Full text: Bodenreform - 52.1941 (52)

Der Fluch 
Vor etwa zehn Jahren erſ<hien auf der Bölker= 
bundS8verſammlung in Genf ein Indianer. Cin 
wirklicher Indianer im farbigen Shmuc der Adler- 
federn. Ult, mit lederigem, bronzenem Geſicht, 
Dod) j<lank und ho<hgewachſen. Ein König von 
einem Indianer. Und ein wirklicher König. DeS= 
kaheh, der Sachem der ſeH38 Nationen in Kanada. 
Er hat einen Reht3handel mit der kanadiſ<en 
Regierung, den will er vor das Forum der Welt 
- bringen, da man ihm in Ottawa ſein Ret 
verweigert. Und er iſt im Re<ht. Er hat 
einen alten „Wampun“ mitgebracht, ein zerknit= 
tertes und vergilbte Pergament mit ſchweren 
Siegeln an goldſtrozendem Band. ES iſt wirklich 
alt, dieſes Dokument. 140 Jahre alt. Do eS8 trägt 
die Unterſhrift des Königs von Britannien und 
die Gegenzeihnung des Vizekönigs Lord Corn= 
wallis und e3 „gilt für alle Zeit“! So bezeugt e3 
Seine britanniſHhe Majeſtät und verſpricht „bei 
unſerer königliHen Ehre“, daß für alle Zeiten die 
Ländereien am Huronſee den ſeF<3 Nationen ge= 
hören ſollen, die im Austauſ< ihre fruchtbaren 
Weiden an der atlantiſchen Küſte den Bleichgeſich- 
tern in Ottawa abtreten. Und nun, in dieſer ver= 
fluc<ten Zeit hat irgendein ſitßiger Geologe, dem 
jür alle Zeiten die ewigen Jagdgründe verſchlojjen 
bleiben mögen, Ölvorfommen am Huronſee geſun= 
den. Und die Regierung zu Ottawa hat kurzer= 
hand da3 ganze Gebiet der ſe<s Nationen expro= 
priiert und der König DeSkaheh ſoll mit jeinem 
Volke weſtwärt8 wandern in Urwald und Steppe 
vder vor die Hunde gehen. | 
Do<H DeSkaheh hat ſeltſame Kunde vernommen. 
Daß es über dem großen Waſſer, in einem fernen 
Lande, an einem blauen See, in dem ſich der ewige 
Schnee hoher Berge ſpiegelt, ſo etwas gibt wie ein 
Weltgericht. Daß da die Beſten der Beſten aller 
Bölker zuſammenkommen, um Streit zu ſ<lichten 
und Ret zu ſprechen, und daß auh der Shwache 
Hilfe findet und der Starke ſiH< dem weiſen Spruch 
der Geredchtigfeit beugen muß. So pakt denn der 
alte König ſeinen vergilbten „Wampun“ ſorgfältig 
in ſeine Büffelfelltaſche und macht ſich auf die weite 
und beſ<Hwerliche Reiſe, und nun iſt er da. Stolz 
ignoriert er das Kichern und Gelächter dieſer GipS- 
köpfe über ſeinen AdlerfedernſHmuFX, denn wie 
können dieſe ſHwarz3=-weißen Kleiderpuppen wijjen, 
daß ein ſ<Hräger Einſ<hnitt den Kampf mit dem 
Adler aus den Kordilleren bedeutet, und der ge= 
rade Einſchnitt die Erlegung des rieſigen Grizzly- 
bären nur mit dem Dol<h, und zwei Einſchnitte den 
Kampf mit dem ſ<Hwarzen Panther? Irgendeinem 
Sekretär bringt er ſein Anliegen vor und diejer 
verſpricht, e8 einem andern Sekretär zu jagen, 
und Des38kaheh möge warten. Zwar komme 
ſein Begehr gar unerwartet, die Herren ſeien auf 
zwei, drei Seſſionen zum voraus mit wichtigen Ge= 
ſ<äften überlaſtet, aber man werde ſehen, was ſich 
tun ließe. Und der alte König wartet viele Tage 
und Nächte, bis ihm der Beſcheid wird, ſeine Sache 
könne nur vor den Rat gebracht werden, wenn ſich 
irgendein Witglied ihrer annehme, denn die jechs 
Nationen ſeien ja kein rechtlich anerkannter Staat. 
Da3 alte Dokument ſei ja ganz intereſſant, ſchon 
wegen der Unterſchriften und der Siegel, und ob 
er e8 wohl verkaufen würde? Deskaheh wendet 
ſich nun an viele Delegationen, ſich ſeiner gerechten 
Sache anzunehmen, an die franzöſiſc<e, die ſ<we- 
diſche, die öſterreichiſche, die |Hweizeriſc<he.. Gar höf= 
lig und wortreich reden die FräFe um den Kern 
der Sache herum und haben viele Wenn und Aber 
und „gewiſſermaßen“, wo er doc nichts will als 
3 
ſein verbrieftes Reht. Und keiner - - wirklich keiner 
nimmt ſich der Sache an; die Seſſion geht zu Ende. 
