96 Michael Kesgelring
und zu Hause in eigener Verantwortung -- außer den Leistungen für die Schule --
zu länger dauernder, schwierigerer körperlicher Arbeit kaum herangezogen worden
waren. Aber die neue Lage 80 vieler Gleichaltriger, die im Hilfsdienst, im Bauern-
oder Siedlerlager, ohne Ansehen der Person, mit Selbstverständlicher Gelassenheit
und Notwendigkeit jedes einzelne Menschenkind einem Arbeitskreis mit Seinen be-
Sonders gearteten Aufgaben zuweist, läßt gar kein Sperren und Zieren, keinen Kin-
wand und keinen Widerspruch zu. Dazu tritt die geheimnisvolle Wirkung auf den
Stolz und freudigen Kräfteeinsatz, wenn ein Mensch plötzlich für Seine Leistung ein-
zustehen und eigene Verantwortung zu tragen hat. So wird es verständlich, daß die
einen „mit banger Sorge“ dem ersten Gang zum Siedler oder auf einen Sonstigen
Platz entgegensehen, andere aber „Sich freuen, endlich herauszukommen , „darauf
brennen“, den Außendienst zu beginnen, und nach vielen Monaten bekennen, „der
Außendienst Sei doch das Schönste gewesen. Einige Zeugnisse mögen dies belegen.
So Schreibt eine Maid kurz und bündig: (1) „Das war jetzt Arbeit ohne viel Worte; bier
habe ich die Arbeitsfreude erst richtig kennengelernt.“ Eine andere erläutert: (2) „Zu Hause
muß man freilich einmal helfen, aber 80 recht wird es meistens doch nicht neben der Schule
und vor allem: die Verantwortung fehlt. Im AD. wird man unvermutet vor Aufgaben gestellt,
die man eben lögen muß. Gegagt wird nicht viel . . . Durch golche Arbeit lernt man bei allem
fest zupacken und nicht lange zu fragen, und zwar bei jeder Arbeit.“ -- Was ein Mensch zu
leisten vermag, wird jetzt erst richtig klar: (3) „Man Soll nicht weichlich Sein, in keinem Falle.
Jetzt erst weiß ich 80 recht, was man alles fertigbringen kann. Wenn man gagt: „Jetzt Kann
ich nicht mehr“, 80 fängt über diesgen Punkt hinaus die eigentliche Leistung erst an. Yon da
an kann man noch 80 viel, daß man es gar nicht glaubt!“ -- Eine lebendige Schilderung findet
Sich in folgendem Bericht: (4) „Ist es Schon Schön der BSiedlerfrau eine kleine Hilfe zu gein,
aber wieviel Schöner und befriedigender ist es noch, die Arbeit in einem Haugbhalt, in dem
man der Frau die größte Stütze ein muß oder gie womöglich ganz vertreten muß. Ich hatte
das große Glück, in ein Solches Haus zu kommen. Meine Siedlerfrau erwartete ein Kind. Da
komme ich eines Tages früh zum Siedler. Die Haustür ist verschlosgen. Als ich gchließlich ein-
dringe, bekomme ich einen nicht zu kleinen Schreck. Dort liegt alles bunt durcheinander, in
jedem Zimmer herrscht eine furchtbare Unordnung. Schließlich erfahre ich, daß meine
Siedlerfrau mitten in der Nacht ins Krankenhaus gekommen ist. Nun stand ich ganz allein
im Haus. Wie gollte ich nur alles Schaffen? Ich hatte noch nie gekocht und nun mußte ich
doch auch noch das Essen mitbegorgen. Von nun an hatte ich keine ruhige Minute mehr.
Jetzt hieß es zwischen den andren Arbeiten noch immer schnell in die Küche laufen, um dort
nach dem Esgen zu gehen. Die größte Schwierigkeit bestand für mich darin, überhaupt ein
ordentliches Mittagessen zustande zu bringen. Ich begann Kochbücher zu wälzen. Fast Tag
und Nacht schwirrten mir Kochrezepte im Kopfe herum. Im Lager wurde ich schon auf-
gezogen, weil ich nur noch mit Kochbüchern im Arm hberumlief. Aber meine ganzen Sorgen
und Mühen wurden auch belohnt. Das Essen gelang in der Hauptsachbe. Ich 8age ,in der Haupt-
Sache“, denn es ist ja wohl klar, daß auch einmal etwas daneben ging; aber schließlich Kann
man Ja nicht in ein paar Tagen eine fertige Köchin werden. Wie gerne hätte ich in dieser Zeit
ein paar Stunden länger gearbeitet, um das Haus in Ordnung zu halten, aber es mußte auch
80 gehen. Natürlich kann ich nicht völlig die Siedlerfrau ersetzen, aber ich Schaffe es doch,
daß 80 ungefähr alles Seinen Gang weitergeht. Diese völlig selbständige Arbeit befriedigt mich
vollkommen. Ich weiß, daß ich bei meinem Siedler unbedingt notwendig bin. Diese Erkenntnis
läßt alle Müdigkeit vergessen und täglich geht es mit frischer Kraft an die Arbeit. --- Diese
Siedlerarbeit ist wein Erlebnis im Arbeitsdienst. Es ist kein hervorstechendes Kreignis, 801-
dern die täglich mich völlig ausfüllende Arbeit in der Siedlung.“ |
So klingt überall derselbe Grundakkord heraus, der ein Lied Singt von der Freude
am Selbstverantwortlichen Tun, vom Stolz, eigene Wege geben zu dürfen, vom bheil-