Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 14.1913 (14)

48 Blemente zur moral-psychologischen Beurteilung Jugendlicher 
 
Stellung „dieses Kind ist geistig minderwertig, ist Schwachsinnig“ oder wie Sonst 
die Urteile lauteten, Sondern man hat in der Testprüfung ein vergleichendes und 
vergleichbares Merkmal in der Hand. Man Sieht, diese staffelartige Meßmethode ist 
in ihren Regultaten noch Keineswegs mit den exakten Meßmethoden auf anderen 
Gebieten auf eine Stufe zu stellen; noch gind wir weit davon entfernt, gie etwa 
nach dem „Zentimeter-Gramm-Sekunden-System“ werten zu Können. Wer aber die 
Schwierigkeiten vor dieser Zeit kannte, wird einen wesentlichen PFortschritt nicht 
leugnen können, !) 
Wie steht es nun mit einer andern Seite der Seelentätigkeit, mit den Äußerungen 
des 80g. „ Willenslebens*? Ich bin mir bewußt, mit den folgenden kurzen Dar- 
legungen den strikten und konsequenten Kinteilungen und Rubrizierungen zünftiger 
Psychologen oft zuwider zu handeln; ich wende mich aber auch weniger an die 
Speziell psychologischen Fachkreise, als vielmehr an die Pädagogen und an die gonst 
irgendwie mit der Jugendpflege oder -fürsorge betrauten Kreise. Deshalb scheue 
ich mich auch nicht, diese zweite Seite der BSeelentätigkeit mit allen ihren Hem- 
mungen einfach als Morai- oder ethische Betätigung zu bezeichnen, und bofie richtig 
verstanden zu Sein, wenn ich gie einfach in Gegensatz zu der intellektuellen Betä- 
tigung, zu den VYerstandesäußerungen, Setze. 
Gibt es nun, ich wiederhole die Frage, auf dem Gebiete der Moral eine ähn- 
lich annäbernd einleuchtende und vorbereitende Prüfungsmethbode? Mit anderen 
Worten: haben wir die Möglichkeit, die sgittliche Reife cines Kindes zu mesgsen ? 
Wie ist das eventuell zu machen? Ist es möglich, einen Parallelismus der Wege 
herzustellen auf dem Gebiete der Intellekts- und Moralitätsprüfung? Könnten wir 
dazu kommen, entsprechend dem Intelligenzalter „Moralitätsalter“ zu charakterisieren 
und festzulegen? Das ist das Problem. Nun, die Möglichkeit ist wohl nicht 
ohne weiteres yon der Hand zu weisen; freilich liegen die Dinge hier wesgentlich 
komplizierter, worüber später noch des genaueren zu Sprechen gsein wird. 
Zweck der Untersuchung. 
Vorher aber noch einige Worte über die Notwendigkeit Solcher Untersichungen. 
Sie Sind meines Ermessgens nicht nur notwendig, Sondern höchst aktuell, namentlich 
in Rücksgicht auf die --- wie man anerkennen muß --- Sowohl von staatlicher, wie 
von WwissSenschaftlicher Seite stark diskutierte Frage der besonderen Jugendgerichts- 
pflege. Ich getze ihre Ziele als bekannt voraus und weise nur nochmals darauf 
hin, daß es gich dabei immer um die Frage dreht, welches Maß von Mmoralischer 
Bingicht man bei einer bestimmten Altersstufe voraussetzen und wie weit man im 
Einklange damit die jugendlichen Übeltäter für ihre Abweichungen vom Pfade der 
Tugend und Gerechtigkeit verantwortlich machen könne. Sowohl das geltende Straf- 
recht (S 56 des Strafgesetzbuches), wie der „Entwurf einer Strafprozeßordnung“, 
(8 365), wie auch der „Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch“ haben 
diese Fragestellung ins Auge gefaßt. Daß die Beantwortung ungemein Schwierig 1st, 
leuchtet ohne weiteres ein, und deshalb hat wohl jeder Beitrag, der für die Auf- 
!) Wer sich übrigens genauer über diese Angelegenheit informieren will, den 
verweise ich auf die Arbeit von Bobertag: „Über Intelligenzprüfungen.“ ((Zeit- 
Schrift für angewandte Psychologie. Band v 1911, Heft 2). Hier Sind nicht nur 
die Methoden genauer beschrieben, Sondern auch kritisiert und Zz. T. mit Bezug 
auf ungere anders gearteten völkischen Eigenschaften modifiziert.
	        

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