Full text: Allgemeine Schulzeitung - 51.1874 (51)

Allgemeine Schul-Zeitung. 
Organ des Vereins für wiſſenſ<aftliche Pädagogik, 
Unter Mitwirkung von 
'Geh. Oberſtudienrath Dr. K. Wagner in Darmſtadt, Dr. Firnhaber, Geh. Regierungsrath in Wiesbaden 
Profeſſor Dr. Wogt in Wien und Profeſſor Dr. Zillex in Leipzig 
hergusgegeben von | 
Profeſſor Dr. Stoy, Schulrath in Jena. 
Einundfünfzigſter Jahrgang. 
 
R“ 34. 
 
 
 
Darmſtadt, 22. Auguſt. 
1874 
 
 
 
nhalt. Aufſäbe: Anthropologiſche Beiträge zur vergleichenden Pädagogik. Von Prof. Kilian in Sciltigheim bei Straßburg. 1. -- 
Inh Eine Se DUE. Ge -- Verſammlungen von Directoren und Lehrern höherer Unterrichtsanjtalten. (Fortf. aus Nr. 30. 
-- Nachrichten : Jena. Das pädagogiſche Programm für das Winterſemeſter. =- Aus 
Thüringen. Dr. Credner's Berufun( 
nac< Bremen. (Orig.-Correſp.) =- München. Kammer gegen Regierung. -- Aufbeſſerung der Gehalte der Seminarſchullehrer 
-- Kiſſingen. Bismar>ſtiftung. =- Weimar. Penſions 
onds für Lehrerinnen. -- Wien. Zur Reform der Lehrerbildungs 
- anſtalten. =- Ein verfehlter Verſuch. --.Brüſſel. Da3 Unterrichtswejen. =- Anzeigen. | 
 
 
 
 
Anthropologiſche Beiträge zur vergleichenden 
| Pädagogik. *) 
Von Profeſſor Kilian in Schiltigheim bei Straßburg. 
1. 
Auſhauungs-Yermögen und Anſhanungs-Unferricht, 
Raum und Zeit bilden die beiden polariſhen Ele= 
mente, innerhalb deren Grenzen ſich der menſchliche Geiſt 
vermittelſt der ſinnlichen Wahrnehmungen des Auges und 
des Ohres in ſeinen normalen Entwiklungösſtufen bewegt : 
-- Raum= und Zeit=-Größen die Uranfänge und die als 
Geographie und Geſ<hi<te ausgeprägten Geſammts= 
DiSsciplinen der geiſtigen Cultur, ſei es daß dieſelben im 
Alterthum als Mathematik und Muſik <harakteriſirt, oder 
durh die Scholaſtik des Mittelalter in das bekannte 
trivium (Grammatik, Dialektik und Rhetorik) und qua- 
drivium (Arithmetik, Muſik, Geometrie und Aſtronomie) 
zerlegt worden ſind. 
Die Erkenntniß des Raumes: die Zahl, die Einheit, 
iſt der erſte Leben3akt des Geiſtes und des pſychiſchen 
Bewußtſeins. Schon frühe ſteigen am Horizonte des 
*) Indem wir nachſtehende, von einem uns fremden pſycho- 
logiſchen Standpunkte aus angeſtellten, originellen Erörterungen 
unſern Leſern mittheilen, beabſichtigen wir 1. zur Fortſezung der 
ſinnigen Betrachtungen anzuregen, 2. zur Vergleichung mit den 
Säßen der exacten Pſychologie einzuladen, 3. eine Hinweiſung auf 
die höchſt lehrreichen Erfahrungen im Kreiſe des Blinden» und 
Taubſtummenunterrichtes darzubieten. D. Red. 
 
Kindes. die Begriffe von gleiß und unglei<, vie 
und wenig, Einheit und Theil, als die erſten Morgen: 
ſtrahlen des geiſtigen Erwachen3 auf. Jeder Gedanke if 
ein mathematiſches Problem: eine identiſche Gleichung 
Das Auge in ſeiner Elementar=-Anſ<auung der plaſtiſcher 
Wirklichkeit bildet nur Gleichungen des Erſten Grades 
Das Ohr operirt mit potenzirten Größen. 
Raum und Zeit verhalten ſich wie 3 : a*. DU 
Geſhichte entwi>elt und mehrt, ſie adelt und verkflär 
den Raum. Die ſchaffende Zeit iſt die Seele des Erd- 
körper3 und der Jnhalt der Welt! 
Dieß Gleichgewicht gründet die Macht und Geſundheit 
(Sana mens) des Geiſtes. Wahrheit iſt -- Gleichheit, 
Gerechtigkeit! Alles Ungleiche iſt falſ<! Jede nicht auf- 
gelöſte Gleichung, jedes geiſtige Schwanken der Gedanken 
im krankhaften Zweifel, jeder Mangel von Ebenmaß und 
Harmonie, iſt Schwäche und erzeugt Irrthum, Unordnung 
und Zügelloſigleit. 
Die Fähigkeit, Gleichungen zu bilden und zu löſen, 
bildet die großen Denker der Wiſſenſchaft und die heroi- 
ſchen Charaktere der praktiſchen Leben3bühne ; die Märtyrer 
des Glauben3 und die Helden auf dem ſiegreichen Sc<lacht- 
felde. Und dieß iſt die Aufgabe der <riſtlichen Erziehung. 
1. 
Wenn wir den Wahrnehmung3modus von Auge 
und Ohr vergleichen, ſo findet fich vor Allem ein großer, 
genetiſcher Unterſchied in der Beweglichkeit beider 
Sinne3apparate vor, deren eigenthümliche Weſenheit für 
Schule und Haus von höchſter Wichtigkeit und j<hon aus
	        
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