Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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rutg ſchou früher an die Möglichkeit gedacht hätte, vaſß 
ſchließlich die „mittlere Linie“ auch etwas weiter nach 
linfs Liege!: könne, ſo hätte ſich der Miniſter öv< jett 
ſagen: müſſen, daß die Regierung alles Mögliche aetan 
habe; um e?n Zuſammenfinden auf einer ſolchen „mitt- 
leren Linie“ unmöglich zu machen. 
"Wie die Konſervativen, ſo fand auch der Miniſtor 
den von der Mehrheit der Deputation vorgeſchlagenen 
Wortlaut der 88 1 und 2 verſchwommen wund vieldeutig 
und meinte, ein Bolksſchulgeſes müſſe ein Geſetz ſein, 
das für das Wolf beſtimmt und für das VolY ver= 
tändlic ſci. | 
„Die Regierungs hat, um ganz vprſihtig in ihrem 
Urteile zu ſein“, ſv ſc<loß der Miniſter ſeine Ausſüh- 
rungen, „der Tetzten Verſammlung ver Bezirksſchul- 
inſpeftoren vvpr etwa vierzehn Tagen die Möglichkeit 
gegeben, ſich ausführlich hierüber zu äußera, und, wie 
ſchon angedeutet, hat dieſe ſachverſtändigite Konferenz 
in unſerem Lande einmütig die ſc<werſten Bedenken ae- 
gen die Jaſtine der 88 1 und 2 erhoben un95 der Faſ- 
ſung der Yegierungsvorlage den Borzug gegeben.“ 
' Dieſes Ausſpielen des „einmütigen“ Wotums der 
„i6chverſtänödiaſten“ Konferenz gegen die Kammermehr- 
heit hatte allerdings nicht die gewünſchte Wirkung. Der 
fortſchrittliche Abgeordnete Dr. Dietel erklärte da- 
zU! „Wenn man die Konferenz der Bezirfsſchnlin]petkty- 
ren: gegen unſere Formulierung ins Feld geführt hat, 
ſo muß ich faſt alauben, daß eine pädagogiſHh2 Kvnlur- 
renz in Frage kommt (Sehr gut!), daß man a1ich gegen= 
über dem Hexrn Berichterſtatter, auf deſſen Werdienſt 
es doc< 'vor allen Dingen zurückzuführen iſt, daß vie 
Formulierung dieſer Paragraphen orfolgt iſt, eine ge= 
wiſſe Stellungnahme damit befunden wil. Wir fön= 
nen uns natürlich nicht davon leiten laſſen, für 1:13 
ſpielen leviglich fachliche Gründe und ſachliche Entſc<2i= 
dungen: eine Rolle“... (Sehr richtig! links.) us 
Dem Berichterſtätter Dr. Seyferxt machte ver Ptiz 
niſter das folgende eigenartige Komplimeni: „Wieince 
Herren! Jh weiß nicht, ob es Jhnen eveniy gegangen 
iſt wie mir, über bei den ſehr intereſſanten umd gewiß 
auch ideal gerichteten Ausführungen des Hexrn Vericht= 
erſtatter5 Dr. Seyfert habe: ih doh das Gefühl gehabt, 
a13 wären wir in einer Konferenz von Fahmännern gt- 
weſen (Heitorfeit. Zurufe.), die fich über die wichtigſicn 
Gegenſtände pädagogiſchen IJuhalts hier ſc<hlüſtig zu 
madchen bätt2g.“ Der Berichterſtatter antwortete darauf 
mit feiner IJrvnic: „Zu 8 1 hat der Hr. Miniſter geſagt, es 
habe den Etwdru> gemacht, als ob i< meine Darlegun- 
gen mehr für Fachleute beſtimmt hätte und auch mehr 
al8 Schulmann hier tätig geweſen wäre. Nun, do83 
fann ic nicht leugnen, und ich bedaure es, wenn, dur< 
beſiche“deune Saochkenntnis getrübt, mein Urteil nach ver 
Seite hin beeinfl'tßt geweſen iſt (Lebhaftes Sehr gut! 
und Schr richtig in der Mitte und links. -- Hütrt, 
Hört!) 7; aber es iſt das doh wohl nicht zu vermeiden, 
daß in einer ſolchen Frage, dic doch weſentlich pädagogiſch 
iſt, der Fachmann auch als ſol<er ſich hiex betätigt. (Schr 
richtig! in der Mitte.) Aber, wie geſagt, ich höre dax- 
aus keinen Vorwurf.“ = | 
Aber alle dieſe Ausführungen über die Aufgabe ns 
die Lehrfächer dex Volköſchule waren nur der Anftakt zu 
vem air dramatiſchen Momenten reichen Rebdekampf, 
der ſich um deit Abſaßz 3 des 8 2, ven ReligiouSunter- 
richt betreſfend, entſpann. Die Konſervativen veortra- 
ten den Standpunkt, daß dieſc Beſtimmung einem ſ<ran= 
fenlojen „SubjektiviSmus“ Tür und Torx bffne und der 
„Geiſt der Kir<e“ von jedem Lehrer nach ſeinem Ge= 
ſI<mac> Leſtimmit werden fönne. Der Miniſter ſuchte 
die gefährliche Kl“ppc dadurd) zu umſchiffen, daß cr ven 
ganzen Juhalt des Abſazz 3 für methodiſcher Art 
erklärte, der nicht in das Geſetz, ſondern ii die Aus- 
führungsverordnungen und Lehrpläne hineingehöre, Da- 
- der Zweiten Kammer, 
- fehiedenſte, 
' „Lehrgebiete“ -zu ſtreichen, 
“" am leichteſten einen folgenſ<hweren Sprung 'hätte 
. GC 4 
 
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Der Bolksſc<hnllehrer. | 922 
neben richtete der Miniſter, . faſt mehr nv als die 
Ne<hte, die Heftigſten Angriffe gegen die ſächſiſche Lehrexr- 
ſchaft, deren zunehmender Radvifali8Smus eine Löſung 
der Frage des ReligionSunterrichts im Sinne der Kams- 
mermehrheit unmöglich mache. Schließlich ſc<lug dex 
Miniſter vor, den Abſaßg 3 durd) folgende Beſtimmung zu 
erſezen?! „Der Religiopnsunterricht iſt in- 
nerhalb dcs Befenntnuiſſes dex betreffen- 
den Kirche zu erteilen“ Er glaubt2e vamit eine / 
Brücke gebaut zu haben, auf der nicht bloß die Parteien 
ſondern auc< die beiden Kam*- 
mern und die Negierung ſic dice Hand zur Einigung 
reichen könnten. . 
