dieſer Grundformen erwächſt die zahlloſe Verſchiedenheit
menſ ins Auge faſſend, in den ſogenannten Temperamenten zu fixiren
verſucht, da das einſeitige Uebergewicht der genannten Syſteme
theils auf die Beſchaffenheit des Blutes, theils auf ſeine Be-
wegung beſtimmten Einfluß hat. Dieſe Syſteme ſind alſo für
das Individualleben die materielle Grundlage, welche einer Ent-
wielung fähig iſt; der Form nach aber ſpricht alle Indivi -
dualität << Überhaupt dahin aus, daß ſie, abgeſondert vom
Übrigen Leben, ein eigenthümliches Factorenverhältniß und eine
von ſolchem Factorenverhältniſſe abhängige eigenthümliche Thä-
tigkeit in ſich trägt und dadurch eines geſchloſſenen Lebens fich
erfreut. Die Wirkſamkeit nun oder die Bethätigung der alfo
bezeichneten Individualität nennen wir auc< für das Gebiet
der Erziehung Selbſtändigkeit.
Seelenloſes Pflanzenleben und brutaler Troß, raffinirte
Sinnenluſt und der Egoismus des Eigennußes, der Habjucht,
der Eitelkeit und der Herrſchſu der Selbſtändigkeit entgegen; in gleicher Weiſe die Unwiſſen-
heit, auc) Gemüther, die mit ihrer Gluth in ſich ſelbſt hinein-
brennen oder deren Flammen nac< außen ſchlagen, und einſei-
tige Grundſäße, wie ſie im täglichen Leben epidemiſ all das aber kann für den Erzieher nur Ausgangs- oder An-
knüpfungspunkt fein in Bezug auf das oberſte Ziel aller Selb-
ſtändigkeit, auf humane Selbſtändigkeit, die in Nächſtenliebe
Darmſtadt, 24. Auguſt.


mit geiſtiger Tüchtigkeit und ſittlihem Handeln die Perſönlich-
keit in ihrer ganzen Erſcheinung durchdringt und verklärt.
Abſolute Selbſtändigkeit des Menſchen kann nimmermehr
das Ziel ſein, eine Selbſtändigkeit, die wohl hinter Kloſter»
mauern fim erfünſtelt oder den dur tiſthenes fim umhängt und in des Diogenes Faß fiz verkriecht.
Hülflos tritt der Menſ< in das Leben; das Bedürfniß der
Nahrung, weiterhin der Geſhlechtstrieb, der Trieb der Gezjels
ligkeit und die Nothwendigkeit, im bürgerlichen Leben eine Stel»
lung fich zu verſchaffen und zu behaupten, das Bedürfniß ge-
müthlicher und geiſtiger Ergänzung, das Gefühl und die Er-
kenntniß der Zugehörigkeit zur Welt und der Abhängigkeit von
Gott, laſſen den Gedanken an eine Unabhängigkeit überhaupt
gar ſehr verblaſſen z Vielen werden ohnedem die Wurzeln der
Selbſtändigkeit vernichtet in den frühen Jahren der Jugend
durc< üppigen Wohlſtand oder ſ ſie bei der Geburt ſchon empfangen werden, dur< unmenſ<-
liche Behandlung oder unverſtändige im Uebermaß „gereichte
Hülfe z Enttäuſchung der Hoffnungen und Mißlingen der Unter-
nehmungen find auc im ſpäteren Leben für die Selbſtändig
keit, was der Roſt für die metallnen Erdrieſen. Alle Dinge
find nur relativ: ſo au< das, was der Menſch im Reiche der
Dinge an Selbſtändigkeit fiſh erwerben mag, d, h. alle Selb-
ſtändigkeit und gerade die höchſte, die er erreihen kann, läßt
ihn als Glied eines Ganzen erſcheinen, in das er ſic ein»
fügen und an deſſen Aufgabe er gemeinſc ſoviel an ihm iſt, eingreifen muß, Selbſtändigkeit iſt uns alſo
nunmehr im höchſten Sinne individuelle Bethätigung von Hu-
manität, ausgehend von dem Gliede eines Ganzen und durc<
das Ganze beſtimmt.
Was hierfür der Erzieher dur< Bändigung der Thierheit
und wiederum dur< aneifernde und ſchonende Behandlung des
Zöglings zu thun vermöge, wollen wir nicht unterſuchen, aber
zu erwägen iſt, in wiefern der Unterricht ſelbſt jene Aufgabe
zu fördern im Stande iſt,
Daß gewiſſe Unterrichtsgegenſtände die von uns im hö<-
ſten Sinne bezeichnete Selbſtändigkeit fördern, wird von den
Meiſten gerne zugeſtanden. Nach dieſer Richtung ſcheint z, B,
der Religionsunterriht vor allen Dingen zu wirken, eine Re-
ligionslehre allerdings, die, naM Harms *), keine Retigionsleere

*) Vrgl. hiezu: Das Chriſtenthum. Der Jugend in einem kleinen
- Katechismus vorgeſtellt und geprieſen. 3. Aufl. Kiel und Leip-
zig bet R. Haſſe. 1814. -- Ein Büchlein, das, einſt vielfach
angefeindet, jeht wenig mehr gekannt, als ein reicher Born relt-
giöfſen Lebens das Herz zu Gott zu ziehen vermag.

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