Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 19.1918 (19)

Kinzelbesprechungen 431 
 
Stoffe, der durch und durch Gedanke ist, und dieger Stoff Kann nicht anders als durch Bigen- 
tätigkeit wahrhaft aufgenommen werden.“ 
Auf golchen Zweck hin haben die Herausgeber 23 Philogophen der Vergangenheit, zeitlich 
geordnet, das Wori gegeben, Vielleicht fügt eine neue Auflage zu ihnen noch Lipps und Wundt. 
Die Auswahl der Texte ist teils nach geschichtlicher und gachlicher Wichtigkeit, teils nach 
gchöner Darstellung und der kennzeichnenden Kraft geschehen. Vornehmlich sind neben er- 
kenntnistheoretischen Grundfragen die allgemeinen Denkprobleme berücksichtigt; unter den 
fehlenden Gebieten dürfte die Psychologie besonders ungern vermißt werden, Wenn vor größerer 
Schwierigkeit nicht ausgewichen ist, 80 wird dies damit gerechtfertigt, daß eben Vertiefung in 
philosophische Texte eine ernste, krafifordernde Angelegenheit gei und daß ein Lesebuch, das mit 
der Einstellung auf geistige Erholung diesen Sachverhalt verdeckt, nur schaden dürſite, Immerhin 
würde gich --- besonders für die Verwendung im Schulunterrichte --, ohne die Höhenlage des 
Ganzen herabzudrücken, die Auswechselung einiger begonders schwieriger Abschnitte empfehlen. 
Eine gewiß angebrachte Handführung ist übrigens durch nicht zu Sparsam angefügte Erläute- 
rungen gegeben. Diese selbst aber rechnen auch schon mit einem nicht geringen Grade philo- 
SOPhischer Schulung; Sie wollen wohl aber auch zumeist weniger Verständnishilfen geben, als 
vielmehr das Denken zu weiterem Ausgreifen ermuntern und anleiten. Die kleine Äußerlichkeit 
eines Verweiges inmitten des Textes auf die jeweils betreffende Erläuterung würde den prak- 
tischen Gebrauch fördern, auf den gonst die äußere Form des Buches in jeder Weise, 80 durch 
Zeilenzählung, durch gelegentliche freie Einfügung von Überschriften, durch Übergetzung der 
fremdsprachigen Texte, durch Anwendung der jetzt geltenden Rechtschreibung und Zeichen- 
getzung vorgsorglich Bedacht genommen hat, 
Im Lehrerinnengeminar haben wir in Ermangelung eines Lehrbuches, das sich auf die dort 
in Verbindung mit der Psychologie und Pädagogik zu betreibende philosophische Propädeutik 
einstellt, versuchsweise das Degsoir- Menzersche Lesgebuch in einzelnen Teilen benützt und 
gchätzen gelernt, Wir brauchen dort dringend ein eigens für die begonderen Zwecke der 
heute so bedeutend wissenschaftlich vertieften Lehrerbildung eingerichtetes Buch, das die 
Schwierigkeit etwas mindert und inhaltlich noch anders auswählt. 
Leipzig. . Otto Scheibner, 
W. Haas, Die Seele des Orients. Grundzüge einer Psychologie des orientalischen Menschen, 
Jena 1916, E, Diederichs. 46 S. 1,00 M. 
Eine derartig anerkennende Beurteilung der Studie zuteil werden zu lassen, wie es im 
Theol. Lit,-Ber. 1916, 11. Heft, S. 272 Simon-Barmen vermochte, ist mir leider versagt. Das 
Buch ist im wesgentlichen reinste konstruktive Psychologie, die mit der Wirklichkeit oft in 
härtestem Widerspruch steht. Wenn man die Definition des okzidentalen Menschen-Typus, wie 
iBDn der Veri. annimmt, nämlich als Stetig apperzipierendes, die Mannigfaltigkeit der Eindrücke 
vereinheitlichendes Ich, in gein logisches Gegenteil verkehrt, ergibt gich der orientalische 
Menschentyp, wie ihn der Verf, schildert, 80 daß man den Eindruck gewinnt, der Verf. hat 
zum abendländischen Menschen das Gegenteil enſwerfen wollen. Ein völlig vager, abstrakter 
Begriff des Orientalischen liegt 80 dem Buch zugrunde, das in der Wirklichkeit nicht von ferne 
eine derartige persönliche Vereinheitlichung zuläßt. Wie goll man in einem buddhistischen 
Mönch ein Beispiel für das orientalische Nebeneinander der Seelischen Inhalte gehen können? 
Wie würde wohl der Vert, die Polarvölker oder die amerikanischen Völker psychologisch ein- 
ordnen, da es doen eigentlich andere Menschheitsiypen neben den beiden Haas'schen, wenn 
man Sie akzeptiert, kaum geben dürfte? 
Insviern man aber von den Begriffen des Orients und Okzidents absieht, könnte man in 
des Verſ,s Skizze die Angätze zu einer allgemeinen Kulturpsychologie finden, ingofern gich 
offenbar in der Entwicklungsgeschichte der Mensenhheit eine immer größer werdende Intensität 
des geelischen Lebens nach Inhalt und Umfang herausgebildet hat. Diese größere Intensität des 
Seelischen Lebens würde man mit der Terminologie des Verf. als die (okzidentalische) ver- 
einheitlichende Krafi des Ich bezeichnen können, während das Primitive die seelischen Inhalte 
mehr oder minder „unverknüpft“ nebeneinander zeigt. Fernerhin finden gich neben vielen 
übertriebenen Sätzen auch manche brauchbare Bemerkungen, besonders über die indisgchen 
Religionsformen, die aber durchaus Dicht neu gind. Trotz aller behaupteten einheitlichen Kon- 
zeption des Seelischen Typus des orientalischen Menscben kann ich aber das Gefühl nicht los 
werden, daß dem Verf. bei den vergschiedenen Abschnitten Seines Buches verschiedene orien- 
ialiscbe Typen, allerdings recht anschaulich, vor Augen gestanden hätten ; 80 z. B. bei der Schil- 
derung der verbaltenen Rache eben ein chinesischer Kuli, oder bei der Schilderung der orien-
	        

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