Full text: Bodenreform - 50.1939 (50)

Heimen faſt doppelt ſo viel Kinder geboren werden 
als in Mietkaſernen. Und eine weitere Tatjache, 
daß die BVorausſezungen für das Heranwachſen 
eines geſunden Geſhleht35 in Heimen mit Garten 
dreimal beſſer ſind als in engen Geſc<oßwoh- 
nungen. Die Billigkeit3richtlinien bejeitigen dieje 
Gefahr der Familienpflege nicht. Sie gelten auch 
nur für die erſten zwei Jahre, die Steuerfreiheit 
für neue Arbeiterwohnſtätten nur für die in den 
erſten drei Iahren errichteten. P. 
*. Das Bodenrecht in der 6eſchichte Irlands 
Welche wichtige, ja entſ<eidende Bedeutung der 
Bodenverfaſſung und dem Bodenrecht für den 
Aufſtieg, den Beſtand und den Niedergang Der 
Nationen zukommt, hat Adolf Damaj<hke 
in feiner Programmſ<rift „Die Bodenreform“ 
an der Geſchi<hte de3 Altertums nachgewieſen. 
In der ſpäteren Geſchichte bietet Irland ein 
beſonders lehrreiches Beiſpiel hierfür. Aus dem 
Bodenre<ht erklärt ſi auh der Gegenſatz zwiſchen 
Nordirland mit der Hauptſtadt Belfaſt, das 
noh zu England gehört, und dem übrigen Ir= 
land, das jetzt den freien Volksſtaat Eire bildet. 
Eine gute Darſtellung dieſer Zuſammenhänge hat 
fürzlih Wilhelm Rauber unter der Über= 
ſchrift „Bodenreh<ht als politiſmes Geſtaltungs- 
mittel, Gedanken zur Geſchichte Irlands“ in der 
Monatsſ<hrift „Odal“, Berlin, Nr. 8 vom Nugujt 
1939, veröffentlicht. | 
Al83 die Engländer im Jahre 1169 mit der Er=- 
ovberung Irland38 begannen, ſo führt Rauber 
au3, galt bei den Iren der Grundſatz, daß der 
Grund und Boden im Eigentum der einzelnen 
Stämme ſtand. An Moor, Weide und Wald 
hatte jeder Stamme3genoſſe ein unbeſchränktes 
Nußungs8reht. Da8 AFerland wurde vom Stamm 
den einzelnen Sippen und von dieſen den ein= 
zelnen Familien zugeteilt. BVererbliHes Cinzel- 
eigentum gab e38 demnaH nicht. Die erobernden 
Engländer führten ihr Feudalreh<ht ein, das jie. 
unter Wilhelm dem Eroberer (1027 bis 1087) 
von den Normannen übernommen hatten. Dieſes 
hatte zur Folge, daß England in Irland niht 
bäuerlid ſiedelte, ſondern im weſentlichen nur 
engliſGen Großgrundbeſit ſchuf. Dieeng= 
liſc<en Landlord8 waren darauf bedahHt, möglichſt 
hohe Renten aus ihren iriſ<en Gütern zu ziehen. 
Demgemäß ſtellten ſie meiſt Bedingungen für - 
ihre Hinterſaſſen und Pächter auf, die keine Zug= 
Fraft auf engliſ<me Koloniſten ausübten. Die 
Iren, die au<h unter härteſten Bedingungen an 
jedem Stü> Boden feſthielten, waren billige 
Arbeitskräfte und gewinnbringende Pächter und 
wurden des8halb von den engliſ<men Grundherren 
vorgezogen. 
In Nordirland, der Propinz Ulſter, 
änderten ſiM die VBerhältnijſe im Anſang des 
17. Jahrhundert8, al8 die beiden iriſchen Stams- 
me3oberhäupter, die al8 LehnS8leute de8 engli= 
ſHen König8 über Ulſter geboten, wegen Ber=- 
daht3 einer Aufſtand8vorbereitung flohen und 
ihr Beſitz von der engliſchen Krone. eingezogen 
wurde. Hier haben nun die Engländer in 
bäuerlicher Form geſiedelt, die meiſten Sied- 
ler kamen aus Schottland. Das Land wurde 
zwar in Gütern von 400, 700 und 800 Hektar 
- vergeben, aber die neuen Grundherren wurden 
verpflichtet, eine auSreichende Zahl von engliſchen - 
oder ſchottiſ<en Freiſaſſen und Pächtern 
anzuſeßen. Dieſe Freiſaſſen (ſfreeholder8s) und 
Pächter bekamen Stellen, deren Größe ſich 3wi= 
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ſiHen 8 und 80 Hektar, in Einzelfällen auch 
darüber, bewegten. "Die Freiſaſjen, eine dem 
engliſHen Recht eigentümliHe bäuerliche Bejit= 
form, waren freie, nur zu beſtimmten Abgaben 
verpflichtete Bauern, die ihren Beſitz ge] Hlo1=- 
ſen vererbten, alſo nah UAnerbenreht lebten. 
