Full text: Allgemeine Schulzeitung - 50.1873 (50)

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des Schülers an dem Leſeſtoff, der vorher fachli? dur<h=- 
gearbeitet wurde, wird auch intenſiver, führt leichter zur 
eigenen Darſtellungsfähigkeit und erhält der Darſtellung 
des Schüler35 leichter den geſunden, wahrhaftigen Ton.*) 
Wa3 Dörpfeld von der Cigenthümlichkeit des gewöhn=- 
lichen, belletriſtiſchen Leſebuchs , gegenüber den rein ſah- 
lihen Leſebüchern ſagt, bedarf no< der Klärung. Da 
aber eine nähere Beſprechung weit ausholen und ſogar 
zeigen müßte, daß auch die ſcheinbar. ſachli<ſte Dar= 
ſtellung ſo gut wie die poetiſch-künſtleriſche durc< die jub= 
jectiven Kategorien des Geiſtes hindurch gegangen iſt, 
jo ſehen wir von Weiterem ab, um ſo mehr, als die 
Theſis von dergleichen nicht angefochten werden kann. 
Dörpfeld wirft dem iſolirten Sprachunterricht S. 53 vor, 
er habe auch zu dem grammatiſtiſ<en Betreiben 
de3 Deutſchen geführt, womit Dörpfeld indeß no< nicht 
ſagen will, daß eine gelegentliche Heranziehung grammas= 
tiſcher Notizen nach ſeiner Theorie etwa ausgeſ<loſſen 
ſei. Darauf hin werden ſich die meiſten praktiſchen Schul- 
männer einigen können. Giebt man den Schulen, hohen 
und niedern, denjenigen Stoff, der nicht bloß das Zn= 
tereſſe feſſelt, ſondern auch eine tüchtige intellectuelle 
Durcharbeitung verlangt, ſo wird die Betrachtung gram- 
matiſcher. Verhältniſſe mehr als ein praftiſches Abkür= 
zungömittel dienen, während in den Clementarſchulen 
meiſt nur wegen einer fonſt nicht erhältlihen logiſchen 
Vebung (nebenher freilich au< zu orthographiſchen 
Zweden 2c.) betrieben wurde. vin 
Gehen wir alſo zu dem 5. Grundjaß über, der 
ausdrücklich beſagt, daß beim Sprachunterricht 
ſich die Hauptſorge auf ein geläufiges und 
ſicheres Können -- im Reden, Lejen und 
Schreiben zu richten habe. Die naive Zuſtimmung, 
mit der wir wohl dieſe Theſis aufnehmen, kann Dörpfeld 
nicht genügen, er fordert uns auf, auch die Conjequenzen 
mitzudenken. “ Darunter iſt die gewichtigſte: die große 
Ueberlegenheit der mündlichen Uebung (Hören und 
Reden) über die ſ<riftlic<he Darſtellung. Wenn iich 
doch alle Schulen, auch die höheren, mit diejem Grund= 
ſatz erfüllen wollten! Freilich werden es die Zöglinge der - 
Volksſchule ſchwer haben, die dazu erforderlichen unaus= 
geſeßten häuslichen Leje<z und Memorirübungen zu 
betreiben. Aber es muß durchgeſeßt werden. Nicht bloß 
um der Bildung3-Grundſäße willen, jondern auch um 
der nationalen, auf Ausgleichung der Stände gerichteten 
Beſtrebungen willen, von denen G. Hirth im 6. Hefte 
der „Annalen des deutſchen Rei<38“ (und in Separats=- 
abzug) einen Dithyrambus geſungen hat, der des Er- 
greifenden, aber auch des Maßloſen jo viel enthält. 
Der lette (6.) Grundſaß bezieht fich auf die vorhin 
aufgezählten ſeparaten Fertigkeiten. Er fordert, daß auch 
*) Menn es S. 48 heißt, daß bezüglich des „Reichthums8" 
die Sprache wohl ärmer ſein könne als das ſachliche Wiſſen, aber 
nicht reicher, ſo iſt das eine unpraktiſche Unterſcheidung. Die 
Sprache iſt wenigſtens reicher, als das fachliche Wiſſen irgend 
eine38 Einzelnen. 
 
