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iſt, die den Geiſt erhebt und den Willen ſtärkt, den Glauben
nährt und die Sitten regelt das ganze Leben “lang.
lernt hat, durFg das Tauſchmittel des Gebets für ſeinen Eigen-
willen Gottes Willen, für ſeinen Dank neue Gaben, für ſeine
Liebe Gottes Liebe , für ſein Vertrauen neue Bewährung, für
ſeine Schwachheit Kraft, für feine Treue Frieden und Ruhe,
für feinen Kummer heitere Stunden zu gewinnen 3; wer duc
Religionsunterriht inne geworden, wozu er auf dieſer Erde
verpflichtet iſt, inne geworden auch, wie ſolche Pflichten aus
ſeinem Verhältniß in der Welt zu Gott hervorguellen und dems-
gemäß vor Gott wandelt, dürfte ſolchem eine Selbſtändigkeit,
erwachſen aus -der Religionslehre, nicht na Geſchic zu können, mag er biographiſch betrieben werden oder in höch-
ſter Bedeutung an die Jdee allwaltender göttlicher Ordnung
ſim anknüpfen: der Knabe wird angefeuert dur< die Beiſpiele
derer, die um des Ganzen willen dem Ganzen ſich darbieten,
der Jüngling lernt, wie nac< Einem Ziele die Menſc und wie Völker und Individuen an gleicher Arbeit fich betheis-
ligen müſſen. Au Mathematik wird zweifelsohne die Selbſtändigkeit nähren. Jn
dieſem Sinne rühmt Herbart *) die Mathematik als unentbehr-
lim für Anfang, Mittel und Ende eines ſol wie ihn die Pflichten der Erziehung fordern, eines Unterrichts,
der in dex Mathematik, ſchon für das Kindesalter, eine Auto»-
rität erhält, auf deren Geheiß die Zerſtreuung entweicht, die
Aufmerkſamkeit kommt und beharrt, eines Unterrichts, der den
von Jdealen ſ liher und vernünftiger S Unterrichtsgegenſtänden, theils materialen, theils formalen Cha-
rakters, ſcheint das Element, das zur Selbſtändigkeit erzieht,
fich nicht verkennen zu laſſen. Kann aber von allem Unterricht
dieſes geſagt werden ? Nennt nicht gerade Herbart Sprachſtudien,
Geographie, Naturgeſchichte bloße Gedä jeglicher Unterrichtsgegenſtand ſeine Shuld abträgt an die Er-
ziehung zur Selbſtändigkeit, was iſt es denn, das ſol walt übt ?
Eine weitere Frage iſt daher die nam dem unausbleiblichen
Einfluſſe des Unterrichts, Jene bezeichneten Unterrichtsgegen-
ſtände, welche das Anſehen erziehender Elemente genießen, ent-
halten das Hö das Allgemeinſte, was im vielfachen Detail fiß ſpiegelt, das
Univerſale, das füglih Jdee genannt wird. Eine ſol iſt alſo für den Geſhichtsunterrimt 3, B. die eminente Ent-
wikelung menſchlichen Weſens, die an einem ganzen Volke oder
an einem Individuum fich darſtellt, iſt für den Geſchichtsunter-
rit au? das Walten göttlicher Ordnung, von welcher getragen
die menſ leben in der Mathematik, ſofern ſie die Wiſſenſ allgemeinſten Formen wie der Entwi&elung, ſo der Ausdehnung
iſt und zuglei< die Kunſt, dieſen allgemeinſten Formen gemäß
die einzelen Dinge zu behandeln; ſol und gar die Religion, mag fie ihren Inhalt zuſammenziehen
in Sprüchen, die als Keime des Lebens ſhon dem kindlichen

*) Vrgl. I. Fr. Herbart: Peſtalozz!'s Idee Eines ABC der An-
ſchauung, ols Ein Cyklus yon Vorübungen im Auffaſſen der
Geſtalten wiſſenſchaftlich entwi>elt. 2. Ausgabe. 1804. Einlei-,
tung: IV. (In der Geſammtausgabe der Herbart'ſchen Werke,
Band X[1. |
Wer ge:
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Gedächtniſſe anvertraut werden, oder mag ſie ihren Inhalt
auseinander legen an Perſönlichkeiten und Verhältniſſen bib»
liſcher. und fir Göttlicen, von welchem die Welt regiert iſt, ſcheint nun die
nothwendig erziehende Wirkſamkeit des Unterrihts zu liegen.
