Full text: Bodenreform - 41.1930 (41)

Peſl es beliebt, mit „Wiſſenſ<Gaftli<keit“ etwas zu tun 
hat, überlaſjen wir jedem einzelnen. -- 
Wenn übrigens die ganze Sammlung von Aufſäten 
de3 Herrn van d2r Borght jetzt wieder dem dDeutſ<en 
Volke „neu bearbeitet“ vorgeſezt w2rden ſoll, können wir 
uns ja noH auf Mance235 gefaßt maßen! Wir aber haben 
wirkli) mehr zu tun, als uns mit Dingen zu beſchäftigen, 
die wir bereit3 vor einem halben Menſ<enalter erledigt 
haben, -- 
Der „„Skandal um Petſchek" und .die 
Wirtſchaftspartei. 
(Val. „Bodenreform“ Sp. 357 ff.) 
Am 27... November wurd2 im Säc<ſiſ<en Landtag der 
Fall Petſ<ek aufgerollt. Bereits Anfang Iuli brad.:2 
der ehemalige deutſhnationale, jetzt volk3konſervative Ab= 
geordnete Frißſ<e eine Anfrage ein: 
„Die ſächſiſHen, im Bereiche des oſtelbiſ<en Braunkohlen= 
ſyndikats anſäſſigen Brikettgroßhändler fühlen ſim inſofern in 
ihrer Exiſten3 bedroht, al8 der Werkshandel ſih immer mehr 
zu einer Monopolſtellung von Ignaß Petſ<Hek auswächlt 
und dur< unmittelbaren Wettbewerb und untragbare Bedin= 
gungen den Handel zweiter Hand aus8zuſchalten beſtrebt iſt. 
Die Dres8dner Handelskammer hat in ihrem RüFbli> auf das 
Jahr 1928 dieſe Entwi>klung als unerträglim? bezeichnet und 
bedauert, daß ihre Bemühungen, dem freien Handel zu jeinem 
Rechte zu verhelfen, biSher ergebnislo8 geweſen ſind.“ 
Bald darauf erſuchte eine ſozialdemokratiſc<e Anfrage 
die Regierung um Mitteilung, was ie getan habe, um 
die überaus hohen Handel38gewinne der Petſchekgruppe 
im Briketthandel zu ſenken. | 
Endlig lag noH ein nationalſozialiſtiſQer Antrag 
vor, die Reichsregierung aufzufordern, dean StaatSvertrag 
mit Petſ<ek vom 31. März 1921, nah dem deſſen Ein- 
kommen ſteuerfrg2i iſt -- e3 handelt ſiß dabei um 
etwa 8 Millionen -- zu kündigen, ferner das Aktienrecht 
dahingehend zu ändern, daß nur noZ Namenzaktien 
au38gegeben werden und daß nie mehr eine Aktienmehrheit 
in ausländiſ;e Hände kommen darf, und endlich ein 
Geſeß zu ſchaffen gegen Cigentum, das offenſichtlich zum 
Schaden der Allgemeinheit verwandt wird. 
In der Begründung, diz der Soziald2mokrat 
Kaußſ< der Anfrage ſeiner Fraktion gab, war der Hin 
weis ſehr intereſſant, daß Peiſc<ek 53 vi H. der Brikett= 
erzeugung im Bornaer Bezirk kontrolliere, 65-76 vi H. 
im Oſtelbiſ<en Braunkohlenſyndikat, 23 v. 9. im Mitiel- 
deutſ<en Syndikat. 
Darauf griff Abg3. Kaußtzſ< beſonder3 ſcharf den 
Wirtſhaft3partzgiler und ehemaligen Finanzs=- 
miniſter Weber dafür an, daß er auf den Rat ſeine3 
FrafktionSkollegen, d28 Kohlenhändler8 Ußs= 
mann, die Belieferung ſtaatliGer Stellen mit Kohlen 
der Petſ<ek gehörenden Deutſ>en Koh!l2nhandelSgeſell- 
ſhaft übertragen und ſo die biSherigen mittelſtän=- 
diſchen Lieferanten ſ<wer geſchädigi habe. 
