Full text: Bodenreform - 41.1930 (41)

IH fahre ſofort nac Oſtpreußen -- die Fahrt fürhterlih: 
Man beſieht ji bei jolH<en Gelegonheitan „inwondia“. 
Selbſtvorwürie: Seinem Beruf alles, den nächſten Anz 
gehörigen ſo wenig zu jein! ScHhlußſtimmung: haben 
unſere „Stillen im Lande“ nicht re<t? Beinah2 hätte 
icq nah Elberfeld telegraphiert: die „KriegSziele“ in den 
Ofen ſtefen! Unvergeßliß2 Stunden am Sterbelager -- 
freundlic<es Stübchen -- Friede au3Z einer anderen Welti. 
BVejuüuchte dann Verwandte in Königsberg. Lernte dieſe 
dreimal verflucßien Höhlen-Sc<hlafzimmer -- ſ[ſo- 
genannte Kabinetie -- kennen, LößG2r ohne Fenſter, jah 
die Cinwirkung auf Familienleben und bes=- 
gabte Kinder, Enkel de: teuren Eniſch'afenen, fah, daß 
hier Glaube und Liebe ſ<leht gedeihen kann -- und 
gelobte, ſolange mir d2zr Schöpfer Kraft gibt: Rüc= 
ſichtsloſen Kampf dieſen ſhändli6 en Wohnungs5Szuſtänden. 
Za, rücſichtsloſfen Kampf! ! !“ -- 
Wa35 Gutſche ſpäter. namentlich auc während Dd25 
Kapp-Putſ<es, getan hat, um einen wirtſ<Haftlißen Zu= 
jammenbruch Deutſchlands zu verhüten, gehört der Ge= 
ſ<Hihte an. 
Perſönli< traten wir uns nahe, ich darf fagen, ganz 
nah2, al38 ih ihn zu einer Studienreiſe durch die baltiſchen 
Länder einladen konnte. Immer wieder mußte ich ſtau= 
nend ſehen, wie Dieſer Arbeiterführer mit den tiefſten 
Problemen des Lebens ritterlih rang, wie alle ſeine Ar= 
beiten emporwuchſen aus den tieſſten Tiefen ſeiner Welt= 
&anſGauung. Er war einer von den wirkliß großen Ar-= 
beiterführern. die auch über das unmittelbare StandeS3= 
intereſſe hinaus die großen Zujammenhänge erkennen! 
Die Deutſ<2 Arbeiterſ<aft und die deutiie Bodenre= 
form haben im Wilhelm Guiſd<cc viel verloren! 
Arbeitsloſje Bauarbeiter. Wir gaben in der „Bo= 
denreſorm“ (Sp. 50) die Zahl der arbeitzloſen Baus= 
arbeiter des freigewerkſ<haftlichen Baugewerk5bundes wie= 
der. No höher ſcheint die Zahl in anderen gewerk= 
IBafilichen Organiſationen zu fein. Der Zentra!verband 
der <«Griftlihen Bauarbeiter Dzutſchlands teilt mit: 
„Die <hriſtlich organiſierte Bauarbeiter|haft war im Zaßb= 
resSdurFſhnitt zu 26% arbozitslo8; ifogar in den Hc<4= 
jommermonaten blieben 14 % ohne Arbeit.“ | 
Wir können nur immer wiederholen: folge Zuſtände 
jind eine Anklage gegen unſ2r Geſellſchaft5iyſtem, wie ſie 
Ißärfer nicht erhoben werden kann! 
Die Stzdt Ulm, in der Oberbürgermeiſter Wagner 
eine ſo ſegenSreic<he bodenreformerijiche Wirkſamkeit ent= 
faltet hai, ſieht ſiH in die Notlage verſetzt, ihre Gemeinde 
umlage zu erhöhen. Um die3 abzuwenden, hat nach 
einem Bericht des „Schwäbiſbhen Merkurs“ Nr. 28 die 
BVüÜrgerpartei -- D. h. die deutſ<nationale Fraktion de8 
Gemeinderats -- folgende Anträge geſtellt: „Die Stadt 
jolle Grundbeſitz verkaufen, ihre Gehöfte verpachten und 
das Inventar verkaufen, in die Üblöſung der Wie -= 
derfaufsS3redie mit denjenigen Hausbeſitern einire= 
ten, Deren Häuſer damit belaſtet ſind“. 
