Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

9 . Der Bolksſ<nliehrer. Nn . PNr.i1 
Augenblicken ſeine Antorität flöten geht. Hat der Lehrer einige Jahre 
in einem Orte gewirkt, dann beſit er in ſeinen früheren Schülern eine 
Kerntruppe, mit der er ſchon etwas wagen kann. E8 iſt alſo grund- 
verfehrt, gerade die jüngſten Kollegen zur Jugendpflege zu zwingen. 
Ander5 iſt es, wo in größeren Orten dem jungen Lehrer ein älterer zur 
Seite ſteht. 
Sache ſtellen. 
Töricht iſt es, mit der Jugendpflege zu beginnen, wenn man den 
fan vorausfieht. Was ſoll aber einer mit 4-5 Männc<en an- 
angen “ 
nicht gelten laſſen, . 
' Nod) ſchlimmer aber iſt, daß man Lehrer zu einer beſtimmten 
Richtung in der Jugendyflege zwingen will. Da las ich das 
Schreiben eines Bürgermeiſier3 von der Saar an einen Lehrer, das 
folgenden Juhalt hatte: „E35 muß anerkannt werden, daß der Verein 
Jung-Deutſchland auch die ſittliche Bildung der Jugend erſtrebt. Er 
verdient alſo Förderung. Sie wollen mir bis -- berichten, ob in Jhrem 
Orte ein ſolcher Verein gegründet werden kann und wenn nicht, aus 
welchen Gründen.“ Nun beſteht aber in dieſem kleinen Orte ſchon ein 
Verein. Wozu ein zweiter? Eine ſolche Art richtet ſich von ſelbſt. 
Wie wird unſere Arbeit auf dieſem“"Gebiete bewertet ? Soviel man 
erfahren konnte, gehören im Kreiſe dann zu dem Krei8-Ausſchuß für 
Jugendpflege etwa 25 Perſonen, darunter ganze drei Lehrer und mtr 
ſämtliche 6 Bürgermeiſter. Damit die Bürgermeiſter in ihrem Einfluß 
nicht zu furz kommen, wurden die drei Lehrer noch auf ihren Vorſchlag 
ernannt. 
Art Penſenverteilung für die Jugendpflege. 
und Tagebuch. 
Jedenfalls müſſen wir gegen dieſen Zwang ganz eutſchiedenen Ein- 
ſpruch erheben. 
Wiſtbada (mhd.): „Die Scene ward zum Tribunal.“ 
Aus einer ehrenwerten mittelalterlichen Innung ſei des hiſtoriſchen 
Intereſſes halber folgendes geplaudert. 
Fehlen noch Stundenplan 
gedanfken- und willenlos ihrem Diviſionär folgend, mit müdem Schritt 
auf ſandigem Boden dahin, bis ein Schuß ſie aus ihrem Traumleben 
aufwe>t zum Kampf: Karren nac< außen! Dieſe Aermſten waren 
mir ſc<on länger das EGymbol der Glieder jener Korporation, da 
ſie mit hö<ſter Geduld und Reſignation ihren autoritativen Führern 
folgen, bis auch ſie aus ſ<laftrunkenem Zuſtand aufgeſchrec>t werden 
ſollten: aber Karren na<h innen! Freiheit und Atem der Per- 
ſönlichkeit! Freiheit und Atem dem Zunft- und Berufsleben! ſo 
erſcholl es als Weckruf zum Kampf. Der Kampf der autoritativen 
Führer'an der Tete ſowohl, wie der in Reih 
und ihrer no< gefährlicheren Helferöhelfer begann und ſette ſich fort, 
bis die Schwäche der Situation auf ihrer Seite fie zu einem gericht- 
lichen Gewaltakt verſührte. Schon die Vorunterſuchung ergab bei der 
Zunftjury einwandfrei die Schuldfrage, und man erkannte ſchon hier 
auf Ausſchluß ſtarker, freimütiger, ſelbſtändiger Perſönlichkeiten aus 
der Körperſ<aft. Der Gericht3hof ließ die Vorladungen zum Termin 
ergehen ; es ſtellten ſi9 alle ein, die mich erinnern an Jſegrim und 
Lampe, an Henning, den Hahn und das Hündc<en Wacerlos, alle 
erſchienen, die Heldenhaften und Furchtſamen am Richterſtuhle 
Nobels, des Königs. Dod) ob de3 gewaltſamen Vorhabens8 „ſtanden 
Die Freunde betroffen und waren ſc<merzlich bekümmert“, und die 
hohe Jury hätte verdrießlich ein Fiasko erleben müſſen bei der 
Hauptverhandlung, wenn nicht die eminent taktiſche Geſchi>lichkeit 
des Staat3anwalts Müller einen zeitlichen Ausſchluß von ſech3 
