Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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und ſchüchtern vor der Außenwelt. Er hatte de8halb wenig 
Berkehr mit. ſeinen Alter8genoſſen. 
beit fühlte er ſic ohnedies abgeſtoßen. Er bekennt, daß er 
den Unfeindungen und Necdereien ſeiner Mitſchüler am meiſten 
ausgeſeßt war, „teils weil ich ſie am empfindlichſten aufnahm, 
teils weil ſie bei meiner großen Argloſigkeit am beſten bei 
mir glüdten“"“. Doch hat Hebbel auc< ſpäter. die lauten 
Knabenſpiele mitgeſpielt und hat nach ſeinem eignen Zeug- 
niſſe bei den Raufereien der Buben ſeinen Mann geſtariden, 
und Hebbels Biograph, - ſein Landösmann Adolf Bartels, 
nimmt an, daß der junge Hebbel an Sommertagen mit 
andern Genoſſen auf die Dörfer gewandert iſt, wenn Ring- 
reiten, Laufbier und andere volkstümliche Feſte ſtattfanden 
Das innige Verhältnis der Niederſachſen zur Natur 
zeigte ſi; bei dem jungen Hebbel beſonders dur< ſeine 
Liebe zu den Tieren, die ihn auch ſein ganzes Leben nicht 
verließ. Hunde und Kazen ſpielen in ſeiner Jugend eine 
große Rolle, aber immer mit traurigem Ausgang, da der 
Bater auch hier ſeinem Intereſſe entgegentrat. Den Tieren 
erzählte er alles, was ihn bewegte. Sie konnten ihm, wenn 
ſie ihn auch nicht verſtanden, doc< nicht wehe tun, wie die 
Menſchen. In ſeinem Alter erinnert er ſi< no< lebhaft 
des Hofhundes, den der Vater, weil er ihn nic<t ernähren 
fonnte, verkaufte : 
„Schau ic< in die tieſſte Fexne 
meiner Kinderzeit hinab, 
ſteigt mit Vater und mit Mutter 
auch ein Hund au8 ſeinem Grab.“ 
Bi8 zu ſeinem vierzehnten Lebensjahre hat der Knabe 
keine Ahnung davon gehabt, daß er für die Poeſie beſtimmt 
war, In ſeinem ſpätern Alter erinnerte er ſich deutlich der 
Stunde, in der er die Poeſie in ihrem eigentümlichen Weſen 
und ihrer tiefſten Bedeutung zum erſten Male ahnte. „Ich 
mußte meiner Mutter immer au38 einem alten Andachtsbuch 
den Abendſegen vorleſen, der gewöhnlich mit einem geiſilichen 
Liede ſc<loß. Da las ic< eines Abend3 das Lied von Paul 
Gerhard, worin der ſchöne Ver3: „Die goldnen Sternlein 
prangen am blauen Himmels8ſaal"“ vorkam. Dies Lied, 
vorzüglich aber dieſer Vers ergriff mich gewaltig, ich wieder- 
holte es meiner Mutter in tiefſter Rührung gewiß zehnmal. 
Damals ſtand der Naturgeiſt mit der Wünſchelrute über 
Meiner jugendlichen Seele, die Metalladern |prangen, und fie 
erwachte wenigſtens aus einem Schlaf.“ 
Der Vater wollte Hebbel mit auf das Baugerüſt nehmen. 
Aus der Schule entlaſſen, hat der Junge wirkli<h mit zum 
Bau gemußt, iſt dort aber fortgejagt worden, weil mehr Kalk 
an ſeine Kleider als an die Steine kam. Kurze Zeit danach 
ſtarb der Vater, und das war, ſo unnatürlich es klingt, für 
Friedric8 Zukunft ein Segen. Solange dieſer Lebte, hatte 
der Knabe do< keine Ausſiht etwas ander8 als Maurer 
oder Landarbeiter zu werden. 
In der Literatur wird man nidt auf ein zweites Beiſpiel 
ſtoßen, das die niedrigſten und herabziehendſten Einflüſſe der 
Jugendzeit ſo ſiegreich überwunden hat. Andererſeits wird 
man auc< die Neuheit und Herbheit ſowohl im Charakter 
als in den Werken Hebbel3 verſtehen können. - Nur dem 
innern Drange folgend hat der Genius Hebbel fich aus der 
engen Umwelt, aus der bittern Not und dem harten Zwang 
ſeiner Jugendverhältniſſe entwickelt. Kämpfend hat er ſein 
hohes Biel erreicht. Doc< auc< ſein Leben iſt eine Tragödie 
geweſen. Al3 ihn die Nachricht traf, daß ſeine „Nibelungen“ 
den Schillerpreis erhalten hätten, lag er auf dem Sterbe- 
bette. Reſigniert ſagte er: „Das iſt Menſchenlos, bald fehlt 
einem der Wein, bald fehlt einem der Becher dazu.“ 
Der Volksſ<nllehrer. 
Durc< Roheit und Bo8- 
 
Nr. 11 
Tägliche Niederſchriften ? 
Von W. Welter. 
