Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

yer. 23 
und jezt in Godes8berg ein otium cum dignitate genießt, 
hat. Veranlaſſung genommen, in den bei Hirt in Breslau 
- erſheinenden „Monatsblättern für die Schulaufſicht“, dem 
Organ des Landes8verbandes der hauptamtlichen Kreisſc<hul- 
- inſpektoren: Preußens, (13. Jahrgang, Nr. 12, März 1913) 
ſeine Anſichten über das Rettorat niederzulegen ; die 
weſentlichſten Teile des Aufſatzes lauten : 
„Für den Freund der Volksſchule iſt das Zerwürfnis 
zwiſchen den Rektoren und Klaſſenlehrern ein unerquic>kliches 
Schauſpiel. Wenn in einem Orcheſter Dirigent und aus- 
führende Muſiker nichts voneinander wiſſen wollten und 
- Jeder ſeine Partie nach eigener Laune ſpielte, ohne ſich um 
- Einheit in Ton, Takt und Dynamik zu kümmern; welch 
unerträgliches Mißgetön würde entſtehn = wenn auch jeder. 
- auf ſeinem Inſtrumente ein Künſtler wäre! Die Wirkung 
vollſtändiger DisSharmonie zwiſc<en dem Rektor und den 
Klaſſenlehrern iſt, wenn ſie auc< nicht in die Ohren gellt, 
nicht minder häßlich und verwerflich. 
Der Lehrerſchaft fehlt e8 niht an JdeoliSmus : an opfer- 
willigem Intereſſe für ihren Beruf ſteht jie gewiß keinem 
Stande nac<. Wenn alſo der böſe, verderbliche Streit ent- 
ſtehen konnte und fortwirken kann, ſo muß wohl angenommen 
werden, daß vielfach das Weſen der großen Schulſyſteme 
hüben und drüben nicht genugſam erkannt und gewürdigt 
wurde und wird, daß weder die Nektoren no< die Klaſſen- 
lehrer überall zu ihrer gemeinſamen. Aufgabe den rechten 
Standpunkt eingenommen haben. - 
Selbſt bei viel einfacherem Zuſammenwirken leuchtet die 
Notwendigkeit eines Führers ohne weiteres ein. Wer be- 
zweifelt, daß, wenn ein Guß gelingen ſoll, ein die einzelnen 
Handreichungen regelnder Meiſter da ſein muß? 
: Wer wird die Stelle des Dirigenten eine8 Orcheſters für 
einen überflüſſigen Poſten halten ? Sind denn Erziehung 
- und Unterricht eine ſo einfache und wenig bedeutſame Sache 
daß man darauf verzichten kann, alle Vorſorge zu treffen, 
"daß fie aus einem Guſſe- und in voller Harmonie zu“ voller 
Wirkung gebracht werden ? 
Der Rektor ſoll Kopf und Herz des Lehrkörpers jein... . 
An Liebe zur Volksſ<hule, an herzlichem Intereſſe für das 
Ganze darf er ſiß von feinem Lehrer übertreffen laſſen. 
Von Rocdefeller, dem Haupte des Oeltruſtes, hat man geſagt, 
er habe ein Oelgehirn : er wittere in allem und jedem die 
Beziehung auf ſein Geſchäft. Wenn die Schule auch nicht gerade 
das alleinherrſchende, das einzige Intereſſe des Rektors ſein 
muß; jedenfalls muß ſie das vorherrſchende ſein. Er muß 
darauf eingeſtellt ſein, alles Förderlihe zu benüßen, jede 
Fährlichkeit zu vermeiden -- mit Selbſtverleugnung, mit 
Zurücſtellung ſeiner perſönlichen Neigungen. Der Rettor 
muß endliGg eine gefeſtige, adtungeinflößende, wohl- 
wollende, vertrauenerweckende BPerſönlichkeit ſein. Wenn 
der Rektor eine ſolche Perſönlichkeit iſt und die anderen an 
Wiſſen und Können wie an Liebe zur Sache üÜberragt, ſo 
iſt der Unzufriedenheit, die nicht ſelten das Leben und 
Wirken großer Schulſyſteme vergiftet, ein fetter Nährboden 
entzogen. Er wird dann nicht ſein Amt als Sodcel zur 
vorteilhafteren Darſtellung ſeiner Perſon betrachten ; : er 
wird es nicht mißbrauchen, um der eigenen Bequemlichkeit 
zu dienen; er wird nicht einen bloß papierenen BVerkehr 
mit ſeinen Mitarbeitern unterhalten, ſondern ſie durch 
Beſprechung und Beratung überall ins Intereſſe ziehen, ſo 
daß, wo möglich, jedex das Bewußtſein haben kann, das, 
was geſchehen ſoll, mitgewollt zu haben; er wird nicht das 
aus der gemeinjamen Berufsliebe und dem gemeinſamen 
Streben zu demſelben Ziele hervorgehende Gefühl der 
Kameradſ<aft verleugnen, ſondern ihnen berzlim)m näher zu 
treten ſu<en. Für fein Entgegenkommen ihren Wünſchen 
gegenüber wird es nur eine Grenze geben -- allerdings 
eine unverrücfbares: das Wohl der Schule. -- Wenn aber 
auc< der Rektor dem Jdeal recht nahe fommt und ſich 
redlich bemüht, ſeinen Mitarbeitern das Leben im Scul- 
[ſyſtem ſo angenehm als möglich. zu geſtalten, ſo kann 
Der Soltsſc<hnilehret. 
