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jährlich von den Derlegern,
durH die Poſt (Lite Ur. 3188).
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Verlag:
Schröder & Jeve in Hamburg 1,
Ul. Reichenſtraße 9/11, Fernſpr. 1, 639.
Ein? Wochenſchrift für pädagogiſche Theorie,
Kunſt und Erfahrung.
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Paul Günther in Hamburg 21, Badſtraße 317.
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Die „Hamburgiſche Schulzeitung“ erſcheint jeden Sonnabend im Umfange von a<ht Seiten Großquartformat.
Buchſendungen wolle man an Herrn Rektor Martens, Hamburg 5, Baumeiſterſtraße 8, Beiträge, Zeitſchriften und
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19. Jahrgang.
Sonnabend, den 4. März 1911.
Ür. 9.
Inhalt: Die „neue“ Ethik und die Pädagogik. -- Robert Rißmann.
-=-- Aus Hamburg. -- Pädagogiſche Rundſc<au. -- Vom Büder-
markt. -- VereinZSanzeiger. -- Familiennachrichten.
Die „neue“ Ethik und die Pädagogik.
Von H. Heinrich.
(Fortſezung.)
Der individualiſtiſche Zug, von welchem wir bisher
ſprachen, hängt nun eng zuſammen mit einer zweiten Tendenz,
die ebenfals für die neue Ethik <arakteriſtiſch iſt: dem
nodernen Äſthetiziömus! Denn wer vom Jndividuum aus
das Leben geſtalten will, der wird gar leicht in Gefahr
kommen, ſchließlich vor einer furchtbar gähnenden inneren
Leere zu ſtehen. Das hat ſelbſt ein jo reicher Geiſt wie
Niebſche erfahren müſſen:
„und jüngſt noc: 19 ſtolz
Auf allen Stelzen Deines Stolzes!
Jüngſt noch der Einſiedler ohne Gott,
Der Zweiſiedler mit dem Teufel,
Der ſc<arlachne Prinz jedes Uebermuts! . .
Jett --
Zwiſchen zwei Nichtſe
eingekrümmt,
ein Fragezeichen,
ein müdes Rätſel!
ein Rätſel für Raubvögel .
Um jſolc<er Leere zu entgehen oder ihr vorzubeugen, muß
ſich der JIndividualiſt irgend einer geiſtigen Arbeit zuwenden;
und in dem Zuſammenbruch aller ſozialen und kosmiſchen
Werte, wird er ſich hingezogen fühlen zu jener Betätigung,
die der Kategorie des Zwe>es8 am fernſten zu ſtehen |heint:
der künſtleriſchen. Und um ausdrüslich zu zeigen, daß man
auch im Kunſtgenuß einen das Leben zufammenhaltenden
Zwed ablehnt, bringt man das Schlagwort auf: „l'art pour
l'art, die Kunſt für die Kunſt“!
Um aber jedes Mißverſtändnis auszuſchließen, will ich
hier gleiß es deutlich ausſprehen: Dieſer Äſthetizismus
iſt nicht gleichbedeutend mit Freude und begeiſterter Hingabe
an die Kunſt und ihre Schöpfungen; man kann ein auf-
richtiger Freund ſein aller Beſtrebungen, die darauf zielen,
mehr Kunſt in unſer Leben, auch in das Leben des Kindes
zu bringen, man kann mit OD. Ludwig der Kunſt die be-
deutungsvolle Aufgabe zuweiſen, aus den zerſtükelten Menſchen
der Gegenwart wieder ganze Menſchen zu machen, und kann
doch den eigentlichen AeſthetiziSmus |<arf bekämpfen. Ja,
es iſt noh jehr die Frage, ob es überhaupt jemals einen
wirklich großen Künjtler erjten Ranges gegeben hat, der in
dem hier gemeinten Sinne Äſthet geweſen iſt.
Von Äſthetiziäömus wird man nur da ſprechen, wo der
Kunſt die alleinige Führung des Lebens zugewieſen iſt,
wo man von ihr aus allein dem Leben Bedeutung und
Inhalt zu geben verju<ht. E38 ijt eben unmöglich, eine
Seite des geiſtigen Ledens zu einer allbeherr]c<enden zu
machen: immer noch hat ſich gezeigt, daß jolcher Verjuch zu
einer Verfümmerung und Verflachung des Lebens führt.
Insbeſondere liegt da, wo allein von der Kunſt aus das
Leben geſtaltet wird, die Gefahr nahe, daß der ſittliche Ernſt
verloren geht, daß der harte Gegenjaß von „Gut und Böſe“
zurükgedrängt wird dur< den anderen von „Schön und
Häßlich“, „Künſtleriſ; und Unkünſtleriſc<“.
Dieter moderne Aſthetizismus tritt un3 z. B. deutlich
in O. Wilde entgegen. In ſfemem im Kerker geſchriebenen
„De profundis“ [lejen wir: „Die Kunſt behandelte ich als
die oberſte Wirklichkeit; das Leben nur als einen Zweig der
Dichtung. = I< ließ mich von dem bleibenden Zauber
eines ſinnlofen, ſinnlihen Wohlbehagens verlo>Xen. --- IH
ward zum Verſchwender meines eigenen Genies und fand
jeltjames Wohlbehagen daran, eine ewige Jugend zu ver-
geuden. JO war es müde geworden, auf den Höben zu
wandeln, -- da ſtieg ich aus freien Stü>en in die Tiefen
binab und fahndete nach neuen Reizen. Was mir das
Paradoxe in der Sphäre de3 Denkens war, wurde mir das
Perverſe im Bereich der Leidenſchaft. Die Begierde war
Ichließlich eine Krankheit oder Wabnſjinn oder beide3z. Das
Yeben anderer galt mir ni<t8 mehr. Z<h vefriedigte meine
Luſt, wann es mir beliebte, und ſchritt fürbaß. -- IJ ver-
lor die Herrſchaft über mich ſelbſt. Ich war nicht mehr der
Steuermann meiner Seele und wußte e3 nicht. I< ließ
mich vom Vergnügen ins vod zwingen.“
In diejen Worten Wülde's haben wir das moderne
Äſthetentum in ſeiner Eigenart treffend gezeichnet!
Wahrlich, man verſteht es, wenn ein 1o ernſt denkender
Mann wie R. Euden ijic<h darüber entrüſtet, daß dieſer
AſtbetiziSmus, der doch nichts ſei als ein feinerer Epiku-
reiSmus, als ein Selbſtgenuß de8 Individuums, das ich
von aller Hemmung befreit, überhaupt von „neuer Ethik“
redet. Jedenfalls, ſo meint EuFen, hätten die alten Epi-
kureer präzijer als die modernen gedacht, ſie hätten ſich nicht
als Vertreter einer neuen Ethik gegeben. --
Wie ganz anders ſtellt ſick do< das Wirken eines
großen Künſtlers dar! Auch dieſer wird gewiß nicht die
Kunſt zur Magd des Moraliſc<en machen -- eine banauſjen-
hafte Forderung, die wenigſtens z. T. den modernen Kampf
gegen die Jog. Tendenzliteratur begreiflih macht ==; wohl
aber wird er als Perſönlichkeit ſich als Mitarbeiter an