Da gibt es eine kleine Senſation. DeSkaheh ſteht 
mitten in der Antihambre und rings um ihn gar 
viele Diplomaten. Ho<H auſgerichtet zeigt er ſein 
Dokument im Kreiſe, mit den Siegeln der britans= 
niſmen Majeſtät und der Unterſchrift des König8 
und de3 Lord Cornwallis. Und erhebt feierlichen 
Proteſt wider dieſe Geſellſhaft, die den Bölkern 
Redht vorgaukelt und „viele Zungen hat der Lüge“. 
Und geht ſtolzen Schrittes hinaus, nicht ahtend 
der höhniſ<=-mitleidigen Blife um ihn und hinter 
ihm, und geht hinunter an den ſpiegelblanken See. 
Hier ſpricht er ſeinen Flu< über das große Haus 
im großen Park, und daß dieſe doppelzüngigen 
Lügner und Gaukler in das Nichts zurüsgeſchleu= 
dert werden mögen. Dann kehrt er zurüFf nach 
Kanada und ſtirbt aus Gram und Kummer um 
jein Bolk im gleichen Jahr. 
Knappe zehn Jahre ſind eS her, ſeitdem diej)e Ge=- 
ſchichte ſiH zutrug. Und heute? Verlaſſen ſteht der 
weiße Palaſt am blauen See, und der Gericht5voll= 
zieher geht dur< die hohen, weiten Hallen. Ber= 
ſHwunden ſind viele der Staaten, deren blaſierte 
Frä&e höhniſH& lädcelten über wohlerworbenes 
Ret eine38 armen Indianer38. Wie bald aber und 
wic ſchre>li<g hat der Fluh des alten Mannes vom 
Huronſee gewirkt! 
Dieſe Geſchichte -- Se non e vero, e molto ben 
irovato -- hat ein Shweizer Leſer der Sparer=- 
zeitung „Selbſthilfe“ in Stuttgart erzählt, die 
daraus eine Nußanwendung auf den Fluch der 
Sparer gegen den EStaat der Inflation zieht. Un= 
mittelbar aber bekräftigt der Fluh de35 alten 
Indianerhäuptlings die Bodenreformwahrheit: 
Dem Volke den heimatlihen Boden entziehen, iſt 
das ſHlimmſte Unreht, das ihm angetan werden 
ann. 
Förderung von Arbeiterwohnſtätten 
Der Runderlaß des Reichsfinanzminiſters zur 
Verordnung Über die Förderung von Arbeiter- 
wohnſtätten vom 1.4.1937, der in Bd. 33, S. 98, 
des „Jahrbuchs der Bodenreform“ abgedruct iſt, 
hat unter dem 1.8.1940 eine neue Fajjung er 
halten (RStBl. Nr. 73, S. 769). Die Neufajjung 
bringt keine ſa<hlichen Ünderungen, ſondern paßt 
nur den Wortlaut an einige inzwiſchen ergangene 
Redht3vorſhriften an und beſeitigt einige Zweifel, 
die ſi wohl in der Praxis ergeben haben. 
Die Förderung beſteht gemäß 8 29 des Grund= 
ſteuergeſeßze3 darin, daß für Mietwohnungen und 
Eigenheime, die den Vorausſezungen von „Arbei= 
terwohnſtätten“ entſprehen, das Reich 20 Jahre 
lang die Grundſteuer an die Gemeinde zahlt, ſo 
daß die WohnungsSinhaber ſteuerfrei bleiben. Die 
Geltung3dauer beſhränkt ſiHh auf Wohnſtätten, 
die bis zum 31. 3. 1942 bezugsfertig werden. Bei 
geſhloſſenen Bauvorhaben iſt der Tag der Fertig 
ſtellung der einzelnen Wohnung maßgebend; wird 
der Antrag niht binnen 2 Jahren geſtellt, jo wird 
keine Beihilfe gewährt. 
Nur Neubauten werden geförderi, niht auch 
Wohnungen, die durh Anbau, AuſſtoFung, Tei- 
lung oder Umbau gewonnen ſind. Al3 Bewohner 
fommen nicht nur „Arbeiter“ im engeren Sinne, 
ſondern auh andere Familien in ähnlicher wirt= 
ſHaftliher Lage in Betracht, wie Kleingewerbe=- 
treibende, Angeſtellte, Beamte mit geringem Cin-- 
kommen, Sozialrentner u. dgl. Von der Feſtlegung 
einer beſtimmten EinkommenSgrenze iſt abgeſehen 
worden; e38 ſoll hinſichtlich des Perſonenbereichs 
nicht kleinlich verfahren werden. 
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