Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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Der Volksſchullehrer. 
yYir. 11 
 
unbedingt verlangt werden, daß die Korrektur mit der Arbeit 
in ununterbrochener Verbindung bleibt und dies läßt ſich 
wieder am erfolgreichſten durc<führen, wenn ſie unter Leitung 
des Lehrer38 von den Kindern in der Klaſſe erfolgt. Dann 
hat der Schüler unmittelbar das falſche Wortbild zu berich- 
tigen und die Gefahr der Angewöhnung von Fehlern iſt viel 
geringer. Zudem darf man ſelbſt bei den fähigſten Schülern 
nur ein ſehr kurzfriſtiges Intereſſe an der eben vollendeten 
Arbeit und an den in derſelben aufgetretenen Schwierig- 
feiten vorausſegen. Innerhalb dieſer Intereſſenſpannung 
ſoll die Verbeſſerung geſc<ehen, dann fällt die Verbeſſerung 
nod) mit dem geſteigerten Intereſſe bei dem zweifelhaften 
Wortbild zuſammen und löſt alſo den Zweifel und erfüllt 
mit Zufriedenheit. Iſt die Arbeit aber durc< eine andere 
ſHon dem Geſichtsfelde der Intereſſen entrückt, ſo treten dem 
Schüler ſeine eigenen Fehler als fremde Gebilde auf, und 
ihre Verbeſſerung läßt ihn geiſtig vollſtändig unberührt. 
Würde dieſe Art der Verbeſſerung nun die Norm werden, 
ſo wäre der Schaden um ſo größer. 
Man wird dem nun entgegenhalten, bei einer ſolchen 
Art der Verbeſſerung kann von den Schülern hier und da 
ein Fehler überſehen werden und. dieſer dann ohne Verbeſ- 
ſerung dur<gehen. Dieſe Möglichkeit muß zugeſtanden werden, 
aber ob dieſer Nachteil nicht ausgeglichen wird durch große 
ethiſche Vorteile und durch Borteile anderer Art, wenn ſonſt 
die Klaſſe im rechten Geiſte bei der Arbeit iſt, wenn die 
Schüler von der Wahrheit durc<drungen ſind, daß ſie ſich 
gegenſeitig große Dienſte durch eine möglichſt ſcharfe Korrek- 
tur erweiſen ? Ob die Tiechtſc<hreibung ihre Hauptſtüße in 
der lückenloſen Auffindung und nachfolgender Verbeſſerung 
der Fehler oder mehr in der Weckung der Eigenintereſſen der 
Schüler hat, darin, daß ſie befähigt werden, mit aller ihnen 
verfügbaren Kraft die eigenen und fremden Schwächen der 
Jiechtſc<reibung zu heilen, dieſe Frage iſt leicht zu entſcheiden. 
Gerade die Korrekturarbeit durch die Schüler hat wieder in. 
Bezug auf Rechtſchreibung für die Schule ihre beſonderen 
Borteile. Bei der Verbeſſerung ſieht der Schüler in der 
Arbeit ſeines Miatſchüler8 den einen oder andern ſeiner 
Fehler berichtigt, ſofort wird ihm entweder ſeine Schwäche 
auffallen, und dann iſt der Wille, dieſen Fehler ſobald als 
möglich zu verbeſſern, mehr wert als ſelbſt ſeine einfache 
Korrektur ; oder aber, .der Schüler ſieht ein Wort, das er 
anders geſchrieben hat, als Fehler an, ſofort wird er, wenn 
irgendwelhe Zweifel obwalten, durc< eine entſprechende 
Frage an den Lehrer in eine Nac<prüfung dieſes Wortbildes 
eintreten, und e8 entwickelt ſich hier wiederum das ſo heil- 
ſame geſteigerte Intereſſe. Wenn man dann no< bedenkt, 
daß die meiſten Fehler der Kinder Flüchtigkeit8fehler ſind, 
die alſo durch ungenügende Uufmerkſamfkeit bei der Arbeit 
entſtanden ſind, ſo wird man leicht verſtehen, daß hier die 
Korrektur durch die Schüler eben wegen der geſteigerten 
Aufmerkſamkeit, ſehr viel helfend einwirken kann. Darum 
fann man alſo dem geringſc<hätzigen 1Urteil über den mini- 
malen Wert der Schülerkorrektur auch naß der orthographi- 
ſ<en Seite hin nicht beipflichten, im Gegenteil, etwaige 
Mängel werden durch Vorzüge in anderer Richtung bedeu- 
tend überwertet. 
Zun einigen Bezirken beſteht die Verordnung, daß auf. 
der Mittelſtufe wöchentlich ſe<3, auf der Oberſtufe vier T. 
'. angefertigt werden. Sofern man die Vorbereitung des 
Auffſatzes, die Niederſchrift desſelben, die Iechtſc<hreibeübung 
als T. N. gelten läßt, mag man ſic<h mit jener Anordnung 
ausſöhnen ; ſofern ſie aber neben dieſen Uebungen noh ver- 
langt werden, muß man aud hier wieder von einem Ueber- 
maß der Forderungen reden. Jedenfalls foll man die Be- 
arbeitung des Aufſaßzes und des Rechtſchreibeſtoffes als T. 
N. gelten laſſen, denn neben dieſen no<“ beſondere T. N,., 
in ein eigenes Heft eingetragen, zu verlangen, heißt dadurch 
ſHaden, wodurc< man heilen wollte. E53 iſt ja meiſt. die 
Sünde der neuen Anordnngen, daß ſie viel zu extrem auf- 
treten und dadur< alte bewährte Forderungen wie Para- 
 
