Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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da3 Rektorat den Bewei3 für ſeine „Bedeutung“ und „Not- 
wendigleit“ geliefert. 
In ſolchen Dingen beſteht auch in der Hauptſache die 
„Einheitlichkeit“ und „Harmonie“, zu deren Herbeiführung 
und Erhaltung an einem reicher gegliederten Schulſyſtem 
das Rektorat mit ſeinen „Auſſicht5befugniſſen“ unentbehr- 
lich ſein ſol. Als ob nicht für Einheitlichkeit und Harmonie, 
ſoweit ſie notwendig oder berechtigt erſcheinen, ſchon auf 
andere Weiſe ausgiebig geſorgt wäre! Das Ziel der Urbeit 
iſt jedem Lehrer dur den Lehrplan und die für die 
einzelnen Monate, ja Wochen aufgeſtellte Penſenverteilung 
genau gegeben. Didaktiſche und methodiſche Grundſäße, 
die für alle Geltung haben ſollen; werden in den Syſtem- 
fon ferenz en feſtgeſtellt. Nicht anders verhält es ſih mit 
den die innere Ordnung der Schule und den die Schul- 
z u < t betreffenden Vorſchriften. Aber unter dem Rektorat 
wird der einzelne Lehrer für ſo unwiſſend, unfähig und 
unzuverläſſig gehalten, daß man es“ ihm gar nicht über- 
„Taſſen könne, das ſo Feſtgeſezte ohne fortdauernde Ueber- 
'werden. 
wachung und Nachhülfe in ſeiner Klaſſe mit Sinn und 
Verſtand in die Praxis zu überſezen. Unter dem Rektorat 
hat ſich gezeigt, wie re<t Profeſſor Rein hat, wenn er 
ſchreibt : 
weſen iſt der Gedanke verloren gegangen, daß den Arbeitern 
der Spielraum für die Betätigung individueller Auf- 
faſſung nicht zu eng bemeſſen ſein darf. Die frohe Be- 
tätigung, die Heiterkeit des Gemüts, die feſte Zuver- 
ſicht auf das Gelingen der Arbeit kann ſich unmöglich ein- 
ſtellen bei dem Gefühle eines fortwährenden Zwanges, 
unter welchem der Erzieher ſeufzend ſeine Tage dahinbringt. 
Da verwandelt ſich die Stätte der Luſt in - eine Stätte der 
Qual. Die Beengung des Erziehers führt eine Be- 
drüdung der Jugend mit ſich. Die Aufſicht darf niemals 
als Druc, ſondern muß als Freundſc<haftsdienſt empfunden 
Vor allem ſei ſie kein Polizeidienſt. Der 
Lehrer muß ein. großes Maß von Selbſtändigkeit 
beſitzen. Wie kann jemand, der für unmündig gehalten 
wird, als Führer der Unmündigen dienen! Wir haben zu- 
viel Aufſiht. Der Kreisſ<hulinſpektor ſei der 
nächſteVorgeſeßBßte des Lehrers8." 
Merkwürdig iſt es auch, daß die Rektoren ſonſt von der 
Bedeutung einer permanenten Ueberwachung des Lehrers 
möglichſt gering denken; nur die von ihnen auSsgeübte 
ſoll unentbehrlic< ſein und Wunder zu wirken vermögen, 
So ſ<hreibt die „Schulpflege“ (Nr. 47 vom 19. Nov. 1910) 
- tigung erzwingen. 
Über die kirchliche Beaufſichtigung des Religion5unterrichtes : 
„Die <riſtliche Erziehung der Jugend iſt einzig und allein 
garantiert durch den <riſtlihen Geiſt des Lehrers; dieſer 
aber läßt ſich weder kommandieren noc; durc< Beaufſich- 
Speziell die geiſtlihe Schulaufſicht oder 
beſſer geſagt die geiſtliche Lehrerbeauffictigung ſchadet ex- 
fahrung38gemäß in dicſer Hinſicht mehr als ſie nüzt.“ Sich 
ſelbſt aber macht man aud für die kirchliche Korrektheit und 
Den echten Geiſt des Religionsunterrichtes ſtarf und ver- 
bürgt. fich dafür; denn in ihrer Nr. 17 vom 29. April 1911 
erflärt die „Schulpflege : :“ „Für die Rektoren iſt es eine 
ganz ſelbſtverſtändliche Sache, daß der Religion3unterricht 
im Sinne und Geiſte der <riſtlihen Konfeſſionen erteilt 
werden muß. So will es nic<ht nur die Kirc<he, ſo will es 
au< der Staat, in deſſen Dienſt wir =- Rektoren und 
Lehrer -- ſtehen. SollteeinLehrerfi<h unter- 
fangen,vondieſer Richtlinie abzuweichen, 
ſo würden wir dem pflichtgemäß ent- 
gegenzutretenwiſſen -- au< ohne geiſt- 
liche Beihilfe.“ 
Dieſe Gegenüberſtellung zeigt am deutlichſten, was davon | 
zu halten iſt, wenn die Rektoren in hohen Tönen davon 
reden, wie nur durch ihre Auffiht die „Einheitlichkeit der 
unterrichtlichen und erziehlichen Arbeit. der Schule“ und 
damit ihr Erfolg gewährleiſtet ſei Aber ſie kennen ihre 
Leute und wiſſen ſehr gut, daß die „maßgebenden Inſtanzen“, 
/ 
Der Volksſchullehrer. 
