Full text: Bodenreform - 50.1939 (50)

die Bodenſpekulation, um ſo billiger wird der 
Boden und um ſo leichter laſſen ſich die jozialen 
Unterſhiede überbrüden. 
Au<H in Deutſ<Hland iſt die Lehre Henry 
Georges die Grundlage der Bodenreſorm= 
bewegung; au<h wir ſehen in der Steuer vom 
reinen Bodenwert die beſte und gered<teſte Steuer, 
aber wir fordern ſie nicht als die einzige 
Steuer, und wir halten ſie andererſeits nid i 
für das einzige Mittel zur Löſung des 
Bodenproblems. Adolf Damaſ<ke und mit 
ihm der Bund Deutſcher Bodenreformer 'haben 
ſeit vierzig Iahren die Meinung vertreten, daß 
in einem alten Kulturland wie Deutſchland die 
Reform andere Wege gehen muß als in einem 
jungen Kolonialland wie Kalifornien, Auſtralien 
oder Südafrika. DeShalb haben Damaſ<ke und 
der Bund Deutſ<her Bodenreformer von Anſang 
an eine „unſeren nationalen Bedürſnijjen anJe= 
paßte“ Bodenreform vertreten. WBVon Henry 
George haben wir gelernt, die ſchädlichen Wir= 
fungen der Grundrente, wenn ſie dem Cigen= 
naß der Einzelnen überlaſJſen iſt, zu erkennen; 
aber Adolf Damaſ<fe hat uns gelehrt, daß es 
außer der Bodenwertſteuer, die ſehr wichtig iſt, 
nod) andere Mittel dibt, um die Grundrente in 
die öffentliche Hand überzuführen, um ihre ſpeku= 
lative Steigerung zu verhüten und ihre [<hAud= 
lihen Wirkungen zu bekämpfen. Sol<He Mittel 
iind im Berei<h des landwirtſ<haftlichen Bodens 
vor allem das Erbhofre<t und die bäuerliche 
Siedlung, im Bereich des ſtädtiſMen Bodens das 
Erbbauredht, ſofern e8 von öffentlichen oder ge= 
meinnüßigen Körperſhaften ausgegeben wird, 
das HeimſtättenreHt, die Bauordnung, unter 
Umſtänden die BodenvorraiSwirtſHaft der Ge= 
meinden, die Neform des Hypothekenre<t8 und 
novH mandhes andere. Dabei bleiben wir uns 
aber bewußt, daß wir damit nur die Lehre 
Senry Georges weiiergebildet und den deutſchen 
Verhältniſſen angepaßt haben, daß wir aber die 
Erkenntnis des Problems und die Grundzüge 
ſeiner Löſung dem „Propheten von San ;Fran= 
cisco“ Henry George verdanken. 
> * X 
Bon Henry Georges Werk „Brogretß and 
Poverty“ gibt es zwei deutſ<e Überjetßzungen: 
eine von F. Gütſ<ow, Verlag Guſtav Fijlher 
in Jena, 6. Auflage, die andere von D. Haek, 
Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig. In 
veutſher Überjeßzung iſt ferner erſchienen: Henry 
George, „Soziale Probleme“, deutſc) von 
F. Stöpel, Verlag Guſtav Fiſcher in Zenga, 
1. Auflage, 1921. 
Aus henry Georges Schrift „Soziale Probleme“ 
Man telle ſich eine Inſel vor, deren Boden an 
einige der Cinwohner als Eigentum vergeben ilt. 
Die übrigen Cinwohner dieſer Inſel müſſen ent= 
weder von jenen Grundeigentümern Land pachten 
und dafür Rente bezahlen oder ihnen ihre Arbeit 
verfaufen und Lohn erhalten. Wenn die Be= 
völferung ſteigt, ſo muß die Konkurrenz 3wiſchen 
den Nicdhtbeſikern um Beſchäftigung oder um. 
die Mittel der Beſchäftigung die Rente erhöhen 
und den Lohn ſinken laſſen, bis die Nichtbeſiter 
nur den bloßen LebenSunterhalt gewinnen unvp 
die Eigentümer den ganzen Reſt der Produkte der 
Inſel erhalten. Nimmt man nun an, es werd2 
irgendeine Verbeſſerung oder Erfindung gemadi, 
welche die Leiſtungskraft der Arbeit erhöht, jo itt 
es ovifenbar, daß, ſobald ſie allgemein wird, die 
Zonkurren3z zwiſchen den Nicdhtbeſitzern all den 
erzielten Nußzen den Grundeigentümern ver= 
ſchaffen wird. Gleichviel wie groß der Fortichritt 
jei, er kann nur dieſes ſc<ließliche ErgebniS haben. 
