Full text: Bodenreform - 21.1910 (21)

Meine Herren Examinatoren waren ſowohl mit der Wahl des 
Faches, als auch den Ausführungen recht zufrieden. 
Ich werde nicht verfehlen, allen meinen jüngeren Kollegen das 
Studium Ihrer Werke zur 1]. Prüfung angelegentlichſt zu empfehlen. 
Doch freue ich mich, der Sache der Bodenreform auch noc< auf 
andere Weiſe nüßen zu können. Der Vorſtand unſeres Lehrervereins, 
der über 50 Mitglieder zählt, die alle politiſch und voltswirtſchaft- 
lich jehr intereſſiert ſind, richtet an mich die Bitte, im Januar einen 
Vortrag zu halten über: „Bodenreform und Lehrer". 
ZUm neuen Jahre! 
Das Jahr 1910 bringt große Entſcheidungen. Schon in den erſten 
Wochen wird der Wahlkampf ausgefo<hten, der über da8 Sci>ſal der 
engliſchen Bodenreform entſcheidet. Als wie „praktiſch“ hat ſich hier 
die zähe, treue, „unpratktiſche“ Aufklärungs8arbeit unſerer anglofächſiſchen 
Freunde erwieſen. 
1884 unternahm Henry George ſeinen erſten Agitationsfeldzug 
in den Vereinigten Königreichen. 10 Jahre ſpäter, 1894, wurde im 
engliſchen Parlament zum erſtenmal ein Bodenreformantrag eingebracht. 
Man tat ihm nicht einmal die Ehre einer Abſtimmung an. Fünf Jahre 
ſpäter, am 10. Februar 1899, erhielt ein ähnlicher Antrag ſhon 123 
Stimmen, und abermals fünf Jahre ſpäter, am 11. März 1904, wurde 
ein Antrag unſeres Bundesſreundes Trevelyan mit 225 gegen 158 
Stimmen angenommen, und wiederum fünf Jahr2 ſpäter, am 5. No- 
vember 1909, ſtimmte das Unterhaus mit 379 gegen 140 Stimmen dem 
bodenreformeriſchen Budget zu, das das liberale Miniſterium eingebracht 
hatte, um damit grundſätzlich die Bodenreforn. zu einem Stü> der 
praktiſchen engliſchen , Politik zu machen. 
Wie der Kampf ausgehen wird, weiß heute niemand. Es wird 
ja nicht nur um die Bodenreform gefochten, ſondern auch um die Stellung 
des Oberhauſes und vor allem auch um das Alkohol - Kapital, da das 
engliſ<e Miniſterium Menſchen- und Bodenreform verbindend aud 
gegen den Vollsverderber Alkohol einſc<neidende Maßregeln vorgeſehen 
hat. Wer aber jemals in einem öffentlichen Kampfe ſtand, kennt die 
ungeheure Bedeutung des Wirt8hauſes. In ihm wird ein guter Teil 
der öffentlichen Meinung gemacht. 
Aber wie immer auc diesmal die Wahlen ausgehen mögen; die 
große liberale Partei iſt jezt auf Gedeih und Verderben mit dem 
Bodenreformgedanken verbunden.
	        

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