Full text: Bodenreform - 41.1930 (41)

- brüor. 1930 Stellung. Er kommt zu dem S4luß, 
die Arbeiter bi8 zum Cingang neuer Aufträge prä = 
ſent hält. . 
Der Erſaß der männlichen Arbeitzkräfte dur< Frauen 
und Mädhen muß daneben aber au<4 zu einer 
nicht unerheblichen Gefahr für die dzeutiGe Familie wer= 
den, ganz abgeſehen davon, daß die Geſundheit der 
weiblichen Arbeitskräfte durc< eine für ſie ungeeignete 
Arbeit oft ſHwer“ geſchädigt wird.“ 
Die von Hülſer erwähnte Eingabe des Geſamtver- 
bandes der evangeliſ<en Arbeiterinnenvereine Deoutſch= 
land8 (145 Bereinz mit 10400 Mitgliedern) lautet: 
„Das ReichZarbeitsminiſteriuim wolle Maßnahmen er= 
greifen, um zu verhindern, daß, wie e8 heute vielerort8 ge= 
IMiebt, in induſtriellen Betriebzn um de8 geringen Lohnes 
willen Frauen an Stelle von Männern, beſonders verhei= 
rateten Männern, beſchäftigt werden.“ 
Zur Begründung führt der Verband aus: 
Nah Beobachtangen in ver|biedenen deutſh<en Ge=- 
bieten: Schleſien, Württemberg, Berlin uſw. iſt nicht nur 
die Dur<; die Rationaliſierung vereinfachte 
Arbeit, die früher von Männern au3geführt wurde, weib= 
lißen Arbeit3kräſten übertragen worden, ſondern ſind 
au? in weitgehendem Maße auz3 dem offenſichtliGen 
Grund der Lohnerſparnis Frauen in die Arbeit 
von Männern, die „wegen Arbeit3mangel“ entlaſſen 
wurden, eingeſtellt worden. Familienväter wer= 
den arbeit3lo3 und müſſen ArbeitSloſens= 
unterſtüßzung eien ihre Frauen werz= 
den veranlaßt, ſim nah Berdienſt umzu=- 
ſehen. 
Die Folgen davon ſind: 
1. Frauen, zum Teil verheiratete Frauen, 
werden an SEtelle der Männer zu z2iner an ſich ſ<wes- 
ren Beſchäftigung in den Betrieben heranzezogen, ihre 
Nerven» und Körperkräfte werden unverhältniäSmäßig 
Ihnell aufgerieben, jie werden unfähiger zu ihren 
generativen Aufgaben. 
Dem ganzen Bolk 2o2rwächſt au3 dieſen wirt= 
;Haftlicen Zuſtänden ein tiefer Schade für ſeine Fas=- 
milien. Durd< die Urbeitzloſigkeit der Familienväter 
und die damit ofi notwendig werdend2 ErwerbSarbeit 
der Ehefrauen werden die Familien wirtſ<aft= 
lim und ideell zerrüttet. 
3. Die Erſparniſſe, die für den einzelnen indu= 
ſtriellen Betrieb bei Erſezung der Männer- darc<h Frau= 
enarbeit möglich ſind, jind vom Geſamtvolke zu 
tragen in der höheren ArbeitzS3loſenunter- 
tüßung der Männer und in den geſteigerten 
'Krankenkaſſenleiſtungen für die Frauen. 
Der Geſamtverband ev. Arbeiterinnenvereine Deutiſch- 
land5s e. VB. bittet das Roichzarbeiisminiſtgrium, die ge= 
ſ<ilderten Verhältniſſe eingehend zu prüfen. Er iſt bereit, 
Material zu der Frage zur Verfügung zu 
ſtellen. 
Der „Chriſtlihe Bolksdienſt“ ſc<r2ibt dazu: .. 
