Full text: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde - 42.1941 (42)

Ein Beitrag zu der Frage der Charakterstruktur des Lehrers und Erzieherg 27 
 
Spüre ich Sein Walten. Das hat natürlich (! Verfasser) nichts mit Konfessionaltät 
zu tun; die lehne ich ab.“ Eine dritte Vp. nennt sich religiös „im Sinne Goethes“. 
Ein Theoretischer „will den Dingen auf den Grund gehen ', ein anderer 
Schreibt: „Großes Interesse am klaren Denken. Erholung Lektüre einer Seite Kant“, 
Schränkt Jedoch ein: „Kein Interesse am Beherrschen von WisSensgebieten im rein 
wisSenschaftlichen Sinne.“ Vpn., die Sich gegen die theoretiSche Lebensform aus- 
Sprechen, begründen diese Wertung: „Weil Theorie allein allem Leben ... wider- 
Spricht. Ich Selbst habe nicht allzu große rationale Veranlagung.“ Oder: „Mehr Inter- 
esse an den Ergebnissen als am Forschungsweg.“ Oder: „Bei jeder Erkenntnisarbeit 
erfolgte bei mir immer, bewußt oder unbewußt, ein Inbeziehungsetzen (zum Sozialen, 
ReliglöSen, „Politischen usw.).“ . 
Sehr bemerkenswert, daß „politisch“ gerade von den erfahrenen Pädagogen 
fast ebenso oft positiv wie negativ bewertet wird. Nur durch die Einzelangaben 
erlangt die negative Seite ein Übergewicht. Fragt man Sich vor dem Studium der 
Antworten nach den Ursachen, 80 wird man wohl sicher geneigt Sein, an die Tatsacbe 
zu denken, daß in dem Sprangerschen Begriff „politisch“ das Politische im 
üblichen Sinne mitschwingt, und daß ebendieses Politische durch den Führer einen 
Inhalt gewonnen hat, der ja gerade S0 entschieden Soziale Menschen, wie unsere er- 
fahrenen Pädagogen es 8ind, anziehen muß. In der Tat höre man die folgende Ant- 
wort: „Politisch, weil ich mein Dasein tatsächlich nur der Gemeinschaft meiner 
Familie, meiner blutmäßigen Herkunft verdanke. Eine unentrinnbare Gegebenheit, 
von der aus meine Persönlichkeit Leben und Gestalt hat. Meine Familie ist aber durch 
ihre Volkszugehörigkeit bestimmt, sie ist deutsch. Also ist mein Streben, meineg 
Lebenserfüllung, deutsche Persönlichkeit zu Sein“ usw. Oder kürzer eine zweite 
Vp.: „Ich denke, fühle und handle in meinem Beruf und Leben als Nationalsozialist, 
also politisch.“ Auch in einer dritten Antwort schwebt offenbar das Politische vor: 
„Weil im Grenzland aufgewachsen und lange im Volkstumskampf gestanden.“ Ein 
Bekenntnis zur „politischen“ Lebensform wird in bezeichnender Weise folgender- 
maßen eingeschränkt: „Aber nur 80 weit, als ich mich und meinen Willen un- 
bedingt durchzusetzen Jederzeit bereit bin, Sobald auf der Gegenseite Widerstand im 
unbedingt Notwendigen auftritt.“ Das ist eine Haltung, die zweifellos weit verschile- 
den ist von der Rücksichtslosigkeit des Sprangerschen „JIdealtyps ; es ist ein Be- 
kenntnis zu der besonderen Art von Führertum, das der Staat von dem Schul- 
aufsichtsbeamten erwartet, und das dieser von Seinem Gewissen leisten will. Daß diese 
Deutung richtig ist und allgemeinere Geltung beanspruchen kann, beweist ein aus- 
drückliches Bekenntnis gegen die „politisSche“ Lebensform: „Niemals Endzweck, die 
eigene Person in den Vordergrund zu stellen, Machtgenuß zu fühlen, andere von zich 
abhängig zu Seben, eber, ihnen beifend beizuspringen“; denn auch hier lautet die 
einschränkende Fortsetzung: „Nicht etwa Schwächlichkeit („schlapper Hund'), son- 
dern Durchsetzen amtlicher Forderungen usw. aus Pflicht- und Verantwortungs- 
gefühl.“ Daß innerhalb eines in Solcher Richtung allgemein angestrebten Führer- 
tums dennoch erhebliche individuelle Unterschiede im Charakterlichen möglich ind 
und auch tatsächlich bestehen, das zeigt Sich in der Gegenüberstellung dieser beiden 
Beispiele deutlich genug, und zwar erstens durch den Umstand, daß die erste Vp. 
Sich zunächst einmal für, die zweite gegen die „politische“ Lebensform bekennt, 
zweitens durch den Ton der beiden Antworten, insbesondere durch einzelne recht 
bezeichnende Wendungen der beiderzseitigen Begründungen und Einschränkungen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.