 
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ſie, Rechnen, Singen, Zeichnen -- den Zu- 
ſammenhang mit der Baſis alles Unter- 
i<ht5, mit den Wiſſensfäc<hern feſthalten 
müſſen. Auch hier liegt das Anziehende im Einzelnen, 
da ja den allgemeinen Saß Niemand leicht beſtreiten 
wird. Dieſes Einzelne aber, was S. 76 ff. enthalten 
iſt, bringt nicht bloß ſchöne Andeutungen zur Geſchichte 
dieſer didaktiſchen Zweige, ſondern auch praktiſche Vor- 
ſchläge , die ſich z. B. die Verfaſſer von Rechenbüchern 
ſollten zu Nuße machen. - 
Unſere Aufgabe iſt zu Ende. Wir wollien eine un=- 
gefähre Vorſtellung von dem geben, was das Buch will 
und fagt, überzeugt, daß die kurze Angabe dieſer Stüde, 
in Verbindung mit der ſonſtigen Kenntniß des Verfaſſers, 
Manche reizen werde, ſchneller das Shrifthen in die Hand 
zu nehmen, als .es der träge buchhändleriſche Verkehr mit 
ſich bringt. Bei näherer Betrachtung wird gewiß Mancher 
erkennen, daß meine Worte noh lange niht genug die 
Bedeutung der Scrift meines Freundes hervorgehoben 
haben. I< fühle, daß mix der Zuſtand der gegenwär=- 
tigen Volksſhule, daß. mix in3bejondere die Fehler und 
Hemniſſe , die ſich in ihr finden, nicht anſchaulich) und 
lebendig genug bekannt ſind. Wäre es der Fall, jo würde ich 
e3 wohl mit noc< größerer Wärme als jeßt bezeugen, 
daß in der kleinen Schrift eine wahre Reform der - prafs= 
tiſchen Didaktik enthalten, iſt. Möcten bejonders alle 
die, wel<he auf das Schulweſen einen amtlichen Einfluß 
haben, ſi< mit den Grundſäßen des Buches erfüllen. 
Mit den „Allgemeinen Beſtimmungen“ iſt no<ß wenig 
gethan, fo dankens8werth ſie ſind. Neben der Gewinnung 
tüchtig vorbereiteter Lehrer wird nichts ſo wichtig jein, 
als die Befreiung von . dem traditionellen Unterrichts= 
Schkendrian durch eine eindringliche Erwägung pfyc<holo= 
giſcher und didaktiſcher Grundgedanken, wie fie in dieſer 
Scrift Dörpfeld3 enthalten find. 
 
Nacuhridcten. 
1. Die neuen Regulatwe. Preis und Zweifel. 
Celle, Mai. Der hieſige Kreislehrerverein nahm bei 
Gelegenheit ſeiner dieSjährigen Oſterverſammlung ' folgende 
Reſolution an: „Der Kreislehrerverein Celle erkennt an, 
daß die Allgemeinen Beſtimmungen vom 15. October 1872 
einen bedeutenden und danken3werthen Fortſchritt in der 
Pädagogik documentiren. | 
Berlin, 20. Mai. In den Schullehrer-Se- 
minarien hat mit dem Beginn dieſe3 Semeſter3 die Un- 
terweiſung der Seminariſten auf Grund der „allgemeinen 
Beſtimmungen vom 15. October 1872“ ihren Anfang ge- 
nommen, wie denn auc< bei Prüfung der Präparanden, 19- 
viel wie möglih, der neue erweiterte Maßſtab bereits an- 
gelegt worden iſt. Ebenſo hat auf Grund der „allgemeinen 
Beſtimmungen“ eine Reviſion der Hausordnungen in jämmt.
	        
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