ſchule baſiren will, er zeigt deutlich (S. 6 ff.), in welchen
Fertigkeits = Formaliamus die Schule in. Folge unwür=
diger Beſtimmung des von ihr zu treibenden Jnhalts
gefommen iſt. Als nächſte praktiſc<e Folgerung ergiebt
ſi< nun der 1. Grundſaz: Nicht bloß der Reli-
gionäsunterricht, ſondern auc< die naturkund=-
lichen und humaniſtiſ<en Realien müſſen ſelb-
ſtändig betrieben werden. Die bisherige Volksſchule
betrieb nur den Religionsunterricht jelbftändig und in
großer Breite, die neuen Beſtimmungen ſeen Naturkunde,
Geſhichte, Geographie in eine ähnliche Selbſtändigkeit,
obgleich aus der Reihenfolge, in der fie auftreten, ſchon
hervorgeht, daß der Concipient jener Paragraphen vom
Weſen der Sache nicht viel weiß. Nichts deſto weniger
wollen wir das Factum gern anerkennen, daß die neuen
Beſtimmungen (8. 13, 31 ff.) wirkli die Sache beſſern
wollen, und nicht mehr die Realien ander5wo unterſteken.
Nur muß man fofort den Namen „Realien“ im's Auge
faſſen und die damit gewohnheit5mäßig bezeichneten Fächer
wieder mit der Religion nac< jener Formel combiniren
und ſo einen Sachunterricht an die Spiße ſtellen, zu
dem der Gegenſaß fich bald ergiebt. .
Aber da nun die ſo gefaßten Sachen erſtaunlich
umfaſſend und ſ<wer ſind, ſo muß Dörpfeld etwas da=-
für thun, daß die berüchtigte encyclopädij<he Alleswiſſerei
ausgeſchlofſen erſcheine. Dies erſtrebt ex dur< einen
2. Grundjaß: Der Bildungsunterricht muß in
jedem Wiſſensgebiet die Einzelwiſſenſc<haft
ſo weit möglich als eine einheitliche Sc<hul=
wiſſenſ<haft faſſen und auf ſeder Stufe von
unten auf etwas Ganze3 daraus lehren.
Dörpfeld findet, daß gegen diejen Grundſaß auf höhern
Bildung3anſtalten und Volksichulen öfters gefehlt wird,
z. B. wenn auf den untern Stufen bloß Naturbeſchrei-
bung , auf obern bloß Naturleſen getrieben wird, oder
die bibliſche Geſchichte und der Katechismus in ähnlicher
Weiſe ſich bloß ablöſen, anſtatt ſich im Intereſſe der
Bildung =- da ja von Fachbildung keine Rede iſt --
in concentriſchem Fortſchritt zu vereinigen. So findet
er inöbejondere den Religions3unterricht zu zünftig=theo=
[ogit<, den Sprachunterricht auf höhern Schulen zu
zünftig=p hilologiſ<, die Mathematik und Geographie
fac<hwiſſenſ<aftlih aufgequollen. Jnsbeſondere liegt es
ihm am Herzen, daß man das auf den Menſ<en ſich
beziehende Schulwiſſen nach ſeiner Eigenthümlichkeit wür=
dige und als zu einheitlichen Complexen wohl aſſi-
milirbar erkenne. Denn allerdings iſt beſonder35 in der
Anſchauung der ältern Lehre hier eine große Lüke. Meiſt
beſchränken fſi< die Schulen auf Geographie (bürgerliche)
und vaterländiſ<he Geſchichte, wiewohl es doch eine An=
thropologie, Bjychologie, Nationalökonomie, Rechtswiſſen=
j<aft, Staatswiſſenſchaft und noh man<he andere DiS8ci=
plinen giebt, die den Menſchen und ſein Leben zum
Gegenſtand haben. Dörpfeld muß ſeinem Grundſaß ge=
mäß zeigen, daß auc< hier elementare Stoffe vorx=
liegen und er iſt in der günſtigen Lage, hiefür auf ſein
