Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 13.1912 (13)

Zur Psychologie des Extemporaleschreibens 53 
 
Zur Psychologie des Extemporaleschreibens. 
Von A. Huther. 
Ein Erlaß des preußischen Kultusministeriums stellt den unbefriedigenden Ausfall 
der fremdsprachlichen Extemporalien an den höheren Schulen Preußens fegt, 
desgen Grund in übermäßiger Anspannung der Forderungen an die Schüler zu er- 
kennen 8ei. Die Extemporalien bilden immerhin ein bewährtes Unterrichtsmittel im 
Rahmen des bestehenden Lehrplans, das vorzugsweise dazu geeignet ist, die Schüler 
zu gelbständigem Können auszurüsten. Weder die Mathematik noch der deutsche 
Aufsatz, die beiden anderen hauptsächlichen formalbildenden Lehrmittel, vermag in 
gleichem Maße ein geistiges Können zu gewährleisten. Diess Bedeutung scheint 
ihnen auch das bez. Ministerium zuzugestehen, da es diegelben weiterbestehen läßt 
und nur ihre oft eingeitige Wertschätzung für die Beurteilung der geistigen Reife 
der Zöglinge überhaupt vermieden baben will. Um besgere Leistungen zu erzielen, 
wird angeordnet, daß in jeder Lehrstunde des fraglichen Faches eine Anzahl Übungs- 
Sätze niedergeschrieben werden Soll. Dabei übergieht man aber das Hilfsmittel, das 
die pädagogische Psychologie in dieser Beziehung darbietet, indem gie den Schülern 
eine gystematische formale Schulung der geistigen Fähigkeiten zu vermitteln gucht, 
von denen die fragliche Zielleistung abhängig ist. Der gebildete Erwachsene pflegt, 
wenn gich ihm Gelegenheit zu stilistisScher Formung von Gedanken bietet, eine weit 
größere Gewandtheit als der Schüler zu beweigen, und zwar nicht 80 Sehr infolge 
genauerer Kenntnis des grammatischen Regelwerks als vielmehr infolge besserer Be- 
herrschung der geistigen Funktionen, deren Anwendung die stilistigchen Übungen 
vorausgetzen. Hierauf beruht der höhere. Grad von geistiger Reife, den er vor dem 
Schüler voraus bat. Und diese Reife zu erzielen, ist die Aufgabe der formalen 
Schulung, die wir hier im Sinne haben. 
Um den Begriff der letzteren klarzustellen, müssgen wir die geistige Arbeit, welche 
der Schüler beim Extemporaleschreiben zu bewerkstelligen hat, in ihre Faktoren zu 
zerlegen Suchen. Eis gind dies die einzelnen Funktionen, welche bei der Arbeit zur 
Anwendung kommen, Funktionen, die gich bei der Übergetzungspraxis im Bewußt- 
Sein des Schülers vielfach miteinander komplizieren, die der Lehrer jedoch augein- 
ander zu halten wissen muß, um jenem im einzelnen Falle die nötige Anleitung 
bei geiner Denkbarkeit erteilen zu können. Fehler, die der Schüler macht, weisen 
je nach ihrer besgonderen Natur auf das Vergagen eines dieser Faktoren hin; es be- 
darf dann entsprechender Übungen, um ihn in normale Wirkgamkeit zu getzen. 
Das Extemporaleschreiben getzt erstlich voraus, daß der Schüler den zu über- 
tragenden Satz in unmittelbarer, unzerlegter Form klar und bestimmt aufzufassen 
imstande ist, und zwar in geinem ganzen Zugammenhange, damit er dengelben nach 
Seinem Syntaktischen Aufbau zu überblicken vermag. Ob dies im gegebenen Falle 
zutrifft, davon wird der Lehrer Sich am besten überzeugen können, indem er den 
Satz Sofort vom Schüler wiederholen läßt. Dengelben Bewußtseingakt, durch den 
der Zögling die Erfassung des Satzes zunächst unter der Anleitung des Lehrers voll- 
zieht, hat er gpäter in spontaner Weise zu bewerkstelligen. Wir bezeichnen den 
hierauf abzielenden Akt als „apperzeptive Synthese“, ein Akt, der hier im 
Unterschiede zu dem weiter unten zu betrachtenden Fall in passiver Form geübt wird.
	        

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