ſonſt abſolut nicht. 
 
356 
ihnen do< nicht exſpart werden, daß auch ſie zum Gedeihen 
des Ganzen Opfer an perſönlicgen Meinungen und Neigungen 
bringen müſſen. Man kann nicht einem Verband angehören 
'und zugleich ſeine Individualität ſi< ſchrankenlos8 ausleben 
laſſen. Sie müſſen dem Worte nachleben: „Nicht mir 
gehör' im; denn alles Sein ruht nur im. ganzen.“ 
Sie dürfen ſich nicht ſträuben, ſich abſtimmen zu laſſen 
auf den Grundton des Schulintereſſes. E3 kann doh nicht 
ſo Ichwer ſein, zum Wohle der Schule, die man. liebt und 
der man dient, die eigenen Wünſche einzuſchränken ; ſchwer 
iſt es nur, der Laune und der Willkür folgen zu müſſen, 
Freilich muß die Ginwirkung des Leiters hin und wieder 
auc< die Form der Weiſung, der Ermahnung und Warnung 
annehmen ; 28 gibt ja nicht tadellos tüchtige und pflicht- 
eifrige Lehrer, ſondern auch unerfahrene, ungeſchite und 
nicht vom allerbeſten Willen beſeelte. Cin Lehrer, der be- 
rechtigte, aus pflichtmäßiger Sorge für die Schule hervvr- 
gegangene Vorhaltungen übel nimmt, meint e8 weder gut 
mit ſeinem Berufe noch mit ſich ſelbſt. -- Eine recht uner- 
freuliche Erſcheinung iſt es, wenn -- beſonders jüngeren 
NRektoren gegenüber -- auf eine längere Dienſtzeit gepocht 
und dieſe ohne weiteres mit der Erfahrung verwechſelt wird. 
„richt immer am beſten erfahren iſt, wer am reichſten an 
Jahren iſt.“ Man kann Jubilar und dom an Erfahrung 
bettelarm fein. Wer 25 Jahre ohne Streben 
nach ſteter Vervollkommnung „geſchuſtert“ hat, der kann 
über Erfahrung nicht mitreden. Sollte dem Leiter etwas 
Menſchliches und Allzumenſchliches begegnen, jo muß die 
RÜ>ſicht auf das Ganze den Klaſſenlehrer abhalten, es zu 
ſeiner Bloßſtellung auszubeuten, und. wenn dieſer ſich dem 
Rektor überlegen glauben darf, muß er durc< rücdſichtsvolle 
Rückſprache oder auf einem andern geſeßlichen and unſ<äud- 
lichen Wege ſeine beſſere Einſi<t nutzbar zu madchen ſuchen. 
Herr Schulrat Erd mann operiert hauptſächlich mit Bildern 
und Gleichniſſen, um die Notwendigkeit des Jektorats 
in preußiſcher oder ſächſiſcher Ausgeſtaltung darzutun. Aber 
dieſe Bilder paſſen für ihren Zwe> wie die Fauſt aufs 
Auge. | .- 
Halten wir uns zunächſt an das muſikaliſche Vild, 
Der Orcheſterſpieler hat keine für ſich ſelbſt daſtehende fkünſt- 
leriſche Leiſtung zu vollbringen. Die Tätigkeit des einzelnen 
Orcheſtermitgliedes iſt vielmehr nur. eins von vielen 
Glementen, aus denen ſich das der Konzeption des Kompo- 
niſten entſprehende Tongebilde als ein einziges Werk 
zuſammenſezen muß. Und eben weil ſeine Wiedergabe nur 
eine einzige lünſtleriſcche Leiſtung iſt, muß ein einzelner 
als Interpret des Komponiſten die Leiſtungen der ver- 
ſchiedenen Künſtler zu der ihm vorſchwebenden einen Ge- 
ſamtleiſtung vereinigen. Was der einzelne Spieler ſeiner- 
ſeits einzuſetzen hat, iſt die erforderliche techniſche Fertigkeit 
und da38, was man „Seele“ der muſikaliſhen Kunſtübung 
nennt. Aber nicht einmal die Technik, viel weniger noch 
die „Seele“, dieſes Geiſtige und Höchſte, vermag irgend ein 
Menſ< ihm zu geben; ſonſt müßte ja ein tüchtiger Meiſter 
und Lehrer ſeines Inſtruments alle ſeine Schüler zur gleichen 
tehniſ<en Höhe und zu gleich durcgeiſtigtem Spiel zu 
führen imſtande ſein, was bekanntlich durchaus nicht der 
Fall iſt. Es kommt no< eins hinzu: Hat der Künſtler 
eine gewiſſe Stufe der Ausbildung erreicht, ſo hört das 
Lernen von anderen von ſelbſt auf. Die eigentliche *ünſt- 
leriſ<e Neife und Durchbildung muß er ſich ſelbſt 
geben. | 
Von dem im Orcheſter mitwirkenden Künſtler wird nur 
verlanat, daß er über die genannten zwei Faktoren künſt- 
leriſchen Könnens in ausreichendem Maße verfügt --- und 
Im Gegenteil: je mehr er ſeine 
fünftleriſ<e Auffaſſung und Eigenart zurückdrängt, je mehr 
er jede ſelbſtändige künſtleriſche Regung unterdrüct, je auf-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.