Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 20.1919 (20)

Literaturbericht 431 
 
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vielleicht auch nicht; er isf Sich bewußt, daß da vieles noch im Fluß ist und behandelt es 
dementsprechend. Seine Schrift ist zwar eine rein „private Angelegenheit“; aber sie bringt doch 
im ganzen kein persönliches Programm, Sondern gucht die Bestrebungen darzustellen, die nach 
geiner Überzeugung Auggicht auf Verwirklichung haben. Persönliches tritt nur beim Mittelpunkt 
des Ganzen, beim Reformsystem hervor. 
Reinhardt ist Anhänger des einheitlichen Aufbaues und berührt gich da am meisten mit 
W. Rein. Die wichtigsten Mängel des biSherigen Schulwesens gsieht er in der Zusammenhangs- 
logigkeit der einzelnen Schularten, im Berechtigungswegen, der Nichtanpassgung der Schulzweige 
an die Befähigungsarten, ingbesondere in der Vernachlässigung der praktischen und künstlerischen 
Befähigungen, der allzufrühen Entscheidung für eine bestimmte Schule, der abstoßenden, stark 
aufbauenden Auglege und im Standescharakter der höheren Schulen. Er Schlägt nun eine 
4jährige gemeinsame Grundschule vor. Darauf erbebt gich eine 4jährige Oberstufte der 
Volksschule und eine 4--6jährige Mittelschule mit einer bzw. zwei Fremdsprachen (der 
preußischen Mittelschule entsprechend). Während die Volksschule ihre Fortsetzung hauptsächlich 
in der Fortbildungsschule und niederen Fachschule erhält, leitet die Mittelschule in die höheren 
Fachschulen (Handelsschule, Kunst- und Gewerbeschule, Maschinenbauschule usw.) über; beide 
können dann zu den Hochschulen führen. in den höheren Fachschulen gsieht R, auch, und wohl 
mit Recht, das Problem des „technischen Gymnasiums“ gelöst. Die höheren Schulen (Studien- 
anstalten) Schließen Sich dann an das 2. Mittelschuljahr an und sind Gjährig. Die 3 höheren 
Schulen läßt er innerhalb des Frankfurter Systems im wegentlichen bestehen. Für die Oberreal- 
gchule und nur für gie Schlägt er auf der Oberstufe eine Gabelung in einen Sprachlich-geschichtlichen 
und mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig vor (ersterer mit fakultativem Latein). Gymnasium 
und Realgymnasium erhalten noch einen Z2jährigen gemeingamen Unterbau. Hier wird man 
fragen, warum die Gabelung, die ja doch aus der Natur der Befähigungen heraus vorgeschlagen 
wird, nicht auch für die beiden andern Schularten Geltung haben goll; denn für gie liegen die 
Verhältnisse nicht anders. Mit dem 12. Lebensjahr ist die Begabungsrichtung im allgemeinen 
noch nicht 80 deutlich ausgeprägt, daß man Schon endgültig Scheiden könnte. Ferner wird man 
über die innere und äußere Berechtigung der 80 entstehenden Bildungstypen mancherlei Bedenken 
vorbringen können, auch wenn man mit den Grundsätzen des Reformsystems einverstanden ist. 
Warum neben dem doch vorwiegend neusprachlichen Bildungstypus des Realgymnasiums noch 
einen neusprachlichen aus der Oberrealschule? -- Der Aufbau R.s zeigt Seine großen Vorzüge nicht 
nur der Auglese der Schüler, gondern vor allem auch dem Lande gegenüber. Denn durch Zugatz- 
unterricht wird es möglich gein, daß die Kinder bis zum 14. Lebensjahr zu Hause vorbereitet werden. 
Für die Zulassung zu den einzelnen Schulen ist nur die Eignung entscheidend; gie wird 
von den Lehrern der abgehenden und aufnehmenden Schule festgestellt durch Beobachtung, 
Prüfung und Probezeit. Den Schulpsychologen lehnt er wohl im Hinblick auf die neueren 
„Leistungen“ ab. Das Schulgeld für die Mittel- und Oberschule wird nach der Steuerkraft ab- 
zustufen gein. Die höheren Schulen werden geschlossene Anstalten, die nur Hochschulreife 
vermitteln; alle übrigen Berechtigungen Sind durch die Mittelschule zu erwerben. Die einzelne 
Schule wird wieder eine größere Freiheit erhalten; die behördlichen Stundenpläne werden nur 
Höchst- und Mindestzahlen angeben. AIl dem werden viele lebhaft zustimmen; ganz besonders 
aber den Vorschlägen zur Reform der Reifeprüfung: Zeitpunkt ist der Übergang von der zweit- 
obersten zur obersten Klasse; Beschränkung auf wenig (3) Hauptfächer; das letzte Jahr ganz 
besonderes zur Erziehung zur zusammenhängenden wissenschaftlichen Arbeit und zur Vertiefung 
in allgemeine Fragen; den Abschluß bildet eine größere wissenschaftliche Arbeit aus dem 
besonderen Arbeitsgebiet des Schülers an Stelle des Klassenaufsatzes der Reifeprüfung. Es ist 
der beste der mir bekannten Vorschläge in dieger Frage und Sollte sofort in allen Schulen, die 
Sich dazu bereit erklären, durchgeführt werden. 
Die Vorbereitunggsanstalten für die Lehrerseminare bleiben bestehen im Interesse des flachen 
Landes. Den Erfahrungen, die man in Süddeutschland mit Abiturienten bei 1--2 jähriger Aus- 
bildung gemacht hat, steht er anerkennend gegenüber, ohne jedoch die Forderung zu wagen, 
daß man die heutigen Lehrerbildungsanstalten in „höhere deutsche Schulen“ verwandle und 
die Lehrerbildung einer höheren Fachschule (pädag. Akademie, pädag. Fakultät) zuweise. Die 
Lehrer gollen Sich als einheitliches Ganzes fühlen aus ihrer hohen allgemeinen Aufgabe heraus; 
eine gleiche Vorbildung aber gei unmöglich. 
Daß die Schulen für die weibliche Jugend als Folge der politischen Gleichberechtigungen 
denen der männlichen Jugend möglichst anzugleichen geien, wird nicht überall Zustimmung finden; 
umsomehr die. Forderung einer einheitlichen Schulbehörde für das gesamte Schulwegen einschl. 
der Fachschulen Sowie der gegetzlichen Festlegung der Organisation. Die Ausführungen über 
den Religionsunterricht zeigen große Wärme für diesen Gegenstand und lebhaften Sinn für eine
	        

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