Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 7.1905 (7)

2 Leo FHirschlajf. 
zugewandi, nach der zwiSchen der Menschen- und Tiergeele nur 
ein quantitativer Unterschied besteht. Ich erinnere z. B. an 
Hermann Samuel Reimarus, der in Seinen „Allgemeinen Be- 
trachtungen über die Triebe der Tiere etc.“ die mechanischen 
Triebe von den Vorstellungstrieben und willkürlichen Trieben 
der Tiere unterscheidet und den Tieren zwar Verstand, aber 
nicht Vernunft zuschreibt, wie es Condillac gethan hatte. Ich 
erinnere ferner an die vortrefflichen „Philosophischen Briefe 
über die Verslandes- und Vervollkommnungsfähigkeit der Tiere“ 
von Karl Georg Leroy, der als Holz- und Jagdaufscher in den 
königlichen Gärten zu Marly und Vergailles Musse fand, ausge- 
dehnte und scharfsinnige Beobachtungen inmitten der ihn um- 
gebenden Tierwelt anzustellen. Endlich zitiere ich die Unter- 
Suchungen von Scheitlin, Fuchs, Darwin, Jarisch, Perty, 
Schneider u. V. a., deren Bemühungen darauf ausgingen, den 
unklaren Begriff des Instinktes zu präcisieren und die Ver- 
Standestätigkeiten der Tiere abzugrenzen. Darin waren alle ge- 
nannien Autoren einig, dass den Tieren die niederen Verstandes- 
tätigkeiten des Vorstellens, Urteilens, Vergleichens, Schliessens zuzu- 
Sprechen, die höheren Verstandestätigkeiten der AbsSstraktion, der 
Sittllichen und religilöSen Begriffsbildung und der Selbsterkenntnis 
dagegen abzusprechen Seien. Diese LöSung des vorher auſfge- 
Stellien Hauptproblemes der Tierpsychologie ist nun in neuerer 
Zeit, nach Einführung der experimentellen Methoden in die Tier- 
pSychologie, wiederum zum Gegenstande des Streites geworden. 
Bei den mit grosser Mühe und vielem Scharfsinn angesgtellien 
PSYychologiSchen Versuchen und Beobachtungen an niederen 
Tieren, an Infusorien, an Bienen und Ameisen, an Fischen eic. 
haben zwar die meisten Autoren an der Annahme einer Ver- 
Standestätigkeit der Tiere festgehalten; andere aber baben diese 
Lehre bestritten und versucht, die Cartesianische Lehre wieder 
zu Ehren zu bringen. So. vertritt besonders der geistreiche Je- 
Suültenpater E. Wasmann bis in die neueste Zeit hinein den 
Standpunkt, dass alle noch S0 komplizierten Handlungen der Tiere 
nur auf Instinkt, nicht auf Intelligenz zurückzuführen Seien. Ja, 
Albrecht Bethe geht 8o0gar für die niederen Tiere über diese 
AuſffasSung hinaus, indem er den Staatlich lebenden InSsekien, 
also den Bienen und AmeisSen, Selbst den Instinkt abspricht und 
Sämtliche Handlungen dieser Tiere auf mehr oder Weniger Zu- 
Sammengegetzte Reflexe zurückſührt; während er allerdings die
	        

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