Full text: Allgemeine Schulzeitung - 50.1873 (50)

ſchule baſiren will, er zeigt deutlich (S. 6 ff.), in welchen 
Fertigkeits = Formaliamus die Schule in. Folge unwür= 
diger Beſtimmung des von ihr zu treibenden Jnhalts 
gefommen iſt. Als nächſte praktiſc<e Folgerung ergiebt 
ſi< nun der 1. Grundſaz: Nicht bloß der Reli- 
gionäsunterricht, ſondern auc< die naturkund=- 
lichen und humaniſtiſ<en Realien müſſen ſelb- 
ſtändig betrieben werden. Die bisherige Volksſchule 
betrieb nur den Religionsunterricht jelbftändig und in 
großer Breite, die neuen Beſtimmungen ſeen Naturkunde, 
Geſhichte, Geographie in eine ähnliche Selbſtändigkeit, 
obgleich aus der Reihenfolge, in der fie auftreten, ſchon 
hervorgeht, daß der Concipient jener Paragraphen vom 
Weſen der Sache nicht viel weiß. Nichts deſto weniger 
wollen wir das Factum gern anerkennen, daß die neuen 
Beſtimmungen (8. 13, 31 ff.) wirkli die Sache beſſern 
wollen, und nicht mehr die Realien ander5wo unterſteken. 
Nur muß man fofort den Namen „Realien“ im's Auge 
faſſen und die damit gewohnheit5mäßig bezeichneten Fächer 
wieder mit der Religion nac< jener Formel combiniren 
und ſo einen Sachunterricht an die Spiße ſtellen, zu 
dem der Gegenſaß fich bald ergiebt. . 
Aber da nun die ſo gefaßten Sachen erſtaunlich 
umfaſſend und ſ<wer ſind, ſo muß Dörpfeld etwas da=- 
für thun, daß die berüchtigte encyclopädij<he Alleswiſſerei 
ausgeſchlofſen erſcheine. Dies erſtrebt ex dur< einen 
2. Grundjaß: Der Bildungsunterricht muß in 
jedem Wiſſensgebiet die Einzelwiſſenſc<haft 
ſo weit möglich als eine einheitliche Sc<hul= 
wiſſenſ<haft faſſen und auf ſeder Stufe von 
unten auf etwas Ganze3 daraus lehren. 
Dörpfeld findet, daß gegen diejen Grundſaß auf höhern 
Bildung3anſtalten und Volksichulen öfters gefehlt wird, 
z. B. wenn auf den untern Stufen bloß Naturbeſchrei- 
bung , auf obern bloß Naturleſen getrieben wird, oder 
die bibliſche Geſchichte und der Katechismus in ähnlicher 
Weiſe ſich bloß ablöſen, anſtatt ſich im Intereſſe der 
Bildung =- da ja von Fachbildung keine Rede iſt -- 
in concentriſchem Fortſchritt zu vereinigen. So findet 
er inöbejondere den Religions3unterricht zu zünftig=theo= 
[ogit<, den Sprachunterricht auf höhern Schulen zu 
zünftig=p hilologiſ<, die Mathematik und Geographie 
fac<hwiſſenſ<aftlih aufgequollen. Jnsbeſondere liegt es 
ihm am Herzen, daß man das auf den Menſ<en ſich 
beziehende Schulwiſſen nach ſeiner Eigenthümlichkeit wür= 
dige und als zu einheitlichen Complexen wohl aſſi- 
milirbar erkenne. Denn allerdings iſt beſonder35 in der 
Anſchauung der ältern Lehre hier eine große Lüke. Meiſt 
beſchränken fſi< die Schulen auf Geographie (bürgerliche) 
und vaterländiſ<he Geſchichte, wiewohl es doch eine An= 
thropologie, Bjychologie, Nationalökonomie, Rechtswiſſen= 
j<aft, Staatswiſſenſchaft und noh man<he andere DiS8ci= 
plinen giebt, die den Menſchen und ſein Leben zum 
Gegenſtand haben. Dörpfeld muß ſeinem Grundſaß ge= 
mäß zeigen, daß auc< hier elementare Stoffe vorx= 
liegen und er iſt in der günſtigen Lage, hiefür auf ſein 
 
