Full text: Allgemeine Schulzeitung - 38.1861 (38)

Allgemeine 
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Ac<htunddreißigſter Jahrgang. 
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zur Selbſtändigkeit durc< den Unterricht. 
Alle Selbſtändigkeit iſt Bethätigung der Individualität in 
irgend einem Lebenskreiſe. Die Individualität, welche für die 
Erziehung in Betracht kommt, zeigt die allgemeinen Factoren 
der Menſ<heit in einem beſonderen Verhältniſſe und iſt ſchon 
in den Anlagen begründet, Zm Allgemeinen werden dieje An- 
lagen , die den individuellen Menſc<en conſtituiren, auf das 
Uebergewicht eines der Syſteme zurügehen, die in ihrer Ver- 
webung menſchlihem Daſein zu Grunde liegen, auf die Herr» 
ſchaft des Hirnſyſtems oder vegetativen Syſtems oder des Glie- 
der: und Sinnenſyſtems. Das Hirnſyſtem iſt Grundlage eines 
ſeelenvollen Charakters mit gemüthlicher Tiefe und mit geiſtiger 
Klarheit; das vegetative Syſtem mit ſeinen Gefäßen und ihren 
Verrichtungen iſt ſ<hwacher oder kräftiger Träger des leiblichen 
Daſeins ; von den andern Syſtemen gibt das der Sinne Empfäng> 
lic<feit für den Lebensgenuß und Orientirung in der Außen- 
welt, das der Glieder bedingt die kräftige oder ſ<wächliche 
Erſcheinung des äußern Wirkens. Aus den Miſchungsverhält- 
niſſen dieſer Grundformen erwächſt die zahlloſe Verſchiedenheit 
menſ<liher Charaktere? das Alterthum ſc<on hat ſie, das Blut 
ins Auge faſſend, in den ſogenannten Temperamenten zu fixiren 
verſucht, da das einſeitige Uebergewicht der genannten Syſteme 
theils auf die Beſchaffenheit des Blutes, theils auf ſeine Be- 
wegung beſtimmten Einfluß hat. Dieſe Syſteme ſind alſo für 
das Individualleben die materielle Grundlage, welche einer Ent- 
wielung fähig iſt; der Form nach aber ſpricht alle Indivi - 
dualität << Überhaupt dahin aus, daß ſie, abgeſondert vom 
Übrigen Leben, ein eigenthümliches Factorenverhältniß und eine 
von ſolchem Factorenverhältniſſe abhängige eigenthümliche Thä- 
tigkeit in ſich trägt und dadurch eines geſchloſſenen Lebens fich 
erfreut. Die Wirkſamkeit nun oder die Bethätigung der alfo 
bezeichneten Individualität nennen wir auc< für das Gebiet 
der Erziehung Selbſtändigkeit. 
Seelenloſes Pflanzenleben und brutaler Troß, raffinirte 
Sinnenluſt und der Egoismus des Eigennußes, der Habjucht, 
der Eitelkeit und der Herrſchſu<mt treten uns mit den Anſprüchen 
der Selbſtändigkeit entgegen; in gleicher Weiſe die Unwiſſen- 
heit, auc) Gemüther, die mit ihrer Gluth in ſich ſelbſt hinein- 
brennen oder deren Flammen nac< außen ſchlagen, und einſei- 
tige Grundſäße, wie ſie im täglichen Leben epidemiſ<m wuchern : 
all das aber kann für den Erzieher nur Ausgangs- oder An- 
knüpfungspunkt fein in Bezug auf das oberſte Ziel aller Selb- 
ſtändigkeit, auf humane Selbſtändigkeit, die in Nächſtenliebe 
Darmſtadt, 24. Auguſt. 
 
 
mit geiſtiger Tüchtigkeit und ſittlihem Handeln die Perſönlich- 
keit in ihrer ganzen Erſcheinung durchdringt und verklärt. 
Abſolute Selbſtändigkeit des Menſchen kann nimmermehr 
das Ziel ſein, eine Selbſtändigkeit, die wohl hinter Kloſter» 
mauern fim erfünſtelt oder den dur<löcherten Mantel des An- 
tiſthenes fim umhängt und in des Diogenes Faß fiz verkriecht. 
Hülflos tritt der Menſ< in das Leben; das Bedürfniß der 
Nahrung, weiterhin der Geſhlechtstrieb, der Trieb der Gezjels 
ligkeit und die Nothwendigkeit, im bürgerlichen Leben eine Stel» 
lung fich zu verſchaffen und zu behaupten, das Bedürfniß ge- 
müthlicher und geiſtiger Ergänzung, das Gefühl und die Er- 
kenntniß der Zugehörigkeit zur Welt und der Abhängigkeit von 
Gott, laſſen den Gedanken an eine Unabhängigkeit überhaupt 
gar ſehr verblaſſen z Vielen werden ohnedem die Wurzeln der 
Selbſtändigkeit vernichtet in den frühen Jahren der Jugend 
durc< üppigen Wohlſtand oder ſ<mußige Armuth, von denen 
ſie bei der Geburt ſchon empfangen werden, dur< unmenſ<- 
liche Behandlung oder unverſtändige im Uebermaß „gereichte 
Hülfe z Enttäuſchung der Hoffnungen und Mißlingen der Unter- 
nehmungen find auc im ſpäteren Leben für die Selbſtändig 
keit, was der Roſt für die metallnen Erdrieſen. Alle Dinge 
find nur relativ: ſo au< das, was der Menſch im Reiche der 
Dinge an Selbſtändigkeit fiſh erwerben mag, d, h. alle Selb- 
ſtändigkeit und gerade die höchſte, die er erreihen kann, läßt 
ihn als Glied eines Ganzen erſcheinen, in das er ſic ein» 
fügen und an deſſen Aufgabe er gemeinſc<haftlih mit Anderen, 
ſoviel an ihm iſt, eingreifen muß, Selbſtändigkeit iſt uns alſo 
nunmehr im höchſten Sinne individuelle Bethätigung von Hu- 
manität, ausgehend von dem Gliede eines Ganzen und durc< 
das Ganze beſtimmt. 
Was hierfür der Erzieher dur< Bändigung der Thierheit 
und wiederum dur< aneifernde und ſchonende Behandlung des 
Zöglings zu thun vermöge, wollen wir nicht unterſuchen, aber 
zu erwägen iſt, in wiefern der Unterricht ſelbſt jene Aufgabe 
zu fördern im Stande iſt, 
Daß gewiſſe Unterrichtsgegenſtände die von uns im hö<- 
ſten Sinne bezeichnete Selbſtändigkeit fördern, wird von den 
Meiſten gerne zugeſtanden. Nach dieſer Richtung ſcheint z, B, 
der Religionsunterriht vor allen Dingen zu wirken, eine Re- 
ligionslehre allerdings, die, naM Harms *), keine Retigionsleere 
 
*) Vrgl. hiezu: Das Chriſtenthum. Der Jugend in einem kleinen 
- Katechismus vorgeſtellt und geprieſen. 3. Aufl. Kiel und Leip- 
zig bet R. Haſſe. 1814. -- Ein Büchlein, das, einſt vielfach 
angefeindet, jeht wenig mehr gekannt, als ein reicher Born relt- 
giöfſen Lebens das Herz zu Gott zu ziehen vermag.
	        

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