Full text: Bodenreform - 41.1930 (41)

 
Deutſche Volksſtimme 
vdenteform 
Leitung: Adolf Damaſchke 
+ + Frei Land + + 
 
41. Jahrgang. Nr. 40 
 
Berlag Bodenreform G. m. b. H., Berlin NW 87, Leſſingſtraße 11, Fernſprecher: Moadit 1451 
Bezug durc< jedes Poſtamt vierkeljährli< 1,80 Mark, bei direkter Sendung unter 
Kreuzband 2.-- Mk. Poſtſ<e>konko Berlin NW 7, Nr. 79925 Bodenreform 6. m. b. H. 
Poft-Berſandort: Potsdam. 
12. Oktober 1930 
 
Das Finanz- uud Wirtſchaftsprogramm 
der Regierung Brüning. 
Der erſte Eindruck iſt der einer tiefen Enttäuſchung. 
Iſt e38 denn wirklich ſo, daß auh die ernſten und ehrlichen 
Führerperſönlichkeiten in der Regierung ihre Augen nur 
ric<ten müſſen auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten 
einer zahlenmäßigen Mehrheit, ſo daß ſie die Geſamt= 
lage dabei ganz überſehen? Wenn je eine Wahl, ſo 
war dieſe doh, die 82 % aller Stimmberechtigten an die 
Wahlurne rief, ein Stü Volksentſ<eid -- nicht im ein- 
zelnen, aber in der grundſätzlichen Einſtellung. Und 
bei dieſer Wahl haben mehr als 60 9 unſere8 Bolke3 
ſic) gegen das Gehenlaſſen, gegen das Beſtehenbleiben 
der alten Wirtſc<haft8ordnung entſc<hieden.: Wie ſich auc< 
Kommuniſten, Sozialdemokraten und Nationalſozialiſten 
unterſc<eiden mögen -- wer für eine dieſer Parteien ſeine 
 
