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die Knaben ihn vielleiht unter ermunternder Theilſnahme der
Größeren, zu eigenem Vergnügen übten, es wäre unendlich viel
dadurch gewonnen. Auch ein friedliches, geregeltes Ringen
fände leiht Anklang. Sprünge, an Feldgraben und Bächen
geübt, nüßten dem dereinſtigen Feldſoldaten ſogar mehr, als die
Sprünge am Turngraben, Au< Jahn wirkte durch feine Jugend-
ſpiele mehr, als dur; Turnen, und Gutsmuths, der eigentliche
Turnvater, ſtrebte von ſpielenden Uebungen aus dem Ziele zu,
feine Zöglinge für den einſtigen Wehrberuf vorzubereiten.“
An hochherzigen Beſtrebungen und Grundſaßen, nicht aber
an praktiſchen Rathſchlägen gleich erſcheinen die oben berührten
Beſtimmungen des preuß, Unterric nenin der Volksſ die Elementarſchule reihen die Freiübungen na< dem Ling'-
ſ dirigirt und dem Bedürfniß gemäß ergänzt und erweitert, in
der Regel vollſtändig aus, Dieſe nächſte Aufgabe iſt, die unte-
ren, vorzugsweiſe mit körperlicher Arbeit beſchäftigten Volis-
claſſen ſhon in der Jugend auf mittelbarem Wege zwe>mäßig
für die miltäriſ Heere vorzubereiten. Neben der hier nur in zweiter Linie, aber
do kung der Körperkraft iſt beſonders die Gelenkigkeit und Ge-
wandtheit, ſowie Sicherheit der männlichen Jugend im Gebrauch
ihrer Gliedmaßen und Körperkräfte, die Fähigkeit, den Körper
im Gleißgewic behalten. Im Hinbli> auf den ſpäteren Militärdienſt ſoll der
Knabe in der Elementarſ angemeſſene Uebungen exercirfähiger gemac die richtig betriebenen Uebungen wird aber dieſes Ziel nicht
nur in leibliher Beziehung errei intellectueller und moraliſcher Hinſicht eine Stei-
gerung der Kräfte erzielt, welche nun nicht bloß dem Dienſt
im Heere, ſondern der Bildung und Charakterentwickelung der
Nation im Ganzen zu gut kommen muß. Aufmerken, Ver-
ſtehen des Commandos, Gehorhen auf das Wort, Bewußtſein
von der Gemeinſ fordert, aber demſelben aub S gewährt, Raſc dem Gefühl der Körperkraft und der bewußten Herrſchaft Über
dieſelbe wurzelt, Anſtelligkeit in Handhabung. der die Körper-
kraft unterſtüßenden Werkzeuge und Inſtrumente == find Thätig-
keiten und Eigenſchaften, die nicht bloß dem künftigen Recru-
ten , ſondern jedem Mann im Volke zu gut kommen, Ciner
Ergänzung und Erweiterung bedürfen aber die Freiübungen
im Intereſſe des in der Elementarſchule zu ertheilenden gym=-
naſtiſchen Unterrichts, indem, ſoweit erforderlich und zuläſſig,
mit demſelben die ordnungs- und taktmäßigen Uebungen, wie
ſie namentli< von Spieß ausgebildet ſind und ſich beſonders
zur ordnungsmäßigen Beſchäftigung größerer Schülermaſſen
eignen, und damit zugleih Marſchir: und Cvolutionsübungen
verbunden und an ſie angeſ heit im Springen ohne Anwendung künſtlicher Apparate ange
meſſen berücfichtigt wird. Ebeuſo wird den künftigen Lehrern
eine ausreichende Anleitung zu geben ſein, wie auf Grund der
für die Elementarſchule gehörigen gymnaſtiſ ſpiele einzurichten und zu Zwecken der gymnaſtiſ bildung einzuführen find *),
x) Stiehl's Gentralhlatt a. a, O. S. 736.