Denn das iſt nicht zu beſtreiten, daß der Wille, ſofern er frei
genannt wird, ein univerſaler Wille iſt, der durch dieſes ſein
eigenes Weſen bewegt iſtz univerſal iſt des Menſchen Natur
Überhaupt vor den Übrigen Geſchöpfen, die von der Erde leben,
Humanität daher Univerſalität, Unterricht alſo, wenn im Sinne
der Idee betrieben, wird, weil entſpreßend der Natur des Menz
ſFchen und insbeſondere feines Willens, dieſen in ſeiner Kon-
genialität treffen, das Menſchenthier, wie Herder ſagt, nothwen-
dig zur Menſchheit erziehen.
Jm Sinne der Jdee läßt ſi< jeder Unterrichtsgegenſtand
behandeln. Was von ſol matik, wel ben ward, geleiſtet werden kann, hat Niemand tiefer erfaßt und
klarer gezeigt, als der bks8 jeßt nur von wenigen gekannte Phi-
loſeph Johann Jakob Wagner von Ulm *), derſelbe, den Riehl
in ſeiner Naturgeſchi preiſt. Wagner hat in ſeinem Buche: „Mathematiſche Philo-
ſophie“ (Erlangen bei Palm, 1811. 8, XU und 3388 S.;
neue Ausgabe : Ulm, bei P, L. Adam, 1851) die Mathema-
tik auf ihre univerſale Bedeutung zurügeführt und dieſen
- Gegenſtand in der „Elementarlehre der Zeit: und Raumgröße“
gen! eH groß
(unter dem fingixrten Namen Dr. Fr. Buchwald, Erlangen, bei
Palm, 1818. 8. 168 S.; neue Ausgabe: Ulm, in P, L.
Adam's Verlagsbuc Unterricht bearbeitet. Daß aber mit der Kraft der Ideen jeder
andere Unterrichtsgegenſtand ſim bearbeiten läßt, folgt aus der
unläugbaren Thatſache, daß jedes Ding, auc< das kleinſte und
ſcheinbar unbedeutendſte, vom allgemeinen Leben getragen, im
Zuſammenhange des Ganzen ſeines Lebens ſim erfreut und
dnr< ſolhen Zuſammenhang ſeine Bedeutung erhält: ſol inwohnende Bedeutung iſt eben die Jdee, und griechiſche Weis-
heit ſhon konnte darum verkünden, daß jedem Dinge eine Jdee
entſpräc als Exempel des Univerſums und das Land einer Nation als
Erde im Kleinen mit Städten als Gehäuſen für Syſteme von
Gewerben und mit Dörfern, in denen das Leben der Menſchen
und Thiere der nährenden Flur ſich anſchließt, Die Natur-
beſchreibung zehrt von dem Gedanken ſtrenger Stufenentwicke-
lung und ſpielender Seitenentwi>elung der Erdgeburten, wäh
rend die Menſc
K) I. I. Wagner, geb, 1775, geſt. 1841, Profeſſor der Philoſo-
phie an der Univerſität Würzburg, von feindſeligen Koterieen
todt geſchwiegen, ſeiner Zeit in ſeinen Forſchungen und Lehren
vorgreifend und auc) darum von ihr zurücgeſtoßen, hochverehrt
von ſeinen noc< lebenden Schülern, muß für eine fünftige ein-
heitliche und einfache Unterrichtsmethode als Schöpfer erachtet
werden ; bekannt ſcheint in der Pädagogenwelt höchftens eine
frühe Schrift von ihm über das Weſen der Erziehung, unbe-
kannt ſeine Encyklopädie und Methodologte des geſammten Shul-
ſtudiums : beide Scriften gehören dem Anfang und der Mitte
geiſtiger Entwikelung Wagner's an. Unendlich wichtig aber für
die Schule iſt er insheſondere dur< ſeine philoſophiſche Methode
und Welterkenntniß, welche, dargeſtellt im Organon vom Jähre
1830, Erkenntniß und Behandlung der realen und idealen Dinge-
in die Gewalt des Geſſtes zu bringen vermag.

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