mal dreißig Tagen beantragt hätte. Do ſiehe, Grimbart mit vielen 
aus ſeinem Geſippe „trauerten mehr, als man dachte“, und ihre 
Zahl war 66, zwölf zu wenig, um die Freunde zu retten. Jſegrim, 
der die Klage begann, das Hünd<en Wacerlos, welc<hes franzöſiſch 
redete, Henning, der Hahn mit höchſtbetrübter Gebärde, hatten zu 
überzeugend geklagt, als daß der hohe Gericht8hof hätte anders 
als oben geſagt „erkennen“ können; nur ein Spottvogel wollte auf 
„ToDeSſtrafs“ erkannt haben aus Entgegenkommen zu einem ganz 
Reaktionären, dem Geheimkanzliſten Nobel8, des Königs. Die Ge- 
ächteten ziehen nun hinaus auf Monate, um nachzudenken über die 
Fühigkeiten ihrer Richter, auch über Ideen und Taten, die ein 
erbittertes Tribunal verſöhnen könnten. Grabesruhe dort, wo 
Herrenmenſden ſc<alten ; die Zirkel geiſtreicher „Mathematiker“ 
nicht ſtören ; der Eitelkeit und Ghrjucht kleiner Leute, die der Bildung 
Gabe mit dem Herzen zahlten, aber an den Tiſchen und in den 
Sdulen, wie der Pſalmiſt ſie ſchon zeichnete, obenan zu ſitzen begehren, 
möglichſt deutlich ſ<meideln; medaniſ< in ſeinen Pflichten- 
kreis wirken und willenlos jederzeit Gehorſam üben, ſolchen, die um 
Zwirnesbreite höher rückten: das wären Gedanken und Taten, welche 
zünftigen und beruflichen Frieden, Lob und Ehre von „Oben“ bringen 
und dem Zorn der ſtrengſten Jurisdiktion entrücken könnten. 
- König Nobel mit ſeinen „Baronen“ wird nun auf ſec<h3 Monate 
ſein ſ<waches Königreich weiter regieren ; daß geſtatten die perſön- 
liche wie die BVereinSsehre, ſelbſt na<dem eine ſtattliche Minorität 
dem Antrag auf zeitlichen Ausſc<luß s. H. zugeſtimmt hat. 
Aus den Unalen einer Chronik des 16. Jahrhunderts. 
Elberfeld. Da die Zeit erfüllet war--. Der Elberfelder 
Lehrerverein und Lehrerinnenverein überreichten der ſtädtiſchen Vex- 
waltung und den Stadtverordneten vor mehr als Jahresfriſt ein Ge- 
- 
juch, in dem ſie um Erhöhung und beſſere Steigeſäßte der Ortszulagen 
Da kann er ſchon eher die Kräfte in den Dienſt der guten 
De3halb kann man die Antwort: „Sie müſſens verſuchen“, 
Ciner dieſer Bürgermeiſter wünſchte von den Lehrern eine. 
In Gottfr. Kellers „Sc<laf2= 
wandel“ ziehen die Fremdenlegionäre, ſtumm vor ſich hinbrütend, 
und Glied verſteckten“ 
Dpfernden Schularbeit die lezte Ort3zulage. 
 
baten. Gleichzeitig wieſen ſie nach, daß ſich in der Zeit von 1897-- 1909 
(die letzten „Jahre der teuern Zeit“ ſind alſo gar nicht berücſichtigt) 
die Geſamtaufwendungen für den Lebensunterhalt troß beſcheidener 
Anſprüche um 25 bi3 33/0 geſtiegen ſind, während die Aufbeſſerung 
Des BSehaltes in genannter Zeit nur 13%/0o beträgt. Daraus geht 
hervor, daß das Ginkommen relativ geringer geworden iſt. Jn den 
diesjährigen Etat hat die Berwaltung 30 000 Mk. für die Veränderung 
der Ortszulagen der ſeminariſc< gebildeten Lehrer eingeſezt. Dieſe 
Summe bedeutet für etwa 600 in Betracht kommende Lehrkräfte ſehr 
wenig. Die letzte Stadtverordneten-Verſammlung hat nun endlich 
eine Grhöhung der Ort8zulagen beſchloſſen. = 
Es erhalten hiernach an Ortszulagen : 
die Lehrer: | 
vom 1,-- 4. Dienſtjahre 50 Mk., biSher 50 Mk. 
150 . 
(2 9. 4 „ „ H I „ 
„ 8-10. „ W. , 1380, 
„ 11-13. „30, „ 2530 „ 
„14-16. . 380 „ "“, 250 „ 
„ 17.19. ' 40 „, , 30, 
„20.22. 40, . 30, 
„ 23.25. 40, 3560, 
„ 2.28. “50, 40, 
„ p22-3. ,; 5350, , 40, 
über 31 600 „ „,, 400 „ 
' 
dik Lehrerinnen: 
vom 5.=- 7. Dienſtjahre 50 Mk., bisher 50 Mk. 