Stimme abgegeben hat, der wollte eine völlige Neuzge- | 
ſtaltung! Und da3 gleiche erhoffen, erſtreben hundert 
taujende von Wählern des ZentrumS, de3 Chriſtli<=S »- 
zialen VolkSdienſte3. Die „Kreuz=Zeitung“ hat reHt, wenn 
ſie dieſe Wahl als „ein Sturmzeichen für die heutige 
Staat3= und Geſellſchaft3ordnung“ bezeichnet. Wer will 
dem gegenüber mit Mitteln von geſtern ſeine Berantwor= 
tung erfüllen ? Gewiß, man weiſt immer wieder darauf hin, 
daß die 23 Stimmen der Wirtſc<haft8partei nun einmal 
unentbehrlich ſeien. Nun hat die Wirtſchaft8partei, wie 
ſie in ihrem Organ ſtolz erklärt, ihre „Forderungen ange= 
meldet“. Und der Erfolg? Der „De utſ<e2“, das Organ 
der <riſtlihen Gewerkſchaften, aus denen Brüning und 
Stegerwald hervorgegangen ſind, und die deShalb ihrer 
Regierung natürlich beſonders freundlich gegenüberſtehen, 
muß erklären (Nr. 233): 
„Nah dieſen radikalen Forderungen iſt es unmöglich, 
mit dieſer Partei zu regieren. Alle Zugeſtänd- 
niſſe, welHe die Regierung in ihrem Programm gez 
maHt hat, waren umſonſt“ 
So halten wir eZ3 für ſelbſtverſtändlih, daß auch das 
heutige Programm nur ein vorläufiges (hoffentlich ſehr 
vorläufiges) Notprogramm ſein wird. Heute nur einige 
Worte: 
ES8 iſt ein Zeichen der ſtaat5bürgerlihen Unbildung 
unſeres Bolke8, daß es die Steuerfragen no< nicht in 
ihrer Bedeutung erkannt hat. Friedrich Il., der doh 
wahrhaftig etwas von Staats3verwaltung verſtand, nennt 
einmal in. einem väterlichen Rat an einen ſeiner Lieb= 
linge, dem Prinzen Karl Eugen von Württemberg die 
Finanzen „den Nerv eine3 Bolke3 -- wer ſie recht ver= 
ſtehe, wird immer Herr d23 übrigen ſein“. -- | 
Wa5Z eine Erſchütterung der Finanzen bedeutet, das 
erleben heat ja hunderttauſende von Familien unmittel= 
bar! Ohne eine planmäßige Aufklärungs8arbeit aber wird 
niemals eine Negierung möglich ſein, die eine Schonung 
der ehrlichen Arbeit und Emporentwi>klung unjerer Wirts= 
ſIHaft gewährleiſtet! Einer Organiſation wie der unſeren, 
die nicht durch Rückſicht auf irgendwelche Parteiintereſſen 
aebunden iſt, erwachſen große Aufgaben! - 
Die Bodenreformwohe == 
unter Leitung von Ernſt Benter im Boberhaus zu 
/ Löwenberg- vom 27. September bis 1. Oktober 1930 war 
; ein Wagnis. nah der Zeit: unmittelbar nach der ſo ver= 
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| ſammlungsreicen Wahlzeit =- nah. dem Ort: Löwenberg 
iſt eine kleine Stadt. Aber das Wagni8 gelang! Nicht nur 
aus Schleſien, ſondern au< aus Me>lenburg, Pommern, 
Brandenburg und Sachſen erſchienen BundeS8freunde. Ulle 
jtanden unter dem Eindru> des „ſchleſiſ>en Rothenburg“, 
dur< das der Stadtbaumeiſter Möller anregend führte. 
Wir können natürlih niht über die Fülle der Vorträge 
berichten: 
Oberbaurat Herzog = Liegnitz: „Oſtdeu!ſ<e Aufcaden“. =- 
Amtsgerichtsrat AhrendS8=Bres'au: „Bevölkerungs- 
Jragen“. -- 
Beigeordneter Dr. Graebert= Anklam: „Bodenreform 
praxis in einer mittleren Stadt“. --- 
Beruſsſhul=-Fachvorſteher E. Benters=Obernigk: „Die 
Not der 1HleſiſMen Familie“, 
Herrmanns=Breslau, Borſizender des Sdleſiſchen 
Bauernbundes und Direktor Melzig- Wohlau: „Boden- 
reformpraxis auf dem Lande“. -- 
Landtagspräſident PeuS=Deſſau: ., Aus der Erfahrung 
mit unſerer Grundwertſteuer“. -- 
Direktor Max Wagqguer-=Berlin: „Bom Seibjthilfewerk 
der deutſ<en BeamtenſHaft“. - 
Dr. Na upa< = Löwenberg: „Die praktiſHen Erfahrungen 
in der bulgariſh<en Arbeitsdienſtpflicht“: 
„Wie man auhFH zum UArbeits8dienſtjahr ſtehen mag, auf 
die bulgariſ&en Erfahrungen darf jiH in Deutſchland niemand 
berufen.“ -- : | 
Dr. Damaſ<Hke: „Wie kann Bodenreform helfen?“ -- 
Die Teilnehmer ſahen Segelflüge der Schule in Gru 
nau am RNieſengebirge. Sieg wanderten über den ge= 
waltigen StaubeFendamm von Mauer und fuhren auf? 
den überraſchend ſ<önen Talſperrenwaſſern von Golden= 
traum und Markliſſa. Was aufbauende Kulturarbeit 
doH vermag: Nicht nur S<huß vor verheerenden Ueber= 
ſ&wemmunoen, ſondern auh Erſ<hließung unerſ<öpflicher 
Quellen elektriſMen Lichtes, elektriſmer Kraft -- Möglich- 
keiten, die Borteile der Technik von der Großſtadt zu 
löſen, und Verdindung und Berſöhnung von Stadt und 
| Land zu fördern! 
Hier ſeien nur einige Worte aus dem Beginn und 
dem Schluß der Woh? wiedergegeben: 
Regierungs3vizepräſident Wills-2= Liegniß erinnerte 
daran, wie er vor mehr als 30 Jahren von Damaſchke 
für die Bodenreform gewonnen wurde, wie er dann von 
Nordhauſen aus mit Freund Temme und anderen 
bald die Bodenreform=-Gedanken vertreten habe auc<h in 
den kleinſten Orten zwiſchen dem Harz und dem Thüs= 
ringer Wald! Sein Lebens8w2g habe ihn dann nach 
Verlin=Neukölln geführt, und wie in Induſtriedörfern, ſo 
habe er au< hier in der verheerenden WohnungsSnot immer 
wieder Beweiſe für . die Notwendigkeit der Boderreform 
gefunden! EZ ſei ein StüF Tragik, wenn man dann 
an verantwortunqg3voller Stolle erfahren müiſ2e, wie ſc<wer 
es ſei, auh bei beſtem Willen wirklich zu helfen. Da fei 
e3 außerordentlich wertvoll, daß e8 Menſchen gäbe, die 
unabhängig von allen Parteien die öffentlicke Meinung 
aufklären und die Wege ebnen für wirkli) pratiiſche 
Hilfe. Wem einmal die Augen aufgetan ſeien, der könne 
gar nicht verſtehen, daß nicht alle Menſchen guten Wils- 
lens in der Frage der Bodenreform ſich vereinen! . Aber 
auch dieſe Stunde werde kommen, weil ſie kommen muß! 
Daß ſie bald komme, daran helfe, wer nicht müde wird, 
Aufklärung .darüber zu verbreiten, daß 23 ſic< hier .im 
tiefſten Grunde um einen Kampf um die deutſche Seele 
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