Full text: Der Volksschullehrer - 7.1913 (7)

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während in Preußen 3 v. H. der Knaben und 3,7 v. H. der Mädchen 
eine Mittelſchule beſuchen. Die größte Frequenz haben hierin Magde- 
burg und Kiel. | 
Berlin. Freiſinn und Einheit38ſc<<hule. Im allge- 
meinen zeigen jich die Freiſinnigen als Freunde der Einheits- 
jc<ule, wenigſtens ſoweit ſie in der Oeffentlichkeit ihre Meinung 
fundgeben. Daß es aber aud unter ihnen einflußreiche Leute gibt, 
die ganz anders denken und hinter den Kuliſſen auch reden, dafür 
lieferte der ſozialdemokratiſche Abgeordnete Bor<ardt in der 
160. Sizung des preußiſchen Abgeordnetenhauſes einen draſtiſchen 
Beweis ; er ſagte nämlich : 
„Das Jdeal der Ginheitsſ<ule, die allein die Schwierig- 
keiten und die Miſere unſeres Unterrichts in den höheren wie den 
niederen Anſtalten löſen kann, bekommen wir vorläufig no< nicht. 
Es hat ſeine beſtimmten wirtſchaftlichen und ſozialen Griinde, we3- 
halb die heutigen beſizenden Klaſſen dieſe Unterſcheidung zwiſchen 
Schulen für Arme und für Reiche aufrechterhalten. Weil wir das 
Ideal der Einheitsſ<ule vorläuſig no< nicht bekommen können, ſo 
begrüßen wir mit Freuden jede Möglichkeit, einen Schritt wenigſteus 
auf dieſem Wege zu tun. Deshalb haben wir auc< mit Freude den 
Antrag Engelbrecht begrüßt, der wenigſtens für unſere höheren - 
Schulen einen gemeinſamen Unterbau einführen will. 
Wa5 nun beſonders intereſſant war; dieſer Antrag iſt von nie- 
manden in der Kommiſſion ſo heftig bekämpft worden wie von 
einem Mitgliede der fortſchrittlichen Volk8partei (Abgeordneter 
Hoffmann : Hört, hört!), und gerade dieſes Mitglied der fortſchritt- 
lichen Volkspartei = ich weiß nicht, ob man Namen nennen kann. 
Es iſt ja bei uns mit den Kommiſſionen ſo ganz verſchieden ; 
manche Kommiſſionen geben die Namen in ihren Berichten an, und 
mance verſchweigen jie ſorgfältig, als ob e8 ein Amt8geheimnis 
wäre. JI nehme doch an, daß jeder von un38 zu dem, wa8 er in 
der Kommiſſion geſagt hat, auch hier in der Oeffentlichkeit ſtehen 
wird. Aber wir legen ja großes Gewicht darauf, den in dieſem 
Hauſe üblichen feinen Ton nicht zu verlegen. De8halb werde ich 
alſo den Namen vorläufig nicht nennen. =-- I< will nur hinzu- 
fügen : gerade dieſes Mitglied war kein Shulmann. Die Sc<ul- 
männer der fortſchrittlichen Volkspartei ſtanden alle auf ſeiten 
dieſes Antrage38; aber eins der einflußreichſten Mitglieder wandte 
ſich heftig dagegen, und zwar gerade aus dem Grunde, weil dieſer 
Nedner darin einen erſten Schritt auf dem Wege zur Einheitsſchule 
ſab (Abgeordneter Hoffmann : Hört, hört !), und er ſagte mit Pathos 
und Emphaſe, die Einheitsſ<ule wäre ein Unglüc> für das deutſche . 
Volk! (Hört, hört! bei den Sozialdemokraten.) Ja, meine Herren, - 
nach dem, was ich Ihnen auseinandergeſelßt habe, iſt die Ginheit8- | 
jc<ule das einzige Mittel, die Vorre<hte des Geldſacks auf Bildung 
zu beſeitigen, und wer die EGinheitsſchule fitr ein Unglück erklärt, 
der will eben dieſe Vorrechte des Geldſa>3 beibehalten. 
der iſt alſo reaktionärer als irgend ein Konſervativer... (Abgeordneter 
Hoffmann: Sehr wahr!) . 