„ 8-10. , 10 „ „, 100, 
„ 41.--12. „ 1509 , „ 100 „, 
„ 13. „ 10 „, „ 150 „ 
, 14.--16. 7 200 it 11 150 1, 
„ 17.--19. „ 20 „, „ 150, 
„20.--22, „ 20 „, „ 150 „ 
„ 23.--25. „ 20 „, „ 150 , 
„ 26.-28. „ 20 „ „ 150 „ 
„ 29-31. ,, 200 „ " 150 „ 
über 31 „ 200 „ „ 130, 
Die geſamte finanzielle Mehrbelaſtung der Stadt dur dieſe 
Neuregelung der Ortszulagen beläuft ſi) auf 50200 Mk. Die Be- 
ſoldungöserhöhungen in den Jahren 1906/09 erforderten allein für 
Die Bolksſ<hule einen Mehrbedarf von 247060 Mk., ſs daß einſ<ließ- 
lic der heute beſchloſſenen Orts8zulageerhöhung ſeit 1906 für die 
Neuregelung des Dienſteinkommens8 der ſeminariſch gebildeten 
Lehrperſonen eine Summe von rund 300000 Mk. aufgewendet 
wrden oo oon ooo nr ar 
Die nach den vorgeſchlagenen neuen Skalen ſic< erzebenden Mehr- 
bezüge ſollen mit rückwirkender Kraft vom 1. Oktober 1912 ab zur 
Auszahlung gelangen. . 
Allgemein hatte man erwartet, daß die neue Skala vom 1. April 
d. J. ab Gültigkeit haben werde; die „rückwirkende Kraft vom 1. Okto- 
ber 1912 ab" hat ſehr enttäuſcht. | 
Alſo 600 Mk. na< 31 Dienſtjahren! 700 Mk. Ortszulagen 
wären nötig geweſen, um die Lehrerſchaft wirtſchaftlich wieder ſo zu 
ſtellen, wie ſie ums. Jahr 1900 ſtand. Für die jüngſten Lehrer iſt 
alles beim alten geblieben; erſt vom 8. Dienſtjahre ab erhalten ſie 
50 Mk. mehr als bisSher. Aber wenn die „Lehrperſonen“ im Dienſte 
grau geworden ſind, wenn bei vielen die Kinder „aus den Koſten 
heraus“ ſind, wenn viele faſt bis ins Grab hinein „geſpart“ und 
„geſonnen“ haben nah kärglichem Nebenverdienſt und zwax oft ver- 
gebens, dann wird ihnen als Anerkennung ihrer 31 jährigen auf- 
Die Lehrer in jüngern 
und mittleren Jahren kann dieſe Staffelung abſolut nicht befriedigen 
und arbeitsfreudig machen; darum muß es au< leider fürderhin 
heißen: Kämpfen und nicht verzweifeln ! 
Wir hoſfen und wünſchen, daß andere Gemeinden ſich bei ihren 
Gntſchließungen der höchſten Ortszulage mehr nähern und auh eine 
günſtigere Staffelung feſtſezen als Elberfeld. 
Düſſeldorf. „Wehobene Stellen" an den Volks- 
ſ<ulen?" Das die neueſte Idee, die dem Kopfe eine3 hieſigen 
Sculreformers entſprungen iſt. In Nr. 313, 1. Beilage des hieſigen 
„General-Anzeiger8" vom 11. Nov. macht er verſchiedene Wünſc<he 
betr. die „Entwidlung des Bolksſc<hulweſens" geltend und kommt da=- 
bei auf einen ſonderbaren Vorſ<lag zur Bekämpfung des ſtarken 
Lehrerwedchſel5 an den Volksichulen; er ſchreibt: 
„Gin weiterer bemerkenswerter Punkt für unſere ſtädtiſche Volk8- 
ſc<ule iſt 
Der ſtarke Lehrerwecjſel. 
Dieſer wird dadurd herbeigeführt, daß die an ihr beſchäftigten 
Lehrer durh4weg in die Vorſchullehrerſtellen oder in ſolche an Hilfs-, 
ortbildungs= und Mittelſchulen aufrüken. Man hat hier das 
Prinzip ſoweit getrieben, daß man die Lehrer, welche die Berechtigung 
zum Unterricht an Mittelſ<ulen erworben haben, zunächſt an die 
ſtädtiſchen Mittelſchulen beruft und ſie von hier aus wieder in Rek- 
torenſtellen an den Volksſchulen befördert. ES iſt ſelbſtverſrändlich, 
daß jedem Lehrer, der die Berechtigung für eine beſtimmte Lehr- 
kategorie hat, das Recht der freien Bewerbung bleiben muß. Das 
Grundübel aber liegt darin, daß an der Volksſchule ſelbſt nicht ähn-' 
liche Stellen geſchaffen ſind, die an ſich ebenfalls tüchtigen Lehrern 
ein erſtrebenswertes Ziel bieten. Die Volksſ<ulen bedürfen gerade
	        

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