Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 20.1919 (20)

398 Max Brahn 
 
Beginnliches zur Begabungsprüfung. 
Von Max Brahn. 
Weit über den Kreis der Fachleute erstreckt sich die Anteilnahme an den 
Fragen der Begabungs- und der damit zusammenhängenden Berufswahlprüfung. 
Die Schule wird Einheitsschule, und der Aufstieg in die höheren Schulformen 
Soli immer mehr in die Hände der Lehrer gelegt werden. Die Arbeit im 
Beruf Soll bei dem Schrecklichen Zustande ungerer Wirtschaft immer ertrag- 
reicher gestaltet werden, und die im Staate entscheidenden Parteien legen 
Wert darauf, diese Erhöhung unter anderem durch Einführung des Taylor- 
SyStems zu erreichen. Auch hier Begabtenprüfung und Berufsausglese. 
Auf beiden Seiten aber gibt es Menschen genug, die gich mit dem Gedanken 
Solcher experimenteller Prüfungen, wie man gie nennt, nicht recht befreunden 
können und weiterhin den gesunden Mensgchenverstand und die Lebens- 
erfahrung entscheiden lasgen wollen. Der Streit nimmt häufig unerfreuliche 
Formen an, die der Sachlichkeit Schaden, und wie es immer gegchieht, wird 
auf beiden Seiten durch Übermaß gegündigt. Darum gcheint es mir nötig, 
einmal in eine ruhige Abwägung des Vorhandenen und des Möglichen ein- 
zutreten. 
Vorhanden gind zunächst die Methoden, die von Binet ausgegangen gind 
und die es ermöglichen Sollen, etwa bis zum 12, Jahr festzusiellen, ob ein 
Schüler dem Durchschnitt der Begabung Seines Lebengalters entspricht, 
darunter oder darüber Steht. Bevor der Krieg ausbrach, war man nach 
einigen Jahren des Streites in ein recht ruhiges Fahrwassger gekommen; man 
begann bei uns und begonders in Amerika, jede Kinzelheit der Methode 
kritigch zu prüfen, entfernte Untaugliches, varlierte die Unterguchungen nach 
allen Seiten und verglich gie mit den Erfahrungen der Schule. Es hatte 
Sich in Deutschland ein Ausschuß gebildet, der die einzelnen Tests unter 
Sich verteilte, um jeden einzelnen genau auf geine Brauchbarkeit zu prüfen. 
Dieser Weg muß jetzt neu begschritten werden. Daß die Methoden nicht 
unbrauchbar gind, die Auswahl der unbegabten oder minderwertigen Schüler 
Sehr erleichtern und zum Teil gicherer gestalten, Scheint mir außer Zweifel. 
Wie weit man zich auf gie völlig verlassgen kann, das wird nicht durch lautes 
Schreien über ihre Tauglichkeit und Untauglichkeit, 80ondern durch vieltaugend- 
fache Erfahrung entschieden werden. 
Nun wurde neulich gegagt, daß Wundt in einem Brief gich dem Sinne 
nach 80 ausgedrückt habe, daß er die Begabungsprüfungen als Schwindel 
angähe. Ich bin nicht in der Lage, nachzuprüfen, ob das der Wortlaut war, 
habe aber auch gar kein Initeressge daran, es zu tun. Wundt ist der Be- 
gründer der rein tTheoretigschen experimentellen Psychologie, und geine Ver- 
dienste werden darin Stets unvergesgen bleiben. Er hat gich von Anfang 
an der angewandten Psychologie nach geiner ganzen Sinnegart zweifelnd 
gegenübergegtellt, er hat ihre Entwicklung nirgends gichtbar verfolgt, er hat 
-- 80 bin ich überzeugt -- in geinem Leben nie eine Begabungsprüfung an 
einem Kinde gegsehen, und man kann von ihm auch nicht verlangen, daß er 
in geinem hohen Lebengalter die Gegichtspunkte aufgibt, die ihn gerade zum 
berufenen Führer der rein theoretischen Seelenlehre gemacht haben. Man 
hat darum aber keinen Grund, den geringsten Wert auf geine Äußerungen 
über die Begabungsprüfungen zu legen: nichts ist gefährlicher und unwissen-
	        

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