Alſo Bodenvorrat5wirtſ<aft und Wiederkaufsrecht, 
die wertvollſten Errungenſ<haſften aus Wagners Zeit, 
ſollen geopfert, die mit Hilfe der Siadt gebauten Häuſer 
dem freien Handel preiSgegeben werden! Der Oberbürger- 
meiſter trat den Anträgen entgeo2n. Hoffentlich wird 
dieſer Angriff auf eine ruhmvol!i2? Bergangenheit und 
hoffnungsvolle Zukunft abgeſchlagen. 
Studiendirektor a. D. Dr. Knapp. 
Die Norddeutſche Tiefebene -- eine Oelprovinz 
der Standard-Qil-Co.? 
Von unterrichteter Seite geht dem „Hauptverein 
der Konſervativen“ ein „Warnruf“ zu, deſſen 
Gauptteil wir au<g hier wiedergeben wollen: 
„Mit den nachfolgenden Ausführungen mödte ih 
Ihre Aufmerkſamkeit auf eine Angelegenheit lenk2zn, von 
der iM glaube, daß ſie von jo großer vaterlän=- 
diſ<her Bedeutung iſt, daß ſih auc< der Haupt= 
verein der Konſervaiiven ihrer annehmen mu. . 
5. Wie iH zuvzrläſſig in Erfahrung gebracht habe, ſind 
-- Ffeit über einem Jahre in Dzutſchland- eine Anzahl ame = 
„rikaniſ<er Eeologen. in aller Stille damit beſchäftict, 
die deutſ&>en Bodenve2rhältniiſe in b2zug auf Erdöl ab= 
zuklären und die einzelnen Gegenden mit geophyſikaliſchen 
Gi 
| [ogen. 
| Spißenreiic 'in für diz Standard Dil Co. und leiſtet je- 
 
Apparaten zu unterjuchen. Dieſe Geologer. ſind von der 
ſogenannien Sinclair-Gruppe hierher geſhi>t und ſtzhen 
unter der Führung eines der beſten amerikaniſchen Geo= 
Die Sinclair-Gruppe iſt gewiſſermaßen die 
weils die AufklärungZarbeit in den einzzlnen Ländern, 
um dann di2 Ergebniſſe der Standard Dil auszuhändigen. 
Dur dD.eſe ſtille Arb2t der amerikaniſc<en Geologen 
iſt feſtgeſtelit worden, daß die ganze norddeutſche Tief= 
ebene von der G2egend Bremen-Hamburg biZ53 nad) 
Hinterpommern als großes, zuſammenhängendes 
erdölhöoſfiges Eebviet zu betrachten iſt. Diz? Sinclair= 
Gruppe hat nun in al'!er Stille ein? große Anzahl von 
Konzeſſionen in der n9-ddeutichen Tiefeben? für ſich ge= 
ſiGßert. Oldenburg, die Gegend von Hamburg und Med>= 
lenburg ſollen |<on zum größten Teil in Hän=- 
Den der Amerikaner ſzin. In anderen Gegenden, 
vor allem in Pommern, ſind ſie eifrig an der Arbeit. 
Im Früdjahr 1931 joll dann ſ<Hlagartig ein großes 
Eohrprogramm in der ganzen norddeutſchen Tiefebene 
in Angriff genommen werden, nachdem ſich die Ameri= 
faner bi3 dahin überall die beſtzn Gebiete geſichert haben. 
Mit anderen Worten: Die norddeutſche Tief- 
ebene foll zu einer Oelprovin3 der Stanz 
dard Dil Co. gemadt werden, bevor 23 die Deut= 
ſ<ben gewahr werden. 