=
„Repetitorium des Realunterrichts“ (Gütersloh, Bartel3=
mann) verweiſen zu können, wo die Probe gemacht iſt,
daß es geht. Jh habe früher Gelegenheit gehabt, in
dieſen Blättern auf jene3 Repetitorium aufmerkſam zu
madchen (1871).*)
Vielleicht der wichtigſte Grundſaß iſt der 3.: Nicht
Leſen und Screiben, überhaupt nicht der
Sprachunterricht, ſondern die Wiſſen3fächer
müjſſen die didaktiſche Baſi3 des gejammten
Unterricht3 bilden (S. 31 ff.). Dörpfeld ſtellt näm=
lich zu den Wiſſen3fächern (T.) jener Formel no< I]. die
Mutterſprache mit ihren Fertigkeiten : Reden, Leſen
und Schreiben und Ul. die ſeparaten Fertigleiten:
Rechnen, Zeichnen und Singen; er ſagt nun in
jener Theſis , alle dieje 3 Gruppen ſeien. unentbehrlich,
aber die Wiſſensfächer, der Fachunterricht, ſei nicht bloß
am höchſten zu werthen, ſondern er ſei auch maßgebend
für die beiden andern Gruppen. Die Begründung dieſer
Theſis iſt vorläufig kurz auf S. 32--34 gegeben ; im
Grunde zieht ſich die durchaus gelungene Beweisführung
no<g weit hinein in den folgenden Abſchnitt, der der
2. Gruppe, dem Sprachunterricht, gewidmet iſt. Denn
hier heißt ſofort die 4. Theſis: der Kern der Sprach=
bildung muß in und mit der Sach bildung (an den
Wiſſen3fächern) erworben werden. Schon hier tritt es
hervor, daß unter Sprachbildung bei Dörpfeld nicht die
theoretiſ<e Erfenntniß der Sprachformen gemeint
iſt, ſondern die Handhabung der Sprache. Da hier
nur die Mutterſprache in Betrac<t kommt, jo iſt uns
manche Reflexion auf den fremdſprachlihen Unterricht
damit erſpart. Warum iſt nun Dörpfeld der Ueber-
zeugung, daß der richtige Sachunterricht den Kern der
Sprachbildung mit beſorge? Er hätte ſagen können, daß
es eben feinen andern Unterricht in der Volksſchule gebe,
als durc< Vermittlung der Sprache. Aber er iſt aus=
führlicher, geduldiger; er jagt, jede Lection des Sach=
unterrichts ziele 1) auf anſc<hauliches Verſtehen, 2) auf
ſicheres Einprägen, 3) auf denkende3 Wiedergeben ; dieſen
3 Stücken genüge der Lehrer demgemäß dur< 1) freies
mündliches Lehrwort ohne Buh, 2) durc< Cin-
prägen eines Leſeſtoff3, 3) dur< ein zum denkenden
Wiedergeben nöthigendes Frageheft. Indem er nun
die 3 Stadien in lehrreicher praktiſcher Ausführlichkeit
durc<geht und. namentlich beklagt, daß die alten Regu-
lative zwar bei der Religion den freien Vortrag der
bibliſchen Geſchichte verlangt, bei den Realien aber mit
dem Leſebuch, alfo dem zweiten Stadium begonnen
hätten, ergiebt ſich leiht, was die Theſis ſo bündig her=
vorhebt; und die Vortheile des Verfahrens zeigen ſich
nicht "nicht bloß in Zeiterſparniß, jondern die Betheiligung
*) Soeben geht mir die für den Buchhandel beſtimmie Au3-
gabe des „Repetitorium des naturkundlihen und humaniſtiſchen
Realunterricht3 oder Fragen zum Verſtändniß, zur Wiederholung
und Durcharbeitung des Lehrſtoffs" zu; Aus8gabe für Volksſchulen.
us S. Ein dazu gehöriges Lehrbuch für den Lehrer wird bald
erſcheinen.