= 
„Repetitorium des Realunterrichts“ (Gütersloh, Bartel3= 
mann) verweiſen zu können, wo die Probe gemacht iſt, 
daß es geht. Jh habe früher Gelegenheit gehabt, in 
dieſen Blättern auf jene3 Repetitorium aufmerkſam zu 
madchen (1871).*) 
Vielleicht der wichtigſte Grundſaß iſt der 3.: Nicht 
Leſen und Screiben, überhaupt nicht der 
Sprachunterricht, ſondern die Wiſſen3fächer 
müjſſen die didaktiſche Baſi3 des gejammten 
Unterricht3 bilden (S. 31 ff.). Dörpfeld ſtellt näm= 
lich zu den Wiſſen3fächern (T.) jener Formel no< I]. die 
Mutterſprache mit ihren Fertigkeiten : Reden, Leſen 
und Schreiben und Ul. die ſeparaten Fertigleiten: 
Rechnen, Zeichnen und Singen; er ſagt nun in 
jener Theſis , alle dieje 3 Gruppen ſeien. unentbehrlich, 
aber die Wiſſensfächer, der Fachunterricht, ſei nicht bloß 
am höchſten zu werthen, ſondern er ſei auch maßgebend 
für die beiden andern Gruppen. Die Begründung dieſer 
Theſis iſt vorläufig kurz auf S. 32--34 gegeben ; im 
Grunde zieht ſich die durchaus gelungene Beweisführung 
no<g weit hinein in den folgenden Abſchnitt, der der 
2. Gruppe, dem Sprachunterricht, gewidmet iſt. Denn 
hier heißt ſofort die 4. Theſis: der Kern der Sprach= 
bildung muß in und mit der Sach bildung (an den 
Wiſſen3fächern) erworben werden. Schon hier tritt es 
hervor, daß unter Sprachbildung bei Dörpfeld nicht die 
theoretiſ<e Erfenntniß der Sprachformen gemeint 
iſt, ſondern die Handhabung der Sprache. Da hier 
nur die Mutterſprache in Betrac<t kommt, jo iſt uns 
manche Reflexion auf den fremdſprachlihen Unterricht 
damit erſpart. Warum iſt nun Dörpfeld der Ueber- 
zeugung, daß der richtige Sachunterricht den Kern der 
Sprachbildung mit beſorge? Er hätte ſagen können, daß 
es eben feinen andern Unterricht in der Volksſchule gebe, 
als durc< Vermittlung der Sprache. Aber er iſt aus= 
führlicher, geduldiger; er jagt, jede Lection des Sach= 
unterrichts ziele 1) auf anſc<hauliches Verſtehen, 2) auf 
ſicheres Einprägen, 3) auf denkende3 Wiedergeben ; dieſen 
3 Stücken genüge der Lehrer demgemäß dur< 1) freies 
mündliches Lehrwort ohne Buh, 2) durc< Cin- 
prägen eines Leſeſtoff3, 3) dur< ein zum denkenden 
Wiedergeben nöthigendes Frageheft. Indem er nun 
die 3 Stadien in lehrreicher praktiſcher Ausführlichkeit 
durc<geht und. namentlich beklagt, daß die alten Regu- 
lative zwar bei der Religion den freien Vortrag der 
bibliſchen Geſchichte verlangt, bei den Realien aber mit 
dem Leſebuch, alfo dem zweiten Stadium begonnen 
hätten, ergiebt ſich leiht, was die Theſis ſo bündig her= 
vorhebt; und die Vortheile des Verfahrens zeigen ſich 
nicht "nicht bloß in Zeiterſparniß, jondern die Betheiligung 
*) Soeben geht mir die für den Buchhandel beſtimmie Au3- 
gabe des „Repetitorium des naturkundlihen und humaniſtiſchen 
Realunterricht3 oder Fragen zum Verſtändniß, zur Wiederholung 
und Durcharbeitung des Lehrſtoffs" zu; Aus8gabe für Volksſchulen. 
us S. Ein dazu gehöriges Lehrbuch für den Lehrer wird bald 
erſcheinen.
	        
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