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In naher Verbindung mit dieſem Regulativ für den Turn -
betrieb in der Volksſ gien zugegangene Miniſterialverfügung, worin deren Fürſorge die
Ausbildung und weitere Entwi>kelung des gymnaſtiſchen Unter-
richts in den Shullehrer-Seminarien, namentliß nach
der Seite der methodiſchen Ertheilung desfelben dur< die Ele-
mentarlehrer hin empfohlen wird; 2) die an die Rectoren uud
Senate der Univerſitäten gerichtete Verfügung, in der denjelben
eröffnet wird, daß dem gymnaſtiſchen Uuterriht in den Shu-
len weiterhin eine erhöhte Bedeutung beigelegt werden ſolle,
und auf den Univerſitäten dafür geſorgt werden müſſe, daß
den von den Shulen abgehenden jungen Männern auf der
Univerſität eine geordnete Fortſezung der angefangenen gyms-
naſtiſ darauf zu legen ſei , daß namentlich die künftigen Geiſtlichen
und Schulmänner ſhon auf der Univerſität Gelegenheit erhal-
ten, fih mit einem ordnungsmäßigen Betriebe der Gymnaſtik
bekannt zu machen; damit ſie in ihrem ſpäteren Amt beauf-
ſihtigend und ausübend hiervon Gebrauß machen
fönnen,
Hinſihtlih der Mittelſchulen heißt es in jener Verfügung
an die königl, Provincial-Schulcollegien : „Es kann nur wieder»
holt in Erinnerung gebra naſtiſchen Unterrimt als einen integrirenden Theil ihrer Auf-
gaben anzuſehen und zu behandeln und in ihren Anſorderun-
gen an die geiſtige Thätigkeit und Beſchäftigung der S<üler
für jenen Zeit und Raum frei zu laſſen haben, Wird Bes-
quemlichkeit, Genußſuht uud Sinn für das nur greifbar Nüß-
lihe als ein in der Jugend der gegenwärtigen Zeit liegender
Grundzug bezeichnet, der ſie von der Hingabe an die gymnaſti»
ſchen Uebungen abziehe, ſo iſt niht außer Betrac daß gerade in den leßteren ein wirkſames Correctiv gegen Ver-
weichlihung und Verflachung geboten iſt, daß es aber bei beab-
ſichtigter Heilung eines Schadens unerläßlihe Bedingung iſt,
der natürlichen Abneigung gegen das Heilmittel nicht ſ lich nachzugeben *).
Inſofern das Turnen eine Erziehungsfache iſt, die den
ganzen Menſc den Erziehern und Wiſſenſ ausreihende phyſiologiſ feiner turneriſ haben, Die Erfahrung lehrt, daß, von der Virtuoſität in ein=
zelen Fertigkeiten und KunſtüFen abgeſehen , die Jugend am
freudigſten und gedeihlihſten unter der Führung wiſſenſchaftlich
gebildeter Männer und namentlich ihrer Schullehrer turnt,
Dieſe leßteren kennen ihre Turnſchüler auc nach deren geiſti»
gen Anlagen und Kräften, ſie wiſſen ſie pſy darum richtiger zu behandeln, fie nam Gebühr zu wecken, zu
ſpornen und zu zügeln und ſind mehr als andere befähigt, ein
Ebenmaß der geiſtigen und leiblihen Entwielung zu erzielen.
Darum iſt es der preußiſ verdanken, daß ſie für die verſchiedenen Kategorieen von Scu-
ſen in den Seminarien, auf den Univerſitäten und in der Cen-
tralturnlehrerbildungsanſtalt tüchtige Turnlehrer heranzubilden
beſtrebt iſt. Württemberg wird darin nicht zurücbleiben, und
fär Bayern iſt wenigſtens in Erlangen dur< das Verdienſt

*) Stiehl's Centralblatt, Septemberheft 1860. Kloſſ, N. Jahrb.
für die Turnk. V1, 4, S. 296 f.

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