Darauf b2gründet2 Abg. v. Killinger den Antrag 
ſeiner nationalſozialiſtiſGen Fraktion und gin3 dabei be= 
ſonders auf die ſteuer» und machtpolitiſ<2 Seite des 
Falles Petſ>.ef ein, wobei er an Hand von reichhaltigem 
Material behauptzte, daß die Machtſtellung Petſ<Heks 
in Deutſchland no<, viel größer ſei, al3 Abg. Kauß]< 
behauptet hätiz. Er wie>. darauf hin, daß von Petſchek 
auc< die tſG2ehiſ<2 Propaganda in der Lauſizer Wendei 
unterſtüßt werde. 
Der Wirtſ<aft3parteiler Aßmann gab eine ſehr 
verlegene Erklärung ab, wonad), er -- der Kohlenhänd= 
ler --- nicht3 davon gewußt habe, daß die Deutſche Koh= 
lenhandelögefellſBaft Petſchek gehöre! | 
Der ehemalize Finanzminiſter Weber, hat auch 
nicht3 davon gewußt, daß d.e deutſim2 Koh'enhandzl3geſell= 
ſhaft ein Groß= und kein Witteiſtand5Sbetriged iſt; er hat 
auch nic<t38 davon gewußt, daß dieſe Geſellichaft Petſchek 
gehört! ES wirkte wirklich bei einem ehemaligen Miniſter 
ſehr peinlich, wie er alle SäPpuld auf ſeinen FraktionS- 
kollegen Ußmann und auf ſeine Räte abzuwälzen ſuchte, 
die „ihm nichts geſagt“ hätten. | 
Der demokratiſ<2z Abg. Bretſ Zueider hob ſehr 
eindruF3voll hervor, daß e3 dem Wirtſc<aftsparteiler, 
alſo beſonderen „MittelſtandZretter“*, Weber als Fi- 
nanzminiſter vorbehalten geblieben wäre, an Stelle der 
miüttelſtändiſc<en Kohlenlieferanien einzm Großhändler, 
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dem Tſ<ehen Petſh<ek, die behördlichen Kohlenliefe- 
rungen zuzuſh<hanzen. | 
Dieſer Angriff bra>ßt2 den ehzmaligen Finanzminiſter 
Weber um jede Beherrſjhung. So ließ er ſi< zu der 
eigenarticen Vemerkung hinreißen: „IH könnte au> aus 
der Schule plaudern“. 
Mit der Ueberweiſung der Anträge an den Reht3S- 
bzw. an den HauShaltung3ausſc<huß nahm diej2 denkwür=- 
dige Landtagsſizung um halb ein Uhr na<ßt3 ein Ende. 
Der „ZJungdeutſ<he“, Nr. 280, urieilt: 
„Sie war für die angebli< mittelſtand3freundliche 
Wirtſ<>afts8partei ſchle<hthin vernichtend.“ 
Einen Gang mit einer Wohlfahrtspflegerin 
im Berliner Bezirk Wedding. 