Die Kammermehrheit aber weigerte ſich aufs enuts=- 
dieſe Brücke zu betreten und betonte, alle 
daß ver hiSherige ReligionSsun- 
terricht. für die Jugend eine Qual und ſür das Leben 
ohne Einfluß uns Frucht geweſen ſei. Eine Aende- 
rung ſei alſy unbedingt notwendig. Bei Annahine der 
vom Miniſter vorgeſchlagenen Faſſung bleibe einfach 
alle3 deim alten, und die Rigoroſität gegen vie Lehrer 
werd2 ſich ſhranfenlos entfalten können. Die MöÖöBg- 
lichfeit einer zeitgemäßen Reform müſſe geſchaffen 
werden, und dieſe Möglichfeit biete nur der Abſatz 3, 
ſo wie er von der Deputationsmehrheit vorgelegt, werde. 
Die Sozialdemokraten hatten den Antrag geſtellt, 
im 8 2, Abſatz 1 die Religion aus der Feihe der 
weil ſie, wie ihr Sprecher 
ſich au Sdrückte, „wünſchen, daß die Religion zur Pri 
vatſache exflärt werde“. PWroßes Aufſcehen erxegte 3 
nun, als der ihren Reihen angehörige dritie Berichter- 
ſtatter Lange exflärte, ſie würden für den Fall, daß 
ihre cvigenen Ünträge abgelehnt würden, für den Ab- 
jaBß 3 ſtimmen, Hvdamit „ni<t Folgen einireien fünn= 
ten, die fie heute noch micht re<t überſehen könnten“, --- 
Damit war der „liberale Block“ an der Stelle, wv ex 
De= 
fommen fönnen, von neuem geſchweißt und ver Fall 
des Geſekes in bedrohliche Nähe gerü&t. --- 
Die wichtigſien Punkte der weiteren Verhandlungen wa- 
ren die Schulgeldfrage, die allgemeine Bolks5- 
Welt ſei darin einig, 
ſ<ulc, die Schulleitung und "hre „Befugniſſe“ 
und dig Schaffung eines Lanvdesſ<nlveirats. 
In der Shnlgeldfrage ſtellten ſich die Konfervati= 
ven auf ven Siandpunft des Regierungseuntwurfs, dex 
die Entſcheidung darüber, ob Schulgeld erhoben wer- 
den [olle vder nicht, den Gemeinden überlaſſen wolte. 
Mehrheit beſchloß die Shulgeldfreiheit. 
Die gleiche Parteikonſtellation ergab fich natürlt< wie- 
der bei ver Frage der allgemeinen Bolfks8ſ<1m 
[ e. Man hielt den Konſervativen vox, ſic wollten üÜber- 
haupt feinen Fertſchritt und beſonders auch die Un- 
gleichheit der Bildung erhalten. Sachſen aber 
mäüßne jedem Begabten das Recht auf die beſtmöglichſte 
Dildung geben. Der Berichterſtatter Dr. Sexyfert 
erflärte, die allgemeine Volksſ<hule ſei nicht eine 
Schule fix das ganze Land. In der Schule ſolle aber 
eine Grundlage für die Löſung der ſozialen Frage 
gelegt werden: die ſyziale Geſinnung BPäda- 
80 C 
gogiſc<he und fitiliche Bedenken gegen die allgemeine 
Bpolksſchule könne er micht anerfennen. Wenn exr in- 
nerhalb der allgemeinen Volksſ<ule eine höhere Ab- 
teilung vvrſc<lage, ſv wolle er damit dem Borwurf be- 
gegnen, vaß: die allgemeine Volksſchule eine weiterge- 
hende Bildung nicht ermögliche. Standesſ<ulen 
ſeien ein Hohn auf die gegenwärtige Kulturhöhe. -=- 
Demgegenüber behaupteten die Konſervativen, die all- 
geweine Voll sſchule ſei kein Allheilmittel gegen die ſo- 
ziale Zerklüftung der Nation. Man müſſ2 mit den gc- 
gebenen BWerhältniſſen rechnen. Ein Bedürfnis zur 
Cinführung ver allgemeinen Volksſchule könne nicht 
anerkannt werden. =- Die Abſtimmung ergab 69 Stim-
	        

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