Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 14.1913 (14)

Hauptprobleme der Kindergartenreform 13 
 
ein unterhalten wird, Scheinen mir im Rahmen eines großen Schulwegens 
nötig zu Sein, und erst im Rahmen eines Solchen Schulwegens all das 
leiSten zu können, wozu gie berufen Sind. Sie müsggen unbekümmert um 
die Kosgten über die besten Lehrkräfe und Hilfsmittel verfügen können, 
mit den Aufgaben der Späteren Schulstufen Zugammenhang behalten und 
Sachyerständig beraten und kontrolliert werden, wenn nicht die Neben- 
gegichtspunkte, die heute bei der Gründung von Kindergärten mitsprechen, 
die Hauptgache werden Sollen, etwa die der Sozialen Fürgorge, der utilita- 
riStigchen Ausnutzung der frühen Jugend zur Vorbereitung auf das Spätere 
Leben, namentlich das Erwerbsleben, überbaupt die Starke Betonung 
des unterrichtlichen Moments Statt der Grundlegung der Erziehung. 
Drei Gruppen von Fragen Sind es, die Sich heute um den Kindergarten 
drehen, eine Schulpolitische, eine organigatoriSche und eine methodisch- 
pädagogische; in alle drei Licht zu bringen, Sind die Verguchskindergärten 
berufen, und allen werden erst Verguchskindergärten in Städtischer Regie 
die endgültigen LögSungen bringen. 
Der Kern der erziehungspolitischen Frage ist nichts weniger als 
die Existenzberechtigung des Kindergartens. Die Einen erblicken in ihm 
nur ein notwendiges Ubel. Die wirtschaftlichen Verhältnisse und, teilweise 
mit ihnen ZuSammenhängend, die Lockerung des Familienverbandes be- 
rauben eine große Zahl von Kindern in der frühesten Jugend Schon des 
natürlichen Bodens der Entwicklung und der 80 wirkgsamen Erziehung durch 
das tägliche Vorbild der Eltern, den Geist der Hausgemeinsgchaft. Die Gegell- 
Schaft lernte aus den Folgen dieses Zustandes ihre Pflicht kennen, Ergatz zu 
Schaffen für die Kiltern, welche aus wirtschaſftlichen oder gittlichen Grün- 
den nicht in der Lage bzw. befähigt Sind, die Aufzucht und Erziehung 
Ihrer Kinder Selbst in die Hand zu nehmen. Der Kindergarten wurde 
als ein Solches Surrogat der Familienerziehung aufgenommen und aus- 
gebaut. Ihn gSelbst zu fördern, für Seine VerbesSerung und indirekt 80 
für Seine Verbreitung zu arbeiten, liegt dagegen kein Grund vor. Im 
Gegenteil, wir mügsen nach Begschränkung der Kindergärten Streben, um 
nicht noch Solche Eltern, die heute, wenn auch unter Opfern, die Erzie- 
hung ihrer Kinder noch in der Hand behalten, zu verführen, Sie auf den 
Kindergarten abzuladen. Jedenfalls darf der Kindergarten nicht ein 
regulärer Bestandteil des öffentlichen Erziehungswegens werden und Soll 
den Charakter einer charitativen Einrichtung nicht verlieren. Mutter und 
Kind Sollen, nach Pegtalozzis Wort, ein Gedanke bleiben für alle Zeiten. 
Die andere Partei meint freilich, die Einschränkung des Kindergartens 
begeitige nicht die ökonomiSchen und Sozialen Verhältnisse, welche ihn 
heute immer notwendiger machen; Represgalien dieser Art Seien auch 
nicht imstande, belebend auf den Familienginn einzuwirken, dort Wo 
dieger im Schwinden begriffen ist. Der Kindergarten erScheint nicht nur 
nötig für Familien, von denen Vater und Mutter außer Haus Sein müssen 
und im Erwerbsleben Stehen, Sondern auch für Solche, welche zwar die 
materielle, nicht aber die geistige und moralische Möglichkeit der Kinder- 
erziehung haben, für Solche (in der Großstadt), welche ihren Kindern, 
wenn auch Pflege, Unterweisung und Beispiel, 80 doch keinen „Garten“
	        

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