„Möcten die evangeliſ<en Arbeiterinnen, deren An= 
trag auf bitterſter perſönlicher Erfahrung 
beruht, mit ihrem Hilferuf nißt ungehört bleiben. Hier 
iſt ein Gebiet, auf dem alle ſozialwilligen driſt- 
lichen Kreiſe Hilfe leiſten.“ -=- 
Wer möchte dem nicht zuſtimmen? Aber welches 
ſollen die Wege ſein zu dauernder Befreiung von dieſer 
Not, als allein die, welche die Bodenreform weiſt? 
Aus Bayern. / 
1 Der ſoeben erſchienene JahreSbericht der „Bayeriſchen 
Siedlung8=- und Landbank“ für das 12. GeſchäftSjahr 
ſagt Seite 7 unter anderem: „Die AuSgabe landwirt=- 
j<aftli<er Anweſen als Wirtſchaft8heimſtätten 
iſt im Zunehmen begriffen, da dieſe Rechtsform bekannter - 
wird und die dagegen vorhandenen Bedenken allmählich 
'geringer werden.“ 
- 2.:In Nr.. 22/1930 des „Bayeriſchen Bürgermeiſters“, 
177Ff. iſt von RegierunISrat 1. Kl. H. Dohn in AnZ3=-| 
= vaß ein ſehr bemerken3werter Aufſaß „Iſt . Baulinien- 
“ - Ziehung. auc: in Bäyern -entſm<ädigungspflichtig? 2“ ers: 
- ""Jchienen.- Der. Aufſatz. nimmt zu der im 2. Heft 1930| 
“ des. „Iahrbu<hs der Bodenreform“, S. 110, ab- 
Nahrungsmittel. 
 
- gedrudten Entſ<eidung des Reichs8gericht8 vom 28. Fe: 
319 
e8 au nad dieſem rei<h3gerihtlihen Urteil in Bay» - 
ern für zuläſſig era<htet werden muß, im Wege d8&r Bäu= 
änienziehung ohne vorhergehende Entſc<ädigung für die 
betreffenden Grundſtüfe den Inhalt d23 EigentumSs zu 
regeln, 'd. h. Straßenbegrenzung3= und Straßznflucht= 
linien, ſeitliſe und rüFwärtige Bebauung83grenzen und 
die ZUr Freihaliung gewiſſer ſtädtebauliHh oder verkehr3= 
politiſch wichtiger Geländeteil2z beſtimmten grünen Baus=- 
linien feſtzuſetzen. Dabei ſoll aber BVorauzsſetzung ſein, 
daß die Generalbebauung5pläne, Generalbaulinienyläne 
und einzelne Baulinienpläne zum weſentlichen Be- 
ſtandteile einer entſpreßendeaen ort3polizeilichen 
Vorſ<rift gemacht werden. | 
3. Die „Bayzeriſ2 Staat838zeitung“ hat in 
ihrer Nr. 177 eine Abhandlunz3 übzr „Moderner Luſfi= und 
GaSöſ<uß“ von dem GeſPäftzſührer des „D2zutſ<2r Luift= 
ſbutz“, Dr. Haeuber, gebra<ßt. Dort wird die Forderung 
des weitläufigen GEtädtebaues erhoben mit rieſigen. 
Grünflä<ßen ; denn eZ hab2 ſiH g232igt, daß die WirkunJ 
des Giftgaſe3 zu einem großen Teile dur< grünbelaubte 
Bäume und Sträucer aufgehoben werd2. Hohhäuſer 
werden zu vermeiden ſein; dafür ſeien langgeſtre>te 
Häuſer, eingefaßt von Grünanlagen, zu errichten. -- 
Dies wird aber alle3 nur beim Vorhandenſein eines ent= 
ſpre>end weitgehenden „Wohnheimſtättengeiete3“ mög= 
lich fein. -- ZIhn. 
Profeſſor Foehr. 
