Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

„Nr. 138 
 
nicht nur für die Seminarlehrer und Kreisſ<ulinſpektoren, ſondern auc<h 
für die Leiter der Volksſ<ulen eine akademiſche Ausbildung 
exrwünſ<t ſei, während eine ſol<Hhe Ausbildung für den Betrieb des 
Unterrihts in der Bolksſ<ule nicht nötig ſei. Eine ſolc<e allge- 
meine Anerkennung des in der Unterrichtskommiſſion von einem Zen- 
trum 35mitgliede vertretenen Standpunktes würde einen weiteren. 
- Sheitt auf dem Wege bedeuten, der zu einer vollſtändigen Trennung 
der Arbeiter der Volksſ<ule von ihren nächſten Aufſehern nicht bloß 
„in Bezug auf die Beſo1dung, ſondern nicht minder in Bezug auf die 
Vorbildung führt. Wenn e38 auf dieſem Wege weiter geht, wird 
bald der Proletarier auf dem Gebiete des Bildungsweſens fertig | 
ſein, der um geringen Lohn handwerksmäßig und mechaniſch die ihm 
aufgetragene Arbeit nach gegebener Anweiſung ausführt. Ein trauriges 
* Zukunftsbild für den Volksſc<ullehrerſtand und nicht minder für 
die Volksſc<ule. | . 
Berlin. Aus der Unterric<htskommiſſion des preu“ 
ßiſchen Abgeordnetenhauſes. In ihrer Sißung vom 4. März 
erledigte die Unterrichtskommiſſion eine Reihe von Petitionen, 
die allgemeineres Intereſſe beanſpruchen. 
1. Der Geſchäftsführende Ausſchuß des Preußiſchen Ver- 
eins für das mittlere Sc<hulweſen bittet um eine einheitliche 
geſeßlic<he Negelung der Beſoldungsverhältniſſe der Leiter, Lehrer 
und Lehrerinnen an den öffentlichen mittlern Schulen. Der Verein 
wünſcht : das Dienſteinkommen der genannten Lehrkräfte möge in - 
der Weiſe feſtgeſezt werden, daß 1) „die Lehrer und Lehrerinnen 
an dieſen Schulen auf keinen Fall geringer beſoldet werden, als die 
entſprechenden Lehrerkategorien aa den ſtaatlichen höhern Lehran- 
ſtalten“, und daß 2) „das Gehalt der Mittelſ<ulrektoren in der 
Mitte ſtehe zwiſchen dem Gehalt der Volksſ<hulrektoren und dem 
der Oberlehrer an den höhern Lehranſtalten“. 
Der Berichterſtatter, ein Mitglied des Zentrums, trug aus 
der Begründung der Petition folgendes vor: Der Geſchäftsführende 
Ausſchuß habe bereits 1908, 1909 und 1910 um eine geſeßliche 
Regelung der Beſoldungsverhältniſſe der Leiter, Lehrer und Lehre- 
rinnen an den öffentlichen mittlern Schulen petitioniert. Das Haus 
der Abgeordneten habe am 15. Juni 1910 den Beſchluß gefaßt, die 
Petition der Königlichen Staats5regierung zur Berückſichtigung zu 
überweiſen. Die Petition vom Jahre 1911 ſei unerledigt geblieben. 
Das Fehlen eines Beſoldungsgeſeßes habe große Nachteile für die 
Mittelſchulen und ihre Lehrer mit ſich gebracht. Der Erlaß des 
Miniſters vom 10. September 1909 habe für 1908 verſagt, die 
verlangten Gehaltsnachzahlungen für 1908 ſeien nicht gezahlt 
worden. : (Es habe ſich wieder gezeigt, daß eine Beſoldungs8- 
regelung im Verwaltungöwege keine Gewähr dafür biete, daß bei 
einer etwaigen Erhöhung der BVolksſc<hullehrergehälter auch die 
Mittelſchullehrergehälter desSjſelben Ortes ſteigen müßten ; wiederholt 
hätten ſtädtiſche Behörden Miniſterialerlaſfe nicht als rechtsverbind- 
lich angeſehen. Eine Anzahl Gemeinden hätte die bhisherige Span- 
nung zwiſchen den Gehältern der Volk8- und Mittelſchullehrer zum 
Nachteil der letztern verringert. Die Vielgeſtaltigkeit der Beſoldung 
gereißhe der Mittelſgule zum Schaden, weil eine ſtändige Ab- 
wanderung der Lehrer nach den beſſer beſoldeten Stellen ſtattfinde. 
In kleinen Orten mache ſich dadurch ein empfindliher Mangel 
an geprüften Mittelſchullehrern benerkbar. Sehr bedauer: 
lich ſei es au<, daß Mittelſ<ullehrer und -lehrerinnen je nach ihrer 
Beſchäftigung an höheren Knabenſchulen, Lyzeen oder mittleren 
Schulen verſchieden beſoldet würden. E83 ſeien dadurch 
Mittelſchullehrer d tei er Qualitäten geſchaffen worden, obgleich 
hinſichtlich der Vorbildung an alle Mittelſchullehrer die gleichen 
Torderungen geſtellt würden. Bei einer geſetzlichen Regelung der 
Beſoldung möge auch Rückſicht auf diejenigen Lehrkräfte genommen 
werden, die vor dem Erlaß der Februarbeſtimmungen definitiv 
an einer mittleren Schule angeitellt worden ſeien, ohne daß von 
ihnen die Ablegung einer weiteren Prüfung gefordert worden wäre. 
Es ſei dringend erwünſc<t, daß dieſe Lehrer ihre bisherigen Berech- 
tigungen in vollem Umfange behielten. Der Berichterſtatter hielt die 
Begründung für durc<ſchlagend und beantragte, die Betition der 
Staatsregierung zur. Berückſichtigung zu Überweiſen. - 
. Der Regierung5vertreter erklärte, die Petition enthalte 
feine neuen Geſichtspunkte. Die Stellung der Staat3regierung ſei noch 
die. frühere. Die Klinke der Geſetzgebung dürfe uur im Notfalle er- 
griffen werden. Eine Neuregelung habe inſofern ſtattgefunden, al38 dex 
Mitiſterialerlaß Mind eſtſäße fordere, über die auch hinausgegangen 
w erden könnte. BVielgeſtaltig ſei die Beſoldung allerding3, aber das 
werde fich kaum ändern kaſſen, weil auch das Lehrerkollegium vielge- 
ſtaltig ſei. Höhere Mädchenſchulen, gehobene Schulen und Mittelſchulen 
[.ießen ſich nicht gut unter einen Hut bringen. Auch dürfe man nicht 
in das Recht der Gemeinden eingreifen. Der Anſchluß vieler Mittel- 
ſ<ulen' an die Alterszulagekaſſen verbürge in Zukunft eine gewiſſe 
Gleichmäßigkeit in dex Beſoldung. Gegen eine geſetzliche Rege- 
lung“ habe die Regierung ſchwere Bedenken, weil viele Gemeinden 
ſchon jhwer belaſtet ſeien. Dex jetzige Zeitpunkt ſei ;auch zu einer Neu- 
regelung nicht geeignet, weil ſich das Mittelſchulweſen in exfreulicher 
Entwicklung befinde und zahlreiche neue Schulen entſtänden. Das Pe- 
titum ſei nicht empfehlen3wert. Wenn ihm ſtattgegeben würde, ſei zu 
befürc<hten, daß auch die Volksſ<hullehrer wieder mit 
neuen Wünſchen kommen würden, Der Vertreter des Finanz- 
miniſteriums ſchloß ſich dieſer Grklärung an. Man müſſe Rückſicht auf 
Der Volksſc<nllehrer. 
Schulen geregelt ſeien, nur an Mittelſchulen nicht. 
 