Cin zweiter Verſueh iſt der Vorſchlag des Herrn Kollegen 
Ernſt, eine organiſche Verbindung zwiſchen den Lehrplänen herzu- 
ſtellen, ſo daß die Kinder der Volksſchule ohne weiteres auf die 
höheren Schulen übergehen können. Auch dieſem Antrage ſtehen 
wir ſympathiſ< gegenüber ; es wäre uns ſehr lieb, wenn er ange- 
nommen würde. Wir wiſſen ja, Sie (nach reHt38) werden den An= 
trag nict annehmen; und es kann uns letzten Endes auc gleich 
ſein. Denn wenn wir auch, wie geſagt, dieſen Dingen ſympathiſch 
gegenüberſtehen: Das ſind nur kleine Mittel, nur Kleinigkeiten, 
die auf dem Wege zum Ziele liegen. Da3 Ziel aber, wofür wir 
kämpfen, das iſt eben die Ginheitsſ<ule für das geſamte 
Volk, damit endli? das Wort wahr werde, das wir jedes Jahr 
in dieſem Hauſe wiederholen: unſer Schulweſen muß ſo eingerichtet 
ſein, daß die ganze Nation teilhaben kann an der Bildung ihrer 
Zeit." (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) 
Berlin. c 
ordnetenhauſe. GEsSiſt bezeichnend, daß, während die preußiſchen 
Volksſchullehrer aus nationalen und ſozialen Gründen für die 
Einheits5ſc<hule eintreten und demgemäß die Vorſ<ulen zu 
den höheren Lehranſtalten bekämpfen, die Regierung, wie der 
Abgeordnete Ernſt (162. Sit. am 10. April) betonte, die Vorſchulen 
begünſtigt und in dieſer ihrer Haltung insbeſondere von den 
ſogenannten „Mittelparteien“, den Freikonſervativen und -- 
den Nationalliberalen unterſtüzt wird. Beſonders auffallend 
iſt, daß, während die Freikonſervativen ſich an einem Redner zu 
dieſer Frage genügen ließen, die Nationalliberalen ihrer 3 wei 
haben mußten. 
Der freikonſervative Abgeordnete Dr. Wagner führte aus: 
„Ueber die Frage der Erhaltung der Vorſchulen an den höheren 
' Lehranſtalten will im mich nicht grundſätzlich äußern, fonderu nur 
meiner Befriedigung darüber Ausdruck geber, daß der Herr Miniſter 
bereits in der Budgetkommiſſion auf eine dahingehende Anfrage 
geantwortet hat, daß die Unterrichtsverwaltung eine grundſäßliche 
Stellung in dieſer Frage nicht einnehme, ſondern nach deu Bedürf- 
niſſen entſcheide. JI< halte dieſen Standpunkt für einen durchaus 
richtigen. J< würde es ſchr bedauern, wenn man aus rein theore- 
tiſchen Grwägungen die Vorſchule beſeitigen und durc< die Volk5- 
ſc<ule alles das erreichen wollte, was, wie uns oft genug nachge- 
wieſen iſt, wmſtändlich und entſchieden zeitraubend iſt für die- 
Der Volksſ<ul1lcehrer. 
Die Vorſ<ulfrage im preußiſchen Abge- 
 
vt. 923 
jenigen Eltern, welche ihre Kinder auf alle Fälle für eine höhere 
Lehranſtalt beſtimmt haben. I< bin alſo der Anſicht daß es zweck- 
mäßig iſt, die Sache auf dem status quo zu belaſſen, und habe 
daher keine Veranlaſſung, jezt dieſer Frage näher zu treten. 
Der erſte der nationalliberalen Redner, Abgeordneter 
Fromme, machte die Sache mit einem einzigen Saze ab: „Din? 
fichtlim der Vorſchule billigen wir das Verhalten der Königlichen 
Staatsregierung, die keinen prinzipiellen Standpunkt fir oder gegen 
die Borſchulen einnimmt, ſondern ihre Gründung von den örtlichen 
Verhältniſſen abhängig ſein läßt.“ 
„Umſo ausführlicher wurde ſein Fraktion8genoſſe Dr. Rö< ling, 
der ſich für den Uusbau der am Königlichen Ludwig8gymnaſium 
in Saarbrüden beſtehenden einklaſſigen Vorſchule zu einer 
dreitlaſſigen ins Zeug legte. Wir wollen aus ſeiner Rede nur 
die weſentlichen Säße herausheben: 
„3 mödte hier die Frage der Vorſchule am Königlichen 
LUdwig8-Gymnaſium in Saarbrücken zur Sprache bringen. 
In dieſem Gymnaſium beſteht eine Vorſchule, die zur Zeit ein- 
tlaſjig iſt. Sie wird ſehr mäßig, nämlich von 20 bis 25 Schülern 
im jährlichen Durchſchnitt, beſucht, und de8halb hat, wie ich höre, 
die Königliche Staatsregierung beſchloſſen, dieſe Vorſchule ſpäter bei 
Abgang des ſc<on bejahrten Vorſchullehrer3 eingehen zu laſſen. 