E35 war am 11. März 1890, al8 ich von AlexiSbad 
das Selketal aufwärts wanderte. E83 war ein Regen, 
bei dem man die Hoffnung verliert, daß er jemals auf- 
hören könnte. Und doh traf mi<h ein Sonnenſtrahl 
eigener Art. Cin Wagen ſuhr vorbei mit der Auſſchrift: 
„Frei Land“. Er fuhr na<4 Silberhütte, meinem 
Ziel. Die geplantz Verſammlung war des Weiters wegen 
zwar unmöglich; aber e3 waren doh große Stunden, als 
mir der Berg=- und Hüttendirektor Dr. Foehr nun in 
zinem Kreiſe von 20 führenden Männern zeigte, wa5 in 
Silberhütte auf bodenreformeriſc<er Grundlage 
aufgebaut worden war. 
Was war Silberhütte? No< im Jahre 1885 umfaßte 
es ein paar Gehöfte mit 20 Einwohnern. Unter der- 
Leitung von Foehr war eZ ſo ſchnell in die Höhe ga2- 
ſtiegen, daß e38 1899 ſchon über 300 zählte. Ihr Induſtrie» 
unternehmen Zählte 600 UAngeſtelltz und Arbeiter, die 
zum großen Teil aus den Naczbarorten kamen. Hier 
wurde ein Bauverein auf den Grundlagen der Boden- 
reform gegründet. Cine SiedlungS8genojſen- 
ſHaft „Frei-Land“ ſ<uf auf ihrem 75 Hekiar 
großen Landgut durmg Biehzu<t uſw. einen Teil der 
Dem gleiczen Zwe dienten eine Fiſche- 
reigenoſſenſ<aſt, eine Ziegenzuchtgenoſ. enſchaft, ein Kon= 
ſumverein. Die Arbeiter gaben 1 % ihre8 LohnesS, das 
Unternehmen 5 % der Lohnſumme regelmäßig in eine 
„ZgZentralgenoſſenſ<aft“, die dur<; ein? Art Waren- 
bankgeld jeden ungeſunden Zwiſchengewinn. und 
Zwiſh&enhandel ausſ>loß. Aus den Ueberſhüſſen wurde? - 
eine Volk3bücherei und ein Leſezimmer ins Leben 
rufen, eine Gemeindeichweſter angeſtellt uſw. E 
Unter allen Orten Deutſchlands hatte Silberhütte ver= 
hältniSmäßig die meiſten Bezieher unſere3 BundeZ3or- 
ganz3: 75! 
I<h konnte den Bericht über meinen eriten Beſuch in 
Silberhütte ſchließen: „Wird hier in Treue weitergebaut, 
ſo wird Silberhütte noM einmal in unſerer Kultur-- 
geſ<i<te einen Namen gewinnen.“ Aber es wurde 
nicht weitergebaut. Die „Anhaltiſc<en Blei= und Silber= 
werke in Silberhütte“, deren Generaidirektor Dr. Foehr. 
war, gehörten einer Geſellſchaft, in der engliſche3 Kapital 
die Mehrheit hatte. Die Leitung wurde dem nahen Ver=- 
wandten eine3 Großaktionär23 Übertragen, der verſtändni3- 
los alle bodenreformeriſchen Maßnahmen beſeitigte. 
. Foehr3s Name aber war in unſz2ren Kreiſen dur die 
Aufſäte Über Silberhütte bekannt geworden und ſo berief 
ihn unſer Bundesfreund. Profeſſor Abbe nah Iena“. 
zur Leitung der Wohlfahrtseinric<tungen der Zeiß-Werke. 
Bereit3 am 1. April 1904 folgte er einem: Ruf Zur Lei=. 
C= 
tung: der Gewerbe-Hohſchule der "Stadt 'Cöthen: "Zu ſei- 
nem 70. Geburtstag (25. März 1930) beſ> eini3t“das „Tö- 
j therier Tageblatt“, das Amtsblatt der Statt, daß mitſeinem 
|Eintritt „eine Epoche einſhneidender Reförmen begann, 
820
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.