Was dies für unſere ganz? vaterländiſ<e Zukunft 
bedeutet, erhellt ſHon aus der Tatſa<h2, daß Deutſchland 
gegenwärtig jährlich für annähernd 700 Millionen Mark 
Oel aus dem Auslande einführt. Wenn die «,*rika= 
niſGen Geologen re<t haben -- und die3 wird in letzter 
Zeit von anderer, und zwar deutſcher Seite beſtätigt --, 
ſo wäre Deutſchland in der Lage, dieje 7600 Millionen 
jährlich zu ſparen, damit ſeine ganze Handeol3bilanz wieder 
zu ſtabiliſieren und ſich wirtichaftliß allmähli> zu er= 
holen. Bielleiht könnte Deutſchland ſogar ein Ozl au3= 
führendes Land werden. Hier liegt alſo ein wirtſchafts- 
politiſ> es Intereſſe allererſten Ranges vor! 
Wenn es aber den Amzrikanern erſt gelunzen iſt, mit 
einer großen Zahl von Graundbeſizern Vertrige abzu- 
ſi ließen, welhe ihnen, den Amerikanern, die Aus83= . 
beutungSö5redchte zuſichern, ſo ſind dieſe Berträge 
durc< nichts mehr rüdgingig zu mac>en, und dann iſt 
DeutjGland dieſer lezte Weg zur wirtſ<aftlicen Wieder- 
geneſung endgültig abgeſchnitten. ES iſt de3Zhalb aller-=- 
hödhite Zeit, daß dem ein Riegel vorgeſchoben wird! 
Nun kann nan 25 ſicherlich den einzelnen GutZ= 
beſißern an und für ſich nicht verargen, wenn ſie in der 
heutigen Zeit der planmäßigen UAbdroſſelung der deutſchen 
LandwirtſGafi nach jedem RettungS5anker greifen 
und ſfolhe Berträge abſchließen. Der einzelne Beſitzer 
iſt ja dabei de3 GlaubenZ35, daſt er vom Schiſal beſon 
der5 begünſtigt ſei und ſieht nicht, daß e3s ſi< hier um 
ein allgemeines planmäßiges Vorgehen der Amerikaner 
handelt. Er ſieht anch meiſtens niht, daß ihm die 
Amerikaner nur ein Allmoſen anbieten, während er für 
ſeine Oelgerehtſam2 auſ and2rem Wegeviel mehr 
erlangen fönnte. Der einzeine Grundbefiter ſieht auc< 
nicht folgende. Gefahr: Die großen internationalen Oel- 
geſellſhaften, und vor allem diz Standard Oil Co., ſind 
darauf bedacht, daß ſie den Weltmarkt des Oel3, und vor 
allem die PreiSbildung d23 Erdöls auf dem Weltmarkt, 
allein beherrſ<en und in dzr Hand behalten. Sobald 
irgendwo Nachrichten aufiauc<en, daß neue Oelfelder vor- 
handen ſind, ſuchen ſie dieſe ſofort in ihre Hand. zu be2- 
fommen. Dies geſchieht aber b2i weitem nicht immer, 
um dieſe Felder aus3zubeuten, ſondern um ſie ſtill = 
zulegen und um zu verhindern, daß ſiz von an-=- 
deren aufgeſ<loſſen werden, damit ihnen, den 
Amerikanern, keine Konkurrenz entſteht. Die Unkoſten 
zur Erwerbuna dieſer Felder nehmen ſie mit Leichtigkeit 
in Kauf, da ſie ſie durch die gewaltſam ho<hgehaltenen, 
Weltmarktpreiſe um ein oielfach28 wieder hereinbringen. 
Die deutſhen Grundbeſitzer, welhe mit den Amerikanern 
Verträge abſchließen, graben ſich alſo wahrſ>2inli> ihr 
eigenes Grab, indem ſie. ſpäter die in Ausſic<t genom» 
menen. Prozente aus der Förderung Überhaupt nie. er» 
halten, weil die Amerikaner gar nicht fördern und durch 
ihre Verträge aud). jeden anderen an der Förderung vers 
hindern.“ -- | | | : 
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