Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 14.1913 (14)

Elemente zur moral-psychologischen Beurteilung Jugendlicher 4.9 
 
klärung nur ein weniges leisten kann, obne weiteres seine Berechtigung. Nur ganz 
Schrittweise wird man ja auf diesem Gebiete vorwärts kommen können. 
Bevor ich im folgenden kurz den Plan und den Gang meiner Untersuchungen 
Schildere, mache ich darauf aufmerksam, daß ich mit Rücksicht gerade auf die prak- 
tisSche Seite der Frage meine Prüfungen auf die Altersstufen vom vollendeten 12. 
bis zum vollendeten 18. Lebensgalter beschränkt babe, weil vor dem 
12. Geburtstage die Kinder nach dem Gesetz noch nicht strafmündig Sind und vom 
18. an zu den Erwachgsenen gerechnet werden. Ich will damit aber nicht etwa leugnen, 
daß auch Erhebungen außerhalb dieser Grenzen viel des Interesses darbieten 
würden. 
Objekte der Untersuchung. 
Ich habe nur Berliner Kinder resp. Jugendliche zur Verfügung gehabt. Aber auch 
Schon hier war die Materialbeschaffung nicht leicht, da ich mich wegen der 
über 14 Jahr alten Kinder an die Fortbildungsschulen wenden mußte. Und das 
bot darum gewisse Schwierigkeiten, weil ich wegen der Kongruenz der Beurteilung 
darauf bedacht Sein mußte, auch Mädchen zur Prüfung heranzuziehen. Nun gibt es 
zwar für Knaben Pflichtfortbildungsschulen, nicht aber für Mädchen. Das Material 
floß also hier spärlicher (das bier verarbeitete ging mir durch gütiges Lintreten des 
Herrn Direktor Kulke, Leiter einer Mädchen wahlfortbildungsschule zu). Noch 
Schwieriger lagen die Verhältnisse bei den Schwachginnigen. Erstens waren mir 
Schwachsinnige Kinder in gebr großem Umfange überhaupt nicht zugänglich, vollends 
nicht Kinder jenseits des 14. Jahres. Fast unmöglich war es hier, die Inkon- 
gruenz ZzwisSchen Knaben- und Mädchenanzahl zu vermeiden, weil ja zunächst 
bekanntlich unter den Schwachsinnigen die Knaben bei weitem überwiegen (wie 
übrigens bei allen Degenerationsklassen: Taubstummheit, Stottern, psychopathische 
Degeneration und gonstigen erblich degenerativen Veranlagungen). Über das 14. Jahr 
binaus vollends ist das weibliche Material fast ganz unzugänglich, weil es für Schwach- 
Sinnige Mädchen, 80 viel ich weiß, in ganz Berlin nur eine einzige, nicht eben 
Stark beguchte, Wahlfortbildungsschule gibt. Man kann daber die Größe meiner 
Dankbarkeit gegen alle diejenigen Instanzen (Rektoren und Lehrkräfte) ermessen, die 
mich bei meinen Vorarbeiten unterstützt haben. Ich möchte es aber nicht unter- 
lassen, besonders die Hingebung meines lieben Freundes, des Hauptlehrers Herrn 
Karl Mertelsmann, Leiters der 6. Berliner Hilfsschule, hervorzuheben, der mit der 
Vorbearbeitung fast des ganzen Materials unter den Schwachsinnigen ungeheuer viel 
Mühe und Zeit aufgewendet hat. 
Frühere Untersuchungen; ihr Vergleich mit den vorliegenden. 
Ich habe, wie nachher noch genauer auszuführen gein wird, den Kindern die Frage 
vorgelegt: „Warum ist das Stehlen verboten?“ Auf diese Weise habe ich also 
aus den Kindern die Motive zu ihrer ev. Ehrlichkeit herauszulocken vergucht. Soweit 
Ich gehe, habe ich für Berliner Verbältnisse nur zwei Vorgänger, die in ähnlicher 
Richtung Sich bemüht haben. Zunächst den verstorbenen Stadtschulinspektor P, von 
Gizyck1.?) Er ließ in zwei ersten Klassen einer Gemeindemädchenschule folgende 
1) Dr. P. v. Gizycki: Wie urteilen Schulkinder über Fnnddiebstahl? („Die 
Kinderfehler“, Zeitschrift f. Kinderforschung usw. 8. Jahrgang. Langengalza 1903). 
Zeitschrift f. pädagog. Psychologie. 4
	        

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