Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

. 8 Sn ' NE Der Volksſchullehrer. 
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natürlich von dem Rektor in Empfang zu nehmen und 
weiterzureichen iſt. =“ 
So iſt das Rektorat unter den Händen der modernen 
Kreisſchulinſpektoren und Sculräte: zu einem eten Fatto- 
tum geworden, ohne das nichts geſchieht, das alle3 vermittelt, 
durch das der höhere Vorgeſetzte zu den Untergebenen redet 
wie. einſt der Herx durch den Mund des Moſes und Aron 
zu ſeinem Volke. Kein Wunder, daß man dem Miniſter 
nur über günftige Erfahrungen zu berichten weiß, die mit 
dem Rektorat gemacht worden ſeien, und daß alles, was er 
hört, „gut lautet“. 
- Aber es gibt: auch Stimmen, die leider niht zu den 
Ohren -Des „Miniſters- zu dringen ſ<Heinen, Stimmen, die 
eigentlich allein in der Lage und darum au< berechtigt ſind, 
über. die Inſtitution des Rektorats aus ver Erfahrung 
unid Praxi8 des Schullebens und der Schularbeit heraus 
ein ſachliches und zutreffendes Urteil abzugeben: es ſind 
die Lehrer. E8 ſind nicht diejenigen Lehrer, die gleich 
von Anfang an der Führung eines Rektors unterſtanden 
und an die pädagogiſche Unfreiheit gewöhnt ſind, wie der 
- Kanarienvogel an den Käfig. Es ſind vielmehr die älteren 
“ Lehrer, die noch unter anderen Verhältniſſen ihre pädagogi- 
ſchen Lehr- und Wanderjahre dur<macdchten und troß mißr- 
licher äußerer Lage in Freude und Begeiſterung ihres Amtes 
walteten, um dann im reiferen Alter ihren Nacken unter das 
Joch: des Rektorats zu beugen. ES ſind jene Lehrer, die in 
einfachen Sc<ulverhältniſſen auf dem Lande, von ihrem 
Ortsſchulinſpektor nicht beläſtigt, ſelbſtändig“ denkend und 
ſchaffend - fim“ 'die pädagogiſchen Sporen verdienten, um 
dann, von der ſcheinbar beſſeren Beſoldung in den Städten 
gelodt, wie ein Unmündiger ans Gängelband genommen 
und bis ans ſelige Ende geführt zu werden. Wie kalt und 
ſ<wer legte ſic die im Rektorat verkörperte Hand der 
Bureaukratie auf ſie, wie jäh und ſtark war die Enttäuſc<ung 
und Ernüchterung, wie lang und ſc<merzlih der Kampf, 
bis e38 allmählich gelang, ſich mit den neuen Berhältniſſen 
abzufinden und mit Reſignation die Rolle des pädagogiſchen 
Haändlangers zU ſpielen! Was dieſe Lehrer zu ſagen haben, 
das ſoll in den folgenden Zeilen zum Ausdruck kommen. Gs 
ſoll dabei abgeſehen werden von den Auswüchſen mehr indivi- 
dueller Natur, . die ihren Grund in der beſondern Art und 
Weiſe haben, wie diejer oder jener Schulleiter ſein Amt 
auffaßt und ausübt; wir wollen nur das behandeln, was 
aus dem Weſen des Rektorats mit einer gewiſſen Notwendig 
keit ſic) ergibt oder als Begleiterſcheinung einen mehr oder 
weniger allgemeinen Charakter angenommen hat. 
Beginnen wir mit einer Prüfung der Aufgaben, die dem 
Rektorat geſtellt werden, und der „Vorteile“, die mit ihm 
verknüpft ſein ſollen. Da wird zunächſt betont, das Rektorat 
ſei notwendig zur Erhaltung der äußeren Ordnung im Ge- 
triebe eines mehrklaſſigen Schuljyſtems, und zur Begründung 
weiſt man wohl darauf hin, daß man es mit dieſen Dingen 
in der „guten alten Zeit“ nicht allzu genau genommen, daß unter 
einer gewiſſen Läxheit auf dieſem Gebiete der „Schulbetrieb“ . 
nicht ſelten gelitten habe. Es gilt alſo von dem Niektorat, 
was Kellner von der Kreisſc<hulinſpeltion im Hauptämte 
ſagt : „Man hat durch das neue Inſtitut eine größere Ein- 
heit in das geſamte Volksſchulweſen bringen wollen, und 
eine gewiſſe: Einheit, welche ic< faſt als militäriſc<e be- 
zeihnen möchte, iſt allerdings dadurc< erzielt worden und 
die Uhr zu ihrem Rechte gelangt.“ Nur daß das Rektorat 
das. von den Kreisſchulinſpektoren und Sc<hulräten Verlangte 
und Vorgemachte- auf die Spiße treibt und zur Karikatur 
verzerrt, Wo der Freisſchulinſpektor mit Metern und 
Zentimetern, mißt, da mißt der Rektor mit Millimetern ; 
wo .der Kreisſchulinſpektor mit Stunden und Minuten rech- 
net, da rechnet der Rektor mit Sekunden ; es iſt eine wahre 
Gymnaſtik ſchulmeiſterlicher Pedanterie und Silbenſtecherei. 
Das Leitmotiv der ganzen Aufſichtführung iſt das Mißtrauen, 
das überall Unordnung, Untätigkeit und Böſes wittert. 
Ein Polizeigeiſt iſt zur Herrſ<aſt gelangt, der ganz im ge- 
 
dem Reiche der übrigen völlig. herausgehoben iſt. 
tung der Ordnung genügt ein Schulleiter, der der erſte 
-jehönheit iſt ein weiter Weg, 
 