Wenn wir dieſe Frage gerecht beurteilen wollen, müſſen 
wir fie ſowohl vom Standpunkte der Behörde, die ſie ex- 
laſſen, wie auch vom. Standpunkte des Lehrer8 aus betrachten. 
Da. kommen wir zuerſt zu der Frage: „Von welchen 
Urſa<en aus kommt die Behörde zu der Forderung der 
T. N.? Bedeutſame Umwälzungen in den Prinzipien der 
Schule ſowie auch in der Technik ihres Betriebes machen 
ſi9 in den leßten Jahren immer mehr fühlbar. "Wir gehen 
nicht fehl; wenn wir die Forderung der T. N. als eine 
Konſequenz dieſer Verſchiebungen betrachten. 
Betrachten wir das Prinzip der alten Schule und ihre 
Arbeitsmethode, ſo treten mehrere üÜble- Erſcheinungen mit 
ihren Folgerungen beſonders hervor : Lernſchule, -- genauer 
bezeichnet, Drillſhule; Stoffüberfüle und Paukſyſtem,; 
Abrichten zu Paradearbeit ; Ziel der Arbeit: Glänzende 
Reviſion. Auf dieſes Ziel war im großen und ganzen alle 
Arbeit eingeſtellt, ihm waren alle Bedingungen unterworfen. 
Da nun in den Reviſionen mehr und mehr geſehen wurde 
auf die Quantität der gebotenen Stoffe und ihre parade- 
mäßige Wiedergabe, weniger aber auf die Qualität der 
Lehrerarbeit, auf eine verſtande8gemäße Dur<dringung der 
Unterrichtsſtoffe, auf ein Herausarbeiten der gemütbildenden 
Werte, ſo mußte das: Pauken und Polieren dem Lehrer 
al38 das einzige Allheilmittel erſcheinen. Und dieſes iſt, -- 
den Gedanken möchte ich hier einſc<alten ---, auc<h heute der 
Grund, we38halb bei vielen Reviſionen zwiſchen Reviſor und 
Lehrer Unſtimmigkeiten entſtehen, daß die Arbeit vom Lehrer 
nah dem alten Ziele und den alten Grundſäßen geleiſtet, 
von dem Reviſor nach den neuen Maßſtäben aber gewertet 
wird, 
Heute ſteht wieder mehr das Moment der Erziehungs- 
ſ<ule im Vordergrunde. Dem ſtaatsgefährlihen Treiben 
gewiſſer Kreiſe, die ſich beſonders auf die Agitation bei der 
Jugend eingeſchrieben haben, will man mit einer beſſeren 
moraliſchen Ausrüſtang unſerer Schuljugend, durc< eine 
Vertiefung moraliſcher Einwirkungen und eine Feſtigung 
ihrer ſittlihen Kraft entgegenſtehen. Die Erkenntnis von 
der übergeordneten Bedeutung der ſittlichen Werte über die 
intellektuellen Werte beſonder38 für die ſoziale Geſtaltung 
der zukünftigen Ordnung, ſcheint hier no<r nicht das führende 
Motiv der neuen Anordnungen zu ſein. Die Forderungen 
der Erziehungsſchule hatten aber in der alten Drill» und 
Dreſſurpädagogik keinen Halt. Darum mußte man not- 
wendigerweiſe zu einer Verinnerlichung der Schulwirkungen, 
zu einem verſtändnisinnigen Eindringen in die Unterrichts- 
ſtoffe im FRahmen der kindlichen Erfahrungen kommen ; kurz, 
man mußte dur< mehr inneres Erleben die Gemütswerte 
im Kinde ſteigern, es innerlich mehr durc< die Unterrichts- 
ſtoffe zu intereſſieren wiſſen und ſo einer mehr verſtandes- 
als gedächtnismäßigen Erfaſſung der Arbeitsſtoffe, d. h. einem 
gründlichen Eingehen auf Warum und Wie das Wort 
reden. 
Das Schlagwort für dieſe Bewegung, die vom Stand- 
punkte der Geſellſ<aftsintereſſen die einzig ſchulgemäße, weil 
vor allem erzieheriſche iſt, heißt: Selbſttätigkeit, Selbſtändig- 
keit, UArbeitsſc<hule. . 
Nur im Sinne. dieſer Forderungen können wir: "hie 
Forderung der T. N. begründen. Wenn lebendiges Erfaſſen 
und ſelbſttätiges Verſtehen dur< die Schularbeit produziert 
wird, ſo kann die Forderung der T. N. nicht befremden, 
im Gegenteil, man muß ſie billigen, denn „Wovon das 
Herz voll iſt, davon geht der Mund über“. Das trifft beim 
Erwachſenen zu, wiepiel mehr beim Kinde mit ſeinem Drang 
naß Veräußerlihung. E3 hieße den Geſtaltungstrieb ſchwer 
ſchädigen, würde man dem Schüler die Möglichkeit nehmen, 
inneres Erleben auc äußerlic< zu bekunden. Gewiß bietet 
die mündli<e Wiedergabe dur< den Schüler auc<h dieſe 
Möglichkeit, doM würde dabei nur ein ganz geringer Teil
	        

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