34 mücte die Königliche Staat3regierung und den Herrn Miniſter 
bitten, dieſen Gedanken aufzugeben und vielmehr umgekehrt dazu 
überzugehen, dieſe Vorſchule zu einer normaten, dreiklafſigen 
Vorſchule auszubatuten. I< bin mir dabei bewußt, hiermit 
den grundſäßlichen Standpunkt zu vertreten, kein Gegner der Vor- 
ſchule als ſol<er, ſondern ein Anhänger dieſes Prinzip8 
zu ſein, nicht etwa deshalb, weil ich die Vorſchulen als Geld- 
ſa >ſ<ulen erhalten will, ſondern umgekehrt, weil ic der Auf- 
faſſung bin, daß die Vorſchulen wenigſtens in meiner Heimat von 
allen Bevölkerungskreiſen, in8beſondere auch von den Kindern 
des Mittelſtandes regelmäßig beſucht werden. -- Aller- 
dings die jeßige einklaſſige Vorſchule am Ludwigs-Gymnaſium. ex: 
füllt ihren Zweck, eben weil ſie eine einklaſſige iſt, nur ſehr 
unvollfommen . . Das Ludwig8-Gymnaſium mit Nealgymnaſium 
muß deShalb für dieſtädtiſc<h e Bevölkerung von Saarbrücken ſeine 
“einklaſſige Vorſchule zu einer dreiflaſſigen au3b auen, damit die 
Städte ihre Knaben ſchon mit dem ſchulpflichtigen Alter zum 
Gymnaſium ſchi>en können. Dadurch würde die Symnaſialſexta eine 
ſtändige ſtädtiſc< e Schülerzahl von 50 Knadben- erhalten, und 
dazu würden noh die Jungens aus der weiten Umgegend kommen, 
die infolge der Aufnahmeprüfung nachher in die Sexta eintreten. 
„eee Sobald die Borſchule am Gymnaſium eingeht, entſteht 
eine ſtädtiſche Vorſchule, nur unter einem anderen Titel. Die 
Stadt hat ſeit der Ginrichtung der Stadtſchulinſpektion das Seminar 
für Bolksſ<ullehrerinnen von ihrem Oberlyzeum getrennt und mit 
der Mäd<henmittelſ<hule i. E. organiſch verbunden. E83 ſteht un- 
mittelbar unter der Leitung der Stadtſchuliunſpektion. Dieſe muß 
für das Seminar eine Seminarübungsſc<ule einrichten. Dieſe 
Vebungsſchule ſoll den Lehrplan einer Vorſchule für Knaben 
und Mäd<hen mit drei aufſteigenden Klaſſen erhalten, 
wenn die Borſchule des Gymnaſiums aufgelöſt wird, 
pder als einktlaſſiger Torſo weiter beſtehen. Dann aber würden die 
Sdqüler dieſer ſtädtiſchen allgemeinen Vorſchule in der Mehrzahl 
das ſtädtiſche Neformrealgymnaſium aufſfuchen, und 
das Königli<e Gymnaſium mit ſeinem Realgymnaſium wird noch 
mehr geſ< ädigt werden, als es heute ſchon geſ<hieht.... 
Diegebilveten Kreiſe in Saarbprücen ſind heute in großer 
Berlegenheit, wohin ſie ihreſ<hulpflichtigen Knaben 
I<i>den ſollen. Die ſchulpflichtigen Mädchen beſuchen ſofort die 
hieſigen Lyzeen. Dieſe Kreiſe würden es mit Freude begrüßen, 
wenn die Vorſchule auc< ſc<on die Kinder des erſten Schul - 
jahres aufnehmen könnte. ..... IH möchte als alter 
S <hüler des Königlichen Ludwig3-Gymnaſiums 
die Staatsregierung bitten, dieſem Wunſ<he Wohlwollen 
entgegenzubringen. ZZ bin Dabei lediglich von dem Ge- 
danken geleitet, daß die Schule, auf der ich erzogen worden bin, 
und an die ic) mit Verehrung, wenn auch nicht mit ungemiſc<<te1 
Treude zurückdenke, in dem Sinne erhalten bleibt, daß alle 
Geſellſchaftsklaſſen, die oberen, mittleren und unteren auf 
er Schule vertreten ſind. I< meine, es iſt wünſchenswert, 
daß die Schule ſic) nicht al38 eine Klaſſenſchule einſeitig entwickelt, 
ſondern daß alle Kreiſe der Stadt, auch die Mitglieder des 
Mittelſtand es, ihre Kinder in dieſe Schule ſchi>en. Das wird 
am beſten geſchehen, wenn die Vorſchule zu einer drei- 
tlaſjigen ausgeſtaltet wird.“ - 
Der ſozialdemokratiſche Abgeordnete Bor<ardt be- 
ſchäftigte ſich mit einem in ſeiner Beweisführung mehr al5 vrigt- 
nellen UArtifel des Gymnaſialdirektors Prahl in Prenzlau zu- 
gunſten der Vorſ <ulen, der in den „Preußiſchen Jahrbüchern“ 
erſchienen iſt. Seine Ausführungen haben folgenden Wortlaut: 
„Sc habe hier nog ein anderes Heft der Preußiſchen Jahr- 
bücher, worin etwas ſehr Intereſſantes über das höhere Schulweſen 
ſteht und beſonders über die Frage, warum wir Überhaupt höhere 
Schulen haben. Der Aufſag handelt nur von der Vorſchule und 
von den Beſtrebungen, die Borſchule abzuſchaffen. Verfaſſer ves 
Auffſaßes iſt der Gymnaſialſchuldirektor Prahl in PBrenz-
	        

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