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die Gemeinden nehmen. Wenn hier geſeßliche Regelung verlangt würde, 
dann könnten ſchließlich auch die Bürgermeiſter kommen und eine geſeß- 
liche Regelung ihrer Gehälter forder. SIE 
Ein Nationalliberaler betonte, daß die Gehälter an allen 
Die Ausfüllung 
dieſer Lücke ſei ein dringendes Bedürfnis. Die Kommiſſion möge den 
Antrag de3 Berichterſtatter3s einſtimmig annehmen. Gin Volkspar- 
teiler führte aus: ES ſei ein -Mangel bei den ſonſt ſehr guten 
Februarbeſtimmungen, daß die Beſoldung nicht gleichzeitig geregelt 
worden, wie e8 ein Jahr früher bei den höheren Mädchenſchulen ge- 
ſchehen ſei. Die Unterlaſſung müſſe möglichſt bald gut gemacht werden. 
Die Staat3regierung ſei bei anderen Gelegenheiten keineswegs ſo zart- 
fühlend den Rechten der Gemeinden gegenüber. Viele Gemeinden 
warteten gerade auf eine geſeßliche Regelung. Die Buntſchecigkeit der 
Beſoldung führe unter Umſtänden zur Rechtloſigkeitl. Der Mangel 
an Mittelſchullehrern, der ſich beſonders in kleinexen und mittleren 
Städten geltend mache, habe ſeine Urſache lediglich in den unge- 
nügenden Beſoldungen. Die Unterrichtöverwaltung habe dieſen 
Mangel durch die Errichtung der Mittelſchullehrerkurſe anerkannt. 
Viele geprüfte Mittelſchullehrer zögen es vor, an der Volksſchule der 
größeren Städte mit ihren geregelten Gehaltsverhältniſſen zu bleiben, 
ſtatt in kleinere Städte zu gehen. Es hätten darum viele Gemeinden an 
ihren Mittelſchulen Lehrer anſtell en müſſen, die nicht die vorgeſchriebene 
Prüfung abgelegt hätten. Aus einer ihm vorliegenden Liſte gehe hervor, 
daß in 23 Städten 138 nicht geprüfte Lehrer an Mittelſchulen ange- 
ſtellt ſeien, davon == um nur einige Beiſpiele anzuführen -=- in 
Brandenburg 15, in Gisleben 8, in Forſt Ü, in Greifs- 
wald 15, in Halle a. S. 22 uſw. Dieſe Lehrer hätten teilweiſe 
30 und mehr Jahre in den mittleren und oberen Klaſſen unterrichtet 
und ſich in jeder Beziehung bewährt. GES ſei eine ganz ungerechtfer- 
tigte Härte, dieſe definitiv angeſtellten Lehrer nach Erlaß der Februar- 
beſtimmungen in Rang und Gehalt zurüzuſeßen und in die Unterklaſſen 
zu verdrängen. Die Unterricht3verwaltung möge die erworbenen Rechte 
dieſer Lehrer ſchüßzen! Eine geſetzliche Regelung der Beſol- 
dungen aller Lehrkräfte an Mittelſchulen werde den Etat der be- 
treffenden Städte nicht weſentlich beeinfluſſen, da es ſich keine3Swegs 
um große Summen handle. - 
Nachdem ſich noch ein Freikonſervativer ebenfalls für Be 
 