Heimen beobachten, ſpionieren und kontrollieren und.bald dur< 
„zufällige38“ Erſcheinen, bald durch Ueberraſchung etwaigen 
Uebeltaten auf die Spur kommen will, nicht ſelten ſich jogar 
der Kinder als Detektive bedient. Es kommen da in der 
Tat Dinge vor, die einen glauben machen könnten, die 
„konzentrierte Einſiht und Erfahrung“ habe den Saß 
eines Pädagogen, „der Lehrer ſolle ein Kind unter Kindern 
fein“, dahin verkehrt : man ſolle unter Kindern kindiſ< 
fein. Und wie oft ſpielen ſic Auseinanderſezungen und 
Szenen, die ins Gebiet dieſer Schulpolizei gehören, vor den 
Augen oder inmitten der Kinder ab! Welcher Segen für 
„die Autorität der Lehrer und deren geſamtes erzieheriſc<es 
Wirken! Daß da, wo ein ſolcher Geiſt ſig breit macht, 
das Weſen der Schularbeit durch öden Formalismus in 
den Hintergrund gedrängt und die Luſt zu friſchem, fröhlicem 
Schaffen erſtickt wird, iſt ganz unausbleiblih. WDo<h da 
das Paragraphentum die Hauptſache iſt, ſo funktioniert 
alles tadellos, und die Schule „löſt ihre Aufgaben vortrefſ- 
lich“. 
- ZJemehr das Rettorat „gehoben“ und mit „Befugniſſen“ 
ausgeſtattet wird, umſo üppiger gedeiht der Weizen der 
Schulpolizei, und wenn erſt die von den Rektoren erſtrebte 
Disziplinargewalt käme, würde es auf „dieſem Gebiete gar 
nicht mehr zum AuShalten ſein. Nun iſt ja daran feſtzu- 
halten, daß „Ordnung ſein muß“, beſonders in der Schule, 
wo eine feſtgefügte und. von allen reſpektierte. Ordnung ein 
nicht zu unterſchäzendes Erziehungsmittel iſt. Es iſt auch 
klar, daß einer, der Schulleiter nämlich, da ſein muß, um 
für pünktlichen S<hulanfang und Sulf <luß, für ordentliches 
Verhalten der Kinder auf den Höfen, Treppen und Korridoren, 
für ordnungs8mäßige Führung der Schulakten, für Bewahrung 
der gemeinſam zu gebrauchenden Lehr- und Lernmittel, für die 
Uebermittelung behördlicher Anordnungen und dergleichen 
Dinge zu ſorgen. Aber dazu bedarf es keines Borgeſeßten 
und „Sculaufſicht8beamten", der amtlich und finanziell aus 
Zur Erhal- 
unter Gleichen und nicht gehalten iſt, ſeine „Befähigung“ 
für die Erfüllung der betreffenden Obliegenheiten erſt in 
„höheren“ Prüfungen nachzuweiſen. (Fortſ. folgt.) 
 
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Über Perſönlichkeit, Autorität und Kollegialität des Lehrers. 
Die Achſe ailes Schulbetriebes iſt die Perfönlti 3 = 
keit am Kathedex. Die Perſönlichkeit! Nicht der 
Lehrer ſc<hlec<thin, nicht ſein formales Kennen und prak- 
tiſ<es Können, nicht Methode und Lehrplan. Solange 
unſre Schule fein einſeitiges Bildungsinſtitut iſt, ſon-= 
dern Lehyrx= unv Crzichungsſtätte zügleich, ſolange fie den 
Meuſchen in ſeinem Werdeprozeſſe, den Unmündigen, zur 
Obhut hat, ſviange liegt der Schwerpunkt des Geſamter- 
folges in dem Begriffe Perſönlichkeit, 
Was ijt Perſönl? <feit? Die juriſtiſche uns vie pſycho- 
logiſche Formel dafiir ſei hier ausgeſchieden; meſſen wir 
den Begriff am den allgemeinen ethiſch=-moraliſchen Wer- 
ten. WX*c vie lyſen, elementaren Subſtanzeit des toten 
Mineral3 iur Sammelprozeſſe zum Kryſtalle reifen, 1o 
ordnen ſicß im geiſtigen Werden die Erfahrungen zu Ex» 
kenntniſſen; die Erkenntniſſe bauen fich aus zu Maxi- 
men, und Sieſe bilden und formen die Perſönlichkeit. 
Bom 1vhen Quaderblof zur wobhlgeſtalteteu Tempel 
und von der erkfenntnis- 
ſceren tabula rasa des Weltneulkings zum fertigen Ge- 
präge der Perſönlichkeit eine ſteile Bahn. Und doch muß 
die Huöh' erſtiegen werden, ſoll ſich die Bruſt einmal in 
ſtolzer Bergesſreibeit baden, 
Ohne Sänten keinen Tempel, ohne Grundſätze keine 
Borſönlics Feit. Feſtgeſv>elt in dem Felſengrund des er= 
kannten Wahren und Edlen, ſtahlgehärtet in dem Flam-
	        

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