Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 19.1918 (19)

Über Pergönlichkeitsideale im höheren Jugendalter 23 
 
differenzierten weltlichen Interesgen oft Hemmnisse für das Zostandekommen 
eines allgemein religi6Sen Verhältnisses Sind, 
Die Mittel der ethischen Eigenschaften beziffern Sich auf 60, die der religiögen 
aber nur auf 16: Das Verhältnis der beiden Werte gibt zu mancherlei Erwägungen 
Anlaß. Daß bei den ethischen Gründen oft der religiöge Hintergrund durchschim- 
mert, iSt nicht in Abrede zu stellen ; aber im ganzen wirkte das Ergebnis nach mei- 
nen in der Volksschule gemachten Erfahrungen etwas überraschend. | 
Die Schüler treten im 18. Lebensjahre mit verhältnismäßig geringen Kennt- 
nisgen und mit einem recht beschränkten Gesichtskreis in die Lehrerschule ein, 
welche nun diesen Jungen Gemütern im Laufe von drei Jahren durch viele 
»„Fächer“ hindurch die Welt der Vergangenheit und Gegenwart 80 vollständig 
wie nur möglich erschließen, aber auch zugleich Erzieher und Lehrer aus Ihnen 
machen Ssoll?), 
- Das eine Wunder nach dem andern gehen die Jungen Leute nun leuchtend vor 
zich Stehen --- Sie Schen Sokrates im neuen Licht, Darwin und alle die andern, 
die menschliches Denken in neue Bahnen leiteten. Es wird gerüttelt an den 
bisher in Heim und Schule erworbenen Dogmen und Anschauungen. Ein beun- 
ruhigendes Gefühl von der Mannigfaltigkeit des Lebens, von der Unzahl der Pro- 
bleme ergreift Sie. Mit erwachender Kritik und neu entstehendem Forscherdrang 
guchen 8ie nach Anhaltpunkten -- Suchen diegelben bei den großen Geistern aller 
Zeiten, forschen in Religion und Literatur --- und finden meist 8charf voneinander 
abweichende Standpunkte. Eine allgemeime Unsicherheit des Gemütes, ein 
Schwanken des Urteils wird die Folge dieser inneren Erfahrungen. In dieger 
Weise erkläre ich mir, daß die Jungen Leute vorläufig auf einer allgememmensch- 
lichen Grundlage der Kthilk Ruhe Suchen, in einem Streben nach und einem PFegt- 
baltenwollen an den besten Eigenschaften, die den meisten großen Geistern und 
den besten, ihnen im Leben entgegentretenden Menschen gemein zu Sein Scheinen. 
Hier bewegen gie Sich auf neutralem Boden, ohne in ein gegensätzliches Verhältnis 
zur -- Religion zu geraten, die in diesen Jahren wohl der Anlaß 80 mancher inne- 
rer Kämpfe ist. Die hohe Prozentzahl der „ethischen Gründe“ Scheimt darum 
anzudeuten, daß das ethische Streben in praktischer Beziehung stärkeren Beschlag 
auf die reifere Jugend legt als das religiöge, und daß bei uns ein abgeklärter Stand- 
punkt auf diesem letzteren Gebiete einem noch reiferen Alter angehört. Hiermit 
gei aber nichts gesagt über die Rolle, welche die Religion, religiöger Sinn und rel1- 
giöSes Fühlen als Hintergrund alles ethischen Strebens spielt. Daß die Gruppe 
„rein religiöge Gründe“ keine höhere Prozentzahl aufweist, dürfte teilweise in 
der oben dargelegten Entwicklung eine Erklärung Hnden, auch mag dem durch 
die physische Entwicklung dieser Jahre stark geförderten „Ich“-Gefühl eine ge- 
wisse Bedeutung beigelegt werden. Man vergesse auch nicht, daß die Gottheit 
bei dieger Studie außer Betracht gegetzt wurde, und ferner, daß wir uns beim Be- 
treten des religiögen Gebiets auf einem Grund befinden, wo viele eine natürliche 
Scheu haben, auch ich gelbst Rechenschaft zu geben. 
1) Man kann gich nicht genug wundern, daß der Schule diese Aufgabe 80 weit wie 
bigher. geglückt ist. Es ist Schwer begreiflich, wo in ungern Tagen die Zeit dazu 
herkommt --- man hat auch eben jetzt in Erwägung gezogen, die Schulen zu vier- 
jährigen zu machen.
	        

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