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des Schülers an dem Leſeſtoff, der vorher fachli? dur<h=-
gearbeitet wurde, wird auch intenſiver, führt leichter zur
eigenen Darſtellungsfähigkeit und erhält der Darſtellung
des Schüler35 leichter den geſunden, wahrhaftigen Ton.*)
Wa3 Dörpfeld von der Cigenthümlichkeit des gewöhn=-
lichen, belletriſtiſchen Leſebuchs , gegenüber den rein ſah-
lihen Leſebüchern ſagt, bedarf no< der Klärung. Da
aber eine nähere Beſprechung weit ausholen und ſogar
zeigen müßte, daß auch die ſcheinbar. ſachli<ſte Dar=
ſtellung ſo gut wie die poetiſch-künſtleriſche durc< die jub=
jectiven Kategorien des Geiſtes hindurch gegangen iſt,
jo ſehen wir von Weiterem ab, um ſo mehr, als die
Theſis von dergleichen nicht angefochten werden kann.
Dörpfeld wirft dem iſolirten Sprachunterricht S. 53 vor,
er habe auch zu dem grammatiſtiſ<en Betreiben
de3 Deutſchen geführt, womit Dörpfeld indeß no< nicht
ſagen will, daß eine gelegentliche Heranziehung grammas=
tiſcher Notizen nach ſeiner Theorie etwa ausgeſ<loſſen
ſei. Darauf hin werden ſich die meiſten praktiſchen Schul-
männer einigen können. Giebt man den Schulen, hohen
und niedern, denjenigen Stoff, der nicht bloß das Zn=
tereſſe feſſelt, ſondern auch eine tüchtige intellectuelle
Durcharbeitung verlangt, ſo wird die Betrachtung gram-
matiſcher. Verhältniſſe mehr als ein praftiſches Abkür=
zungömittel dienen, während in den Clementarſchulen
meiſt nur wegen einer fonſt nicht erhältlihen logiſchen
Vebung (nebenher freilich au< zu orthographiſchen
Zweden 2c.) betrieben wurde. vin
Gehen wir alſo zu dem 5. Grundjaß über, der
ausdrücklich beſagt, daß beim Sprachunterricht
ſich die Hauptſorge auf ein geläufiges und
ſicheres Können -- im Reden, Lejen und
Schreiben zu richten habe. Die naive Zuſtimmung,
mit der wir wohl dieſe Theſis aufnehmen, kann Dörpfeld
nicht genügen, er fordert uns auf, auch die Conjequenzen
mitzudenken. “ Darunter iſt die gewichtigſte: die große
Ueberlegenheit der mündlichen Uebung (Hören und
Reden) über die ſ<riftlic<he Darſtellung. Wenn iich
doch alle Schulen, auch die höheren, mit diejem Grund=
ſatz erfüllen wollten! Freilich werden es die Zöglinge der -
Volksſchule ſchwer haben, die dazu erforderlichen unaus=
geſeßten häuslichen Leje<z und Memorirübungen zu
betreiben. Aber es muß durchgeſeßt werden. Nicht bloß
um der Bildung3-Grundſäße willen, jondern auch um
der nationalen, auf Ausgleichung der Stände gerichteten
Beſtrebungen willen, von denen G. Hirth im 6. Hefte
der „Annalen des deutſchen Rei<38“ (und in Separats=-
abzug) einen Dithyrambus geſungen hat, der des Er-
greifenden, aber auch des Maßloſen jo viel enthält.
Der lette (6.) Grundſaß bezieht fich auf die vorhin
aufgezählten ſeparaten Fertigkeiten. Er fordert, daß auch
*) Menn es S. 48 heißt, daß bezüglich des „Reichthums8"
die Sprache wohl ärmer ſein könne als das ſachliche Wiſſen, aber
nicht reicher, ſo iſt das eine unpraktiſche Unterſcheidung. Die
Sprache iſt wenigſtens reicher, als das fachliche Wiſſen irgend
eine38 Einzelnen.
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ſie, Rechnen, Singen, Zeichnen -- den Zu-
ſammenhang mit der Baſis alles Unter-
i<ht5, mit den Wiſſensfäc<hern feſthalten
müſſen. Auch hier liegt das Anziehende im Einzelnen,
da ja den allgemeinen Saß Niemand leicht beſtreiten
wird. Dieſes Einzelne aber, was S. 76 ff. enthalten
iſt, bringt nicht bloß ſchöne Andeutungen zur Geſchichte
dieſer didaktiſchen Zweige, ſondern auch praktiſche Vor-
ſchläge , die ſich z. B. die Verfaſſer von Rechenbüchern
ſollten zu Nuße machen. -
Unſere Aufgabe iſt zu Ende. Wir wollien eine un=-
gefähre Vorſtellung von dem geben, was das Buch will
und fagt, überzeugt, daß die kurze Angabe dieſer Stüde,
in Verbindung mit der ſonſtigen Kenntniß des Verfaſſers,
Manche reizen werde, ſchneller das Shrifthen in die Hand
zu nehmen, als .es der träge buchhändleriſche Verkehr mit
ſich bringt. Bei näherer Betrachtung wird gewiß Mancher
erkennen, daß meine Worte noh lange niht genug die
Bedeutung der Scrift meines Freundes hervorgehoben
haben. I< fühle, daß mix der Zuſtand der gegenwär=-
tigen Volksſhule, daß. mix in3bejondere die Fehler und
Hemniſſe , die ſich in ihr finden, nicht anſchaulich) und
lebendig genug bekannt ſind. Wäre es der Fall, jo würde ich
e3 wohl mit noc< größerer Wärme als jeßt bezeugen,
daß in der kleinen Schrift eine wahre Reform der - prafs=
tiſchen Didaktik enthalten, iſt. Möcten bejonders alle
die, wel<he auf das Schulweſen einen amtlichen Einfluß
haben, ſi< mit den Grundſäßen des Buches erfüllen.
Mit den „Allgemeinen Beſtimmungen“ iſt no<ß wenig
gethan, fo dankens8werth ſie ſind. Neben der Gewinnung
tüchtig vorbereiteter Lehrer wird nichts ſo wichtig jein,
als die Befreiung von . dem traditionellen Unterrichts=
Schkendrian durch eine eindringliche Erwägung pfyc<holo=
giſcher und didaktiſcher Grundgedanken, wie fie in dieſer
Scrift Dörpfeld3 enthalten find.
Nacuhridcten.
1. Die neuen Regulatwe. Preis und Zweifel.
Celle, Mai. Der hieſige Kreislehrerverein nahm bei
Gelegenheit ſeiner dieSjährigen Oſterverſammlung ' folgende
Reſolution an: „Der Kreislehrerverein Celle erkennt an,
daß die Allgemeinen Beſtimmungen vom 15. October 1872
einen bedeutenden und danken3werthen Fortſchritt in der
Pädagogik documentiren. |
Berlin, 20. Mai. In den Schullehrer-Se-
minarien hat mit dem Beginn dieſe3 Semeſter3 die Un-
terweiſung der Seminariſten auf Grund der „allgemeinen
Beſtimmungen vom 15. October 1872“ ihren Anfang ge-
nommen, wie denn auc< bei Prüfung der Präparanden, 19-
viel wie möglih, der neue erweiterte Maßſtab bereits an-
gelegt worden iſt. Ebenſo hat auf Grund der „allgemeinen
Beſtimmungen“ eine Reviſion der Hausordnungen in jämmt.