ſhildert M. Wohr in der „Berliner Frau2nſtimme“, 
1930, Nr. 32. (In da8 Bereich dizſe8 Iug2ndamtes5 ge2= 
hören 36 000 Schulkinder!) : 
In jeder WohnaunJ, in jeder düſteren Stube hat die 
Pflegerin ein ander23 Stü> Elend zu bekämpfen. Da 
gehen die Kinder ni<ßt zur Schule; dort ſind Familien= 
ſtreitigfeiten zu ſc<li<izn, hier Verbreßen zu verhüien 
oder ihre Folgen zu trag2n; dort muß man die Kinder 
den Eltern abnehmen und da wiederum ſind die fittlicen 
Zuſtände grauenerregend. -- „Neulich. hatten wir in ein2r 
einzigen Woche zehn Fälle von Sittlich- 
feit8verbrehßen an kleinen Kindern, allein 
in meinem Bezirk.“ 
Jedes Haus, jede ſ|Pmutzige Mauer erinnert die Frau 
an irgendeinen traurigen Fall! Sehen Sie, hier wohnt 
ein Trunkenbold. Seine erſt2, ordentlihe Frau ging von 
ihm fort. Das Kind bli2b bei ihm. Er heiratete wieder 
eine ordentliße Frau, die früh arbeiten ging. Er ſelbſt 
war arbeit3unfähig. Das z3wölfjährige Mädchen ſchlief 
in der Rite zwiſhen den Betten der Beiden. Nah zwei 
Jahren bekommt das Mäd&>en ein Kind. Zwei Jahre 
lang hat eZ ein Berhältnis mit dem eigenen Vater 32= 
habt. Jetzt iſt ſie in Fürforgz2erziehung. EZ iſt leider nicht 
die einzige vierzehnjährige Mutter, die im in meinem 
Bezirk habe. I<H habe ſogar 3zwölfjährige Müts- 
ter. Und wa3 -- i<ß bitte Sie -- ſoll einmal aus den 
Kindern dieſer Kinder werden 2?“ 
Weiter geht es Haus um HauS, Not an Not. -- „Hier 
wohnte eine Familie mit a<ßt Kindern. Kinder aus der 
erſten Che de3 ManneZ, Kinder auZ3 der erſtzn Che der 
Frau, Kinder aus der Che d2r Beiden. WaZ die all22 
angeſtellt haben, das können Si2 ſich gar nicht vorſtellen. 
Da38 Gericht hat Strafen g2fällt wegen Homoſexualität, 
wegen Vergehen8 des Vaters an ſeiner unmündizen Toch- 
ter, wecen Kuvppelei, wegen Abtreibung. Und da wuchſen 
die Kinder au?! Wir haben ſie ſ<h<ließlih alle a<ht in 
Fürſorgeerziehung geben müiſen.“ 
Unendlich viel Schuld trägt die hier geradezu grau. 
enhafte WohnungS5not. Ganz32 Familien, mehrere 
Generationen oft, havjen in einem Zimmer, in einem 
Beti. Wenn man das mit anjehen muß, dann wundezrt 
man ſich über nichts mehr. , 
„Unſere Arbeit hai Grenzen“, jagt die Pflegerin mit 
einer gewiſien Reſignation. „Wir können lange nicht 
ſo viel tun, wie wir woll2zn, und wie notwendig wäre. 
Zu allererſt aber müßten menſ<enwürdige Wohnung3S=- 
verhältniſſe da ſein... Dann würde viele3Z nicht geiuehen. 
Das Traurigſte aber iſt, daß au<h dann, wenn wir dieſe 
armen Kinder in Fürſorge bringen, erſt der kleinſtz Teil 
getan iſt. Mit einundzwanzig Jahren werden alle wieder 
der Geſellic<aft zurüFgegeben. Wir Fürjorger ſ&reien n2H 
jeinem BewahrungS8geſeß, das die Geſellichaft vor 
aſozialen Elementen f<Güß.kt.“ 
Aber das iſt die bittere Frage, die einem auf den 
Lippen laſtet: Sind denn die Ajozialen au3 ſrzien StücCcen 
ſo geworden? Hat ſig nicht grenzenloſes Elend erſt dahir 
gebracht? 
Was Freude macht! 
Eine pommerſche Lehrzrin: 
„Ih möchte dieſen Tag nicht hingehen laſſen, ohne das 
zur Ausführung zu bringen, was i<H längſt fHon gern getan 
bätte und wa28 mir jetzt ein unvorhergeſehener Glüdsfall er 
möglicht. IH überweiſe mit beigehender Boſt 100 M. für die 
Sache der Bodenreform. Damit mö<hte ic zugleich dem Bunde 
die Treue erwidern, die er mir bewies, indem er mir troß Ent» 
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