ſiten ſ<wer ſchädigen. Durch ein Uebermaß von. Schreib 
werk müſſen notwendigerweiſe andere Forderungen in der 
Schule zu kurz kommen, da man ihnen die Zeit zur Betä- 
tigung raubt. Darum heißt es im Miniſterialerlaß „tun- 
lichſt tägli<“. Auch hier mag in dieſer Beſtimmung das 
Geſunde am beſten garantiert ſein. Tunlichſt täglich, ſoweit 
an den einzelnen Tagen keine der ſchon beſtehenden Ver- 
pflihtungen zu ſchriftlichen Arbeiten zwingt; tunlichſt täglich, 
ſoweit der Stundenplan es ermöglicht. Das rechte Maß 
wird am beſten getroffen, je mehr man . die Lehrer für 
die neue Forderung pädagogiſch zu intereſſieren weiß und 
ihnen dann im Rahmen des ſo geſteigerten Pflichtgefühls 
angemeſſene Sreiheit läßt. E38 wäre durchaus verfehlt, die 
Anzahl der T. N%. etwa nach den Schultagen eine3 Jahres 
bemeſjen zu wollen, denn es iſt ſehr leicht der Fall denkbar, 
daß ſelbſt dem pflichttreueſten Lehrer einmal die Anfertigung 
einer T. %. unmöglich wird. 
Das zweite, was uns an dieſem Erlaſſe beſonder3 
intereſſieren muß, iſt die unverkennbar darin niedergelegte 
Abſicht, die Korrekturarbeit des Lehrers nicht bis zum Uner- 
träglichen zu ſteigern. KAusdrückli< wird im Sclußſag 
die Berbeſſerung erwähnt. Nicht aber in einer Faſſung, 
die einer beliebigen Auslegung Naum genug ließe; nein, 
mit flaren Worten wird Korrektur in der Klaſſe durch 
die Schüler als Regel, die Verbeſſerung dur< den 
Lehrer als Aus8nahme von der Regel verlangt. Ob dieſe 
Faſſung nur eine zufällige und unabſi<htliche war ? Im 
Intereſſe der Schule und der Lehrer wollen wir dies nicht 
annehmen. Jedenſalls war dem Herrn Miniſter die Menge 
der Urbeit, die der moderne Schulbetrieb von dem Lehrer 
verlangt und damit die phyſiſche Belaſtung desSſelben wohl 
gegenwärtig, als er dieſer Verordnung jene Prägung gab. 
Darum dürfen wir annehmen, daß der Herr Miniſter auch 
in dieſem Teile ſeiner Verordnung wörtlic< verſtanden ſein 
will und daß er eine unnötige Belaſtung des Lehrers, die 
„für die Schule nur problematiſchen Nutzen. haben dÜrſte, 
unbedingt vermieden wiſſen will. 
So aufgefaßt und ſo betrieben werden die T. N, Segen 
bringen, den Segen, den man in ſie hineinlegt ; fo werden 
ſie dem zweifachen Zwecke dienen, dem ſie geboren wurden, 
und ſo werden ſie ihr Ziel erreichen. 
Gin 1 Kort zur Squlentlaſungsfeier 
Schon manchem Ereignis hat das Kind während ſeiner 
"Schulzeit erwartungsvoll entgegengeſ<aut, noh keinem aber 
hat es mit fo hohen Spannungsgefühlen gegenübergeſtanden, 
wie dem 'Tage der Schulentlaſſung. Und das iſt natürlich. 
Durc<hmeſſen ſind des Jugendlandes Blumenauen; der 
Kindheit ho1ldex Traum iſt ausgeträumt. Vor dem jungen 
Menſchenfinde aber dehnen ſi< die ſchimmernden Gefilde 
eines neuen, unbefannten Landes. Hah! dort hinein! 
Dort muß das Glü> wohnen; dort werden ungeahnte 
Wunder ſeiner warten. Die ganze Welt ſ<wimm? ihm 
in morgenroter Glut! 
In einem ſinnigen Märchen redet And erfen von 
dem Träumen. und Sehnen des Tannenbäumleins draußen 
im Walde. Wachſen, wachſen, groß und alt werden, in die 
warme Stube geſtellt und mit buntem Tand und Flitter 
geſ<müct werden, das iſt der ganze Inhalt ſeines Sinnens 
und Trachtens. Als es aber dann der Erfüllung ſeines 
Wunſc<es nahe iſt und ihm die Axt tief durc<s Mark 
ſchneidet, da iſt ihm gar nicht glücdesfroh zu Mute; da 
empfindet es einen ſtehenden Schmerz, und es iſt betrübt, 
ſHeiden zu müſſen von jeinem ſtillen, grünen Walde, von 
ſeinen lieben Kameraden, 
Das iſt das Bild des jungen Menſc<enkindes, das im 
Begriff ſteht, aus der Kinderſchule in die Schule des Leben3 
hinüberzutreten. Ledig zu ſein von läſtigem Zwange, . den
	        

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