Für die Pädter galt ein gutes, auf Beſitzerhal= 
tung gerichtetes Padhtredht. , 
Na einem AYufſtand der Iren um 1690 ſollten 
die letzten Reſte iriſMQen Bodeneigentums ver= 
nichtet werden. Dieſen Zwe& verfolgte ein im 
Jahre 1703 erlaſſenes Geſetz „zur Berhinderung 
Des weiteren Wachstums5 des Papiämu3“. Den 
Katholiken wurde jegliher Erwerb von Grund= 
ſtüfen verboten, mit AusSnahme der Bererbung 
untereinander. Dieſe Vererbung aber ſollte das 
Mittel zur Zerſ<lagung des beſtehenden iriſchen 
Grundbeſize2 ſein. Starb ein katholijher Grund- 
beſitzer, ſo ſollte ſein Beſitz kraft zwingenden 
ReHt8 auf alle ſeine Na<kommen zu 
gleichen Teilen übergehen. Eine geſ<hloſjene 
Beſitzvererbung auf einen Erben war künftig 
weder kraft Geſees oder Brau<8 no< kraft 
Teſtament3 möglih. Es war alſo ein Zwangs5- 
erbteilung3reht, das alle beſtehenden iriſchen 
Familienbeſizungen, in3beſondere die erblichen 
Lehenö8güter und Freiſaſſenhöfe, in einigen Gene=- 
rationen aufſplittern und damit zur Bedeutungs3=- 
loſigkeit herabwürdigen ſollte. 
Die Folgen des Geſetzes entſprachen den Cr= 
wartungen. Nah dieſem letzten Schlag gegen 
die bodenrehtlihe Stellung der Iren ſank der 
iriſ;e Grundbeſiß zu Bedeutungsloſigkeit herab. 
Die große Maſſe der Iren lebte auf ihrem Boden 
nur no<h als Kätner und Pächter. Für die iri= 
ſHen Pächter waren die Pachtbedingungen jehr 
IHleHht. Au hier hatten beſondere Beſtimmuns- 
gen dafür geſorgt, daß keine bodenſtändige iriſche 
Pächterſc<iht entſtehen konnte. Die meiſten waren 
jederzeit kündbare Pächter. Pachtverträge über 
mehr als 31 Jahre waren ausdrücli< verboten, 
und der Bachizin8 mußte mindeſtens zwei Drittel 
der Erträgniſſe au8maden. 
Die Herbeiführung eines doppelten ländlichen 
Erbreht3 -- geſchloſſene Erbfolge für die engli- 
ſjHen und ſ<ottiſ<en Grundherren und Freiſaſjen 
einerſeit3, ZwangSerbteilung für die Iren ande- 
rerſeit3 -- war von beſonderer Wirkung für ſolche 
Gebiete, in denen eine breitere Schicht engliſcher 
und ſ<ottiſher Siedler ſaß. Das war vornehm 
lih in Ulſter. Nach der völligen Zerſtörung 
feſten iriſHen Beſitzes war das dur< ſein Erdb= 
folgereHt feſt verwurzelte ſc<hottiſc<-engliiche 
Bauerntum Ulſter8 vor jeder Beeinträchtigung 
durh iriſhme Einflüſſe ſiher. So hat au< die 
Bodengeſezgebung de38 Jahre8 1703 zu ihrem 
Teil zu der heutigen Sonderſtellung Ulſters bei= 
getragen. 
Der deutſche Wald in der 6veſetzgebung 
Da die Bodenreform fordert, daß der Boden 
unter ein Recht geſtellt werde, das jeinen Ge= 
brauch fördert und Mißbrau<h mit ihm verhütet, 
ſo gehört au< das Neht de38 Waldes zur 
Bodenreform. Eine Zuſammenfaſſung der Ge= 
ſeze, die zur Sicherung des re<ten Gebrauchs 
de8 deutſchen Waldes ſeit 1933 ergangen ſind, 
finden wir in der „Bau-Rundſ<hau“, Heft 8 
vom 25. 8. 1939: | 
Der deutſche Wald war im vorigen Jahrhundert 
meiſtenteils eine Privatangelegenheit ſeines Be= 
ſißers. Dieſer konnte pflanzen und einſchlagen, 
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