Full text: Bodenreform - 50.1939 (50)

Die Patifundien-Aufteilung in Mexiko 
Der mexikaniſche Präſident CärdenasZ jeßt 
da8 im Jahre 1934 begonnene Werk der Agrar=- 
reform energiſch fort. Von ähnlihen Reformen 
in europäiſHhen Ländern, die eine Neubildung 
und Befeſtigung de3 Bauerntum35 auf Koſten des 
Großgrundbeſites bezweFen, unterſ<eidet jic< das 
Vorgehen in Mexiko dadur<, daß man dort die 
Nachkommen der Urbevölkerung wieder in ihre 
Rechte einſetzen will, die ihnen die europäiſchen 
Eindringlinge vor vier Jahrhunderten mit Ge= 
walt und Liſt entriſſen haben. Nachdem endlich 
die Abkömmlinge der alten Mexikaner wieder die 
Madt in ihrem Heimatlande errungen haben, 
wollen ſie ſo ſ<nell al8 mögli< das alte Unrecht 
wieder gutmachen und die von den Europäern zu 
landloſen Tagelöhnern, ja faſt zu Sklaven er=- 
niedrigten Ureinwohner wieder zu Bauern auf 
eigener Scholle, zu Herren in ihrem eigenen 
Lande werden laſſen. Daher das geradezu revolu=- 
tionäre Tempo der Latifundienaufteilung. Nicht 
weniger als 10 Millionen Hektar Großgrundbeſiß 
ſind bereits aufgeteilt worden, im vorigen Zahr 
allein nahezu 3 Millionen. 
Wie e8 bei ſolHhen Aufteilungen zugeht, hat 
die Londoner „Times“ am 1. Februar geſ<ildert. 
Sie berichtet über die Enteignung der beiden 
Hazienden „Nueva Italia“ und „Lombardia“, 
zweier aneinandergrenzender Güter von zujams= 
men 60 000 Hektar. Sie gehörten der vor 40 Jah- 
ren au38 Italien eingewanderten Familie Cuſi, 
die das vorher wüſte Land dur<h große Bewäjje= 
rungö8anlagen zum größten Reis und Zitronen 
erzeugenden Unternehmen de3 Landes gemacht 
habe. Die Güter ſeien Muſterbetriebe gewejen, 
die höhere als die ortgüblihen Löhne zahlten, 
jedem Landarbeiter 4 Hektar zu eigener Nußung 
überließen, für ärztlihe Behandlung und für 
Sdhulunterriht der Arbeiterkinder ſorgten und 
den Arbeitern die Leben3mittel billiger als andere 
abließen. Daher hätten die Landarbeiter keine 
ſonderlihe Begeiſterung für die Neuregelung ge- 
zeigt. Al3 aber Präſident Cärdenas erſchien und 
mit ihnen ſpeiſte, hätten die Urbeiter, die nun 
Bauern werden ſollen, ihm herzli< zugejubelt 
und ihm ein Ständchen gebraht. Die Familie 
Cuſi wird für ihre 16000 Stü Bieh, ihre 
60 000 Zitronenbäume, ihre Maſ<Hinen und Ges 
bäude entſhädigt, aber den Grund und Boden 
muß ſie naH dem Geſetz ohne Entſchädigung 
hergeben. 
Nun werden die Arbeiter, 
ihre neuen Bauernſtellen eingewieſen und in zwei 
Genoſſenſhaften, einer Produktion3- und einer 
Abſatzgenoſſenſhaft zuſammengeſ<loſſen. Cine 
Bank wird die Genoſſenſchaften finanzieren. Das 
Land ſoll naH einem Geſamtplan unter der 
Leitung von RegierungZSagrarkulturingenieuren 
bewirtſhaftet werden. Die Bank wird jedem 
Manne für ſeinen Unterhalt einen täglichen Bor- 
ſ<uß zahlen, der ungefähr ſo hoh iſt wie jein 
früherer Arbeitslohn, und am Ende de35 JahreZ, 
wenn die Ernte verkauft iſt, ſoll der Gewinn 
unter die Bauern je nah der von ihnen geleiſte-= | 
ten Arbeit verteilt werden, wobei die Vorſchüſſe 
mit Zinſen angere<hnei werden. 
Die „Times“ betrachtet das Berfahren mit 
einigem Wißtrauen, weil früher in gleichen Fäl= 
len gelegentlih Fehler gemacht und au< Ber= 
die Peones8, in. 
untreuungen begangen worden ſeien und weil 
