Volltext: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 26.1925 (26)

624 Literaturbericht 
 
dem Führerproblem, das er nicht nur in dem Verhältnis von Erzieher zu Zögling, 
Sondern auch der Zöglinge untereinander gieht und das auch das wegentlichste Moment 
der Entias=enenfürsorge dar»tellt, 
B. Paulssgen Sschildert einige Typen weiblicher Sexueller Verwahrlosung: die Ab- 
geglittenen oder Entgleisten, deren Erziehung verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten 
machte, den Kkörperiich und geistig unterentmnickelten „infantilen“ Typus, dessen Beein- 
Duszuvg gemäß der einfachen Seelischen Struktur über das Gefühlsleben gehen muß 
und der die Schaffung von Einrichtungen zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung 
berufsunreifer SchulentlasSener notwendig macht. Schließlich der „Aufstiegstypus*“, 
Mädchen, die in ihrem Bezxtreben, in höhere gesellschaftliche Schichten autzusteigen, 
gescheitert Sind und die info'ge ihrer inteliektuellen Überlegenheit und ihres starken 
Wille Ds einer erzieberischen Einwirkung Widerstand leisten, wenn diese ihnen nicht 
Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit gibt. 
Zum Schluß gibt Ruth von der Leyen einen Bericht über die Arbeit des Deut- 
Schen Vereins zur Fürsorge für Jugendliche Psychopathen, aus dem die Fürsorge für 
PSyYchopatbhische Kleinkinder, in der Häuslichkeit, in Kindergärten, Erholungsheimen 
usw. hervorzuheben 1st. - 
Jena. Annelies Argelander, 
Karl Kleist, Die gegenwärtigen Strömungen in der Psychiatrie. Berlin und 
Leipzig 1925. Verlag W. de Gruyter & Co. 41 8. 1.50 Mk. , 
Die kleine Schrift gibt einen Sehr guten Überblick über die Entwicklung der Psych- 
jatrie im vergangenen Jahrhundert und die daraus hervorgegangenen Richtungen 
der gegenwärtigen psychiatrisSchen Wigssenschaft. Die philvsophische Strömung 
geht davon aus, daß die Seele ein einheitlicher Strom lebendigen Geschehens Sei, der 
nur mittels intuitiver Erkenntnis erfaßt werden könne, und auf den naturwisgenschaft- 
liche und biologische Begriffe nicht anwendbar Seien. Dieser Richtuprg steht die psy- 
chologische Strömung nabe, de am fruchtbarsten gefördert wurde von Jaspers 
und Seinen Schülern, indem er aus den Selbstbeobachtungen und Geistesprodukten der 
Kranken das Verständnis für die Eriehnisicrmen der Psychogen zu erischließen ver- 
Suchte. Beide Richtungen lehnen d e neurologische Me hode ab, die jedoch aus den 
Kriegserfahrungen an Hirnyerletzten und durch die zunehmende Eingicht in die Funk- 
tionen der Stammganglien nnd des vegetativen Nervensystems neuerdings wieder an 
Bedeutung gewonnen bat. Wesentlich ist ihre Scheidung in Hirnmmantelstörungen, die 
die Sinvesdefekte, Sprachstö ungen, Amnegien usw. betreffen, und in Hirnstamm- 
Störungen, die den eigentlichen Kern der Persönlichkeit, Gefühle, Triebe, Wille, Cha- 
rakter, Temperament, verändern. Diejenige Strömung, von der die gegenwärtige Psych- 
latrie am Sstärksten erfaßt worden ist, ist die konstitutionelle, die teils klinisch, 
teils erbbiologisch gerichtet ist, und die die Vielheit der Umstände, die in Jeder Psy- 
cChosge zusammenlaufen, und ihre Bedingtheit in der Beschaffenbheit des gesamten Orga- 
nismus in den Vordergrund stellt, 
J 004. Annelies Argelander. 
Leinert, M., Die Sozialgeschichte der Großstadt. Hamburg 1925. Vera-Verlag. 
299 S. geb. 7.50 M. 
Dieses Driesch gewidmete Werk macht Sich an einem der aktuellen Probleme ver- 
dient. Die Struktur der Großstadtgemeinrschaft ist nahezu ünerforscht. Hier werden 
die besonderen Sexualsitten und die Bevölkerungstypik besprochen, die Wirwchafis- 
geographie behandelt, Großstadtbau und Wohnungswesgen erörtert. Sehr gut und Dionier- 
baft ist das Kapitel zur Sozialpsychologie des Bürgertums. Ihm schließt Sich parallel 
ein Abschnitt über Sozlialgeschichte und Organisation der Arbeiterschaft an. Das Er- 
gebnis dieses Gemeinwesens „Großstadt“ wird alsdann wirtschaftspolitisch und kulturell 
zum Schluß gestreift. Der wohlbelesene Autor fügt ein gut zusammengestelltes Ver- 
zeichnis einschlägiger Schriften an das Textende. Ich möchte auf dies Buch nachhaltig 
yerweisen, gerade weil es -- zum Beispiel in einem Abschnitt über gie Entwickluvgs- 
gesghichte führender Arbeitertypen -- auf die Psychse der breiten Masse und auf den 
Faktor Wirtschaft als Sphäre eingeht. Wie weit bleiben hinter diesen Tatsachen die 
metaphysischen Spekulationen der Diltheyschüler zurück! Wer Sprangers „Jugend- 
alter“ liebt, Sollte Sich an dieser Materie orientieren: um auch einmal den Boder der 
Wirklichkeit wieder zu finden, 
Stuttgart. Fritz Giese,
	        

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