rückſichtigung ausgeſprochen hatte, wurde der Antrag des Bericht. 
erſtatters einſtimmig angenommen. | u 
2. Der Katholiſche Lehrerverb and bittet um Aenderung 
dex Beſtimmungen über Lehrerdienſt wohnungen. . DIun 
Aus dem von dem freiſinnigen Berichterſt attexr vorgetragenen 
Inhalt der Petition ergab ſich, daß die Petenten eine Dienſtwohnung 
von 4 bis 5 Zimmern mit einex Geſamtgrundfläche von 100 bis 120 
Quadratmetern nebſt Zubehör und außerdem ein Badezimmer, ein 
Mädchenzimmer und ein Kloſett wünſchen. Zum BWergleich werden die 
Förſterwohnungen, die alle erheblich größer ſeien als die Lehrerwoh- 
nungen, herangezogen. Der Berichterſtatter empfahl die Petition zur 
Berücſichtigung. | | 
Der RegierungSsvertreter erklärte, daß die Abänderung dex 
Noxmativbeſtimmungen vom 15. November 1895 ſehr ſchwierig ſei. Die 
in dieſen Beſtimmungen angegebene Grundfläche von 65 bis 85 Quadrat- 
metern bezöge ſich nur auf die Wohn- und Schlafräume. Die Bade- 
einrichtungen fehlten auf dem Lande, weil kein Bedürfnis vorliege, 
auch keine Waſſerleitung vorhanden ſei. Ein Vergleich mit den Förſter- 
wohnungen ſei unzuläſſig. Für die Städte könnten einheitliche Vor- 
ſchriften kaum gegeben werden. Die weitere Forderung einer erhöhten 
Mietentſchädigung müſſe abgewieſen werden, weil das eine Durchbre- 
<hung der Beſoldungsordnung bedeute. -- ;Daß in bezug auf manche 
ländlichen Dienſtwohnungen Uebelſtände vorhanden ſeien, verkenne die 
Staatsregierung nicht. Alte Häuſer ließen ſich nicht gut umbauen. 
Die Bautätigkeit der Staatsregierung ſei ſebr rege. Im Jahre 1911 
habe der Staat für Schulhausbauten 6,5 Millionen Mark ausgegeben. 
NVebrigens ſei es nicht notwendig, daß ſich viele Lehrer:eine „gute Stube“ 
„zulegten, ſtatt den Raum als Wohnzimmer zu benutzen. 
Gin Konſer vativer betonte, daß die ländlichen Lehrerwoh- 
nungen in den meiſten Fällen unzulänglich ſeien. Wenn kein Pfarrer 
im Orte ſei, müſſe der Lehrer durchaus auch ein Amtszimmer haben, 
um Ort3- und Kreisſchulinſpektor, Schulräte und Eltern empfangen zu 
können. Eine Kalamität ſei das Fehlen eines Mädchenzimmers., Früher 
ſei es erlaubt geweſen, das Mädchenbett im Schulzimmer aufzuſtellen. 
Seit dies verboten worden, ſei kaum noch ein Dienſtmädchen zu be- 
fommen, weil ſie auf dem Boden nicht ſchlafen wollten. Die Landflucht 
der Lehrer, die noch keineSwegs aufgehört habe, werde nicht ſelten 
durch die unzureichende Dienſtwohnung veranlaßt, Der Lehrer werde 
zu allen möglichen Aemtern herangezogen =- wie 3. B. zur Jugend- 
pflege --, wenn ex aber Wünſc<e habe, dann habe die Regierung ge- 
wöhnlich kein Ohr. un . En 
Gin zweiter Konſervativer bat, man möge die Mietentſch«- 
digung nicht anſchneiden. Die in ſeiner Heimat neuerbauten Dienſt- 
wohnungen ſeien gut, ſie enthielten drei Wohn- und Schlafzimmer, 
zwei Manſardenzimmer, Küche und Dienſtbotenzimmer, Die alten Woh- 
nungen ſeien allerdings oft troſtlos. Er beantrage, die Petition als 
M atevrial zu überweiſen, in bezug auf die erhöhte Mietentſchädigung 
aber zur Tagesor dnung überzugehen. | ' 
Gin dritter Konſervativer fand es rätſelhaft, daß bei 65
	        

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