vielen der neuen Bauern da8 ſelbſtändige, ver= 
antwortung3volle Arbeiten ſHwer fallen werde. 
Smmerhin muß ſie zugeben, daß nah den biS3= 
herigen Erfahrungen die Shulen und die ärzt= 
lihe Betreuung der Leute beſſer ſind al38 vorher, 
daß die Bauern beſſer gekleidet ſind und mehr 
moderne Einrichtungen kaufen als die früheren 
landloſen Arbeiter. Eine Minderheit der ehe= 
maligen BeoneS3 ſei ſtolz auf ihren neuen Boden= 
beſiß, und die fähigeren unter ihnen, beſonders 
die jüngeren, würden von den Regierung3beams=- 
ten für wichtige Poſten auS8gebildet. 
Während die „Times“ meint, die landwirt= 
ſhaftlihe Erzeugung werde, wenigſtens in den 
erſten Jahren, infolge der Aufteilung zurüc= 
gehen, berichtete im vorigen Jahr das „Ber= 
liner Tageblatt“ (Nr. 49 vom 29. 1. 1938), daß 
ſim ſHon damals der Viehſtand vervielfacht hat, 
und 3war in einem derartigen AuSmaß, daß 
nah der mexikaniſchen Handelsſtatiſtik die AuZ= 
fuhr von Vieh na<h den Vereinigten Staaten 
erheblich geſteigert werden konnte. Die Ergeb=- 
niſſe der Weizenernte ſeien zwar etwas geringer 
geweſen als in den vergangenen Jahren, aber die 
Baumwollernte habe gegenüber 1935 um 40% 
zugenommen. | 
Grundſäßlich kommt e8 jedoH niht darauf an, 
ob in der Übergang8z3eit nah der Aufteilung der 
Latifundien die Erträge der Landwirtſc<aft etwas 
höher oder etwas niedriger ſind, ſondern darauſ, 
ob Borſorge getroffen wird, daß die neuen 
Bauern geſichert auf ihrem Boden bleiben, nicht 
dur<h drüfende Shuldenlaſten oder dur< lodende 
Geldangebote von ihrer Scholle vertrieben werden 
und daß auh für künftige Geſ<lehter Boden 
zum Siedeln erreichbar iſt. Um zu verhüten, 
daß ſi< von neuem übermäßiger Großgrund= 
beſit bildet und daneben wieder ein landloſes 
Proletariat entſteht, muß der Staat von allem 
Boden die Grundrente als Steuer vom 
reinen Bodenwert einziehen. Dann iſt der 
Boden immer verfügbar für jeden, der darauf 
arbeiten will, und der Staat kann mit dem Er=- 
trag dieſer Grundſteuer alle ſeine Kulturaufgaben 
beſtreiten, 
ITtaliens Libyenſiedlung 
Aus Rom meldet man, daß 1800 neue 
Bauernhöfe für Siedler Ende September für 
die neuen Einwanderer in Libyen bereitſtehen 
werden. BiS8her wurden etwa 10000 Geſuche 
eingereicht, die in8geſamt 80 000 Perſonen, die 
in Libyen ſiedeln wollen, umfaſſen. Die Auswahl 
der Neuſiedler wird in dieſem Iahre na< dem 
Geſichtspunkt durchgeführt, daß in der Familie, 
die nah Libyen geht, außer den Eltern wenigſtens 
zwei erwachſene Söhne vorhanden ſein müſſen, 
wobei die Zahl der Familienmitglieder aht nicht 
überſchreiten ſoll. Faſhiſtiſ<e Kämpfer und Welt=- 
kriegsSteilnehmer ſind in der Bewerbung bevorzugt. 
Die Siedler werden ihre neuen Höfe in der Ums=- 
gegend von neun neuangelegten Siedlungsdörſern 
in Tripolitanien wie in der Cyrenaika finden. 
Wenn die „Flotte der 20000 Siedler“ am 
29. Oktober in Tripolis und Bengaſi anlegt, wird 
die Zahl der in den beiden lezten Jahren in 
Libyen angeſiedelten Italiener über 40000 be= 
tragen. 
 
-Hauptſchriftleiter : Dr. jur. Kurt Schmidt, Berlin-Lankwiß, Frankentaler Ufer 153; | 
Dru Robert Müller Pot8dam; Bodenreform Verlag Damaſchke KG, Berlin. NW 87, Leſſingſtr. 11 
- 223 
224 .
	        

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