Wenn die Fortſchritte ſo groß ſind, daß olle 
Güter, die die Inſel hervorzubringen vermag vder 
deren Erzeugung ſiH die Grundeigentümer ange= 
legen ſein laſſen, mit der Hälfte der Arbeit ge= 
wonnen werden können, ſo liegt es in ihrer 
Madht, die andere Hälfte der Arbeiter verhungern 
zu laſſen oder ſie in das. Meer zu treiben; oder 
wenn ſie mitleidige Leute von dem gewöhnlichen 
Schlage ſind, welhe glauben, daß Gott der UAll= 
mädtige dieſe Arbeiter zum Leben beſtimmte, 
obwohl er ihnen kein Land gab, worauf ſie leben 
können, ſo werden ſie die Arbeiter vielleicht als 
Arme unterſtüzen oder ſie na<H irgendeinem 
anderen Lande auswandern laſſen, wie die eng= 
liſMe Regierung die „Üüberſchüſſigen“ Irländer 
au3wandern läßt. Aber ob ſie ſie nun ſterben 
laſſen oder am Leben erhalten, ſie würden keine 
Berwendung für ſie haben, und wenn der Fort- 
ſchritt noFH weiter geht, ſo würden ſie für immer 
weniger von ihnen Verwendung haben. 
Die3 iſt das allgemeine Prinzip. 
Aber außer dieſer Bevölkerung von Grund= 
eigentümern mit ihren Pächtern und Arbeitern 
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befindet jim, wie wir annehmen wollen, auf der 
Inſel noh ein Krämer, ein Erfinder, ein Cpieler 
und ein Seeräuber. Um unſere Annahme der 
neuen Mode anzupaſſen, wollen wir einen hoch= 
ach<tbaren CEpieler vorausSſeßzen, einen von der 
Art, der Univerſitäten ſtiftet und zur Bekehrung 
der Heiden beiſteuert, jowie einen jehr cdel= 
denkenden Seeräuber, der auf ſeinem geſ<winden 
Kreuzer anſtatt des früheren Totenkopfs und der 
blutigen Fnochen die Infignien eines Jachtiluds 
trägt, der aber ſeinen Zoll ſogar no< regel= 
mäßiger und wirkjamer erhebi als der altmodiſche 
Seeräuber. 
Nehmen wir an, der Krämer, der Cpieler und 
der Seeräuber ſeien gewandte Geſhäftsleute und 
madgjien Geld. Nun kommt der Erfinder hinzu 
und ſagt: „I< habe eine Erfindung gemadt, die 
die Leiſtungsfähigkeit der Arbeit bedeutend ver- 
mehren und eu<h in den Stand ſeßzen wird, die 
Produktion dieſer Inſel zu erhöhen, ſo datz zur 
Verteilung unter eu<h alle viel mehr vorhanden 
ſein wird; aber als Bedingung, daß ich jie euch 
mitteile, beanſpruche iM? eine UÜbgabe au] ihre 
Verwendung.“ Dies wird bewilligt, die Erfindung 
wird eingeführt und erhöht die Produktion von 
Gütern bedeutend. Aber ſie tut es niht zum 
Borteil der Urbeiter. Die Konkurren3 zwiſchen 
ihnen nötigt ſie noF immer, eine jo hohe Pacht 
zu bezahlen oder ſo niedrige Löhne zu nehmen, 
daß ſie niht beſſer daran ſind als vorher. Sie 
gewinnen noF immer nur ihren dürftigen 
LebenSunterhalt. Der geſamte Gewinn der Cr= 
findung geht jedoH in dieſem Falle niht an die 
Grundeigentümer. Des8 Erfinders Prämie qge=- 
währt ihm ein großes Einkommen, und au< der 
Krämer, der Spieler und der Seeräuber finden 
ſämtlich ihre CEinkfommen ſtark erhöht. Das ECin= 
fommen eine3 jeden diejer vier iit, wie wir 
bereitwillig vorausſetzen können, größer als ein 
einzelnes Einkommen der Grundeigentümer, und 
ihre Gewinne ſtehen im ſ<neidendſten Gegenſaß 
zu der Armut der Arbeiter, die bitter enttäuſcht 
ſind, daß ſie keinerlei Anteil an dem höheren 
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