„Fn unſerem bureaukratiſ< regierten Schul-. 
 
| | Nr. 2 
die ſich die Schule kaum ander3 vorſtellen als einen 
Fabrikbetrieb, ein Bureau oder eine Heeres3abteilung, ſich 
mit ſolchen Phraſen imponieren laſſen und in der Förde- 
rung des Rektorats die größte Wohltat erbli>en, die ſie 
der Schule erweiſen könnten. Wäre das richtig, ſo müßte 
die Schule der Rektorat3-Aera ſiß do< dur< beſondere 
Leiſtungen aus8zeichnen. Aber wenn davon die Rede iſt, 
wird man recht kleinlaut und ſjuc<t nac< allen möglichen 
und unmöglichen Gründen, um den offen vor aller Augen 
liegenden Bankrott zu erklären ; nur auf die wirkliche Wunde 
legt man den Finger nicht, weil die Sache gar zu bla- 
mabel iſt und mit den hohen Redenzarten abſolut nicht 
harmonieren will. 
Ständen die Leiſtungen der Volkſchule zu der Menge 
der Aufſeher und der vorgenommenen Klaſſenbeſuche und 
Reviſionen im geraden Verhältniſſe, ſo hätte die Volksſchule 
der NReaktionszeit um die Mitte des verfloſſenen Jahrhunderts 
das preußiſche Volk der ſittlihen Shwäc<he und der Un- 
wiſſenheit überantworten müſſen ; denn nicht mit der Peitſche 
war man hinter dem Lehrer her, 'damit er nicht der „Gemüts- 
lichkeit“ ſich ergebe ; 
und immer eindringlicher die Mahnung am' ſein Ohr: „Nur 
nicht zu viel!“ Aber die vom Geiſte eines Peſtalozzi 
und Dieſterweg beſeelten Lehrer haben unter den miß- 
lichſten Verhältniſſen die Fahne der Volksbildung ho<hgehalten 
und unverdroſſen an ver Erreichung des von jenen Männern 
geſtedten Ziele3 gearbeitet. Daß ſie es vermochten, iſt zum 
Teil das Verdienſt der alten Lokalſchulinſpektoren, die in 
der Regel ſich der Einwirkung auf den innern Schulbetrieb 
enthielten, und dem Lehrer nicht die Rolle des ungelernten 
Arbeiters zumuteten, ihm vielmehr ungeſ<hmälert die Würde 
des Meiſter3 ließen. Wa3 würde in jener Zeit aus der 
preußiſchen Volksſchule geworden ſein, wenn ein Nektorat 
nah modernem Muſter ſie beherrſ<t und in ſeiner Weiſe 
die „oben“ herrſchenden Intentionen zum Meaßſtabe und 
Regulator der „Schularbeit“ gemacht hätte ! 
Ohne Rektorat und Polizeiaufſicht hat die alte Schule 
Tüchtiges geleiſtet und wenigſtens ihrer Zeit vollauf Genüge 
getan. Hat man auc ſpäter das in der erſten Begeiſterung 
geprägte Wort von dem preußiſchen Schulmeiſter, der bei 
Sadowa geſiegt habe, nicht wollen gelten laſſen, ſo redet 
das Zeugnis der damaligen Gegner um ſo lauter für ihn ; 
denn einer ihrer erſten Schritte nag Wiederherſtelung des 
Friedens war eine Verbeſſerung und Neuorganiſation ihrer 
Bolksſchulen. 
Hat die Volksſc<ule der Rektorats- Aera viellei<M etwas 
NRehnliches an Erfolgen aufzuweiſen ? Yit nichten ! 
all nichts als Klagen, daß die Volksſc<hule Minderwertiges 
leiſte, daß ſie den Erforderniſſen der Zeit nicht annährend 
gerecht werde, daß e8 ſowohl an geiſtiger Schulung als an 
praktiſG<em Blik und Können fehle. Gewiß ſind es der Fak- 
toren manche, die bei der Beurteilung dieſes nicht ſehr ermuti- 
genden Ergebniſſes in Betracht zu ziehen ſind. Es gehören 
hierhin die traurige ſoziale Lage der arbeitenden Bevölkerung, 
ihre geringe Seßhaftigkeit, die Verrohung der Maſſe 2c., 
in der Schule der häufige Lehrer- und Schülerwedſel, die 
Ueberladung mit öden Stoffmaßen, die zu geringe Betonung 
und Pflege des Notwendigen, die Unruhe und Kleinlichkeit, 
die den ganzen „Betrieb“ ergriffen hat, und die unausgeſeßte 
Störung der Arbeit dur<ß Beſuche und Reviſionen, dur< die 
KenntniSnahme von Verfügungen und die Anfertigung von 
allerlet Schreibwerk, das die moderne Volksſchule „faſt als 
Bureau erſcheinen läßt. Am ſc<werſten aber wiegen hier 
die idealen Verluſte, die das Rektorat der Perſönlich- 
f eit, der Stellung und Wirkſamkeit des Lehrers ge- 
bracht hat, und die Organiſationsfehler, die die Vor- 
ausſezung für die Ausbildung und „Hebung“ dieſer neueſten 
Aufſicht5inſtanz ſind, 
Das Kind will nicht bloß gebildet werden, es will ſich 
auch ſelbſt bilden, d. h. wachſen und emporranken an einer 
Perſönlichkeit, die ihm Muſter und Vorbild iſt. Dieſe 
es drang vielmehr von